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Dienstag, 18. Januar 2022
Bestenliste 2.0
Nach dem Erscheinen des letzten Streifens Keine Zeit zu sterben auf DVD und Bluray ist es Zeit, alle Bondfilme in einer Bestenliste zu ordnen. Die letzte Liste dieser Art gab es hier im Juni 2020 nach Abschluss meines Bondmarathons.
Freitag, 1. Februar 2019
Think big in Japan
"This dream ist for you, so pay the price.
Make one dream come true, you only live twice."
(You Only Live Twice, Nancy Sinatra)

Bond-Marathon #005: YOU ONLY LIVE TWICE (1967)
Nach Terence Young und Guy Hamilton übernahm bei YOU ONLY LIVE TWICE (Man lebt nur zweimal) mit Lewis Gilbert ein neuer Regisseur das Ruder. Am Drehbuch arbeitete statt des bond-erprobten Richard Maibaum der Schriftsteller Roald Dahl, der für Eon Productions auch Ian Flemings Kinderbuch CHITTY CHITTY BANG BANG für die Leinwand adaptierte. Seine Version von Ian Flemings 11. Bondroman weicht erstmals stark von der Vorlage ab und fügt gewagte Science-Fiction-Elemente hinzu. Ein Vorgeschmack auf künftige Eskapaden der Reihe. Für Fans ist das bis heute ein Streitpunkt.
Make one dream come true, you only live twice."
(You Only Live Twice, Nancy Sinatra)

Bond-Marathon #005: YOU ONLY LIVE TWICE (1967)
Nach Terence Young und Guy Hamilton übernahm bei YOU ONLY LIVE TWICE (Man lebt nur zweimal) mit Lewis Gilbert ein neuer Regisseur das Ruder. Am Drehbuch arbeitete statt des bond-erprobten Richard Maibaum der Schriftsteller Roald Dahl, der für Eon Productions auch Ian Flemings Kinderbuch CHITTY CHITTY BANG BANG für die Leinwand adaptierte. Seine Version von Ian Flemings 11. Bondroman weicht erstmals stark von der Vorlage ab und fügt gewagte Science-Fiction-Elemente hinzu. Ein Vorgeschmack auf künftige Eskapaden der Reihe. Für Fans ist das bis heute ein Streitpunkt.
Samstag, 1. Dezember 2018
Schachmatt in einem Zug
"I've seen places, faces,
And smiled for a moment."
(From Russia With Love, Matt Monro)
Bond-Marathon #002: FROM RUSSIA WITH LOVE (1963)
Nach der Besprechung zu DR. NO geht es nun endlich weiter mit FROM RUSSIA WITH LOVE (Liebegrüße aus Moskau) von 1963 - in diesem Jahr immerhin 55 Jahre alt. Zum Film hatte ich anlässlich des goldenen Jubiläums vor 5 Jahren schon mal eine Besprechung veröffentlicht. Auch diesen Film habe ich auf Bluray im Originalton angeschaut und werde ihn nach einer 15-Punkte-Bewertungsskala einordnen. Zwei Bewertungs-Elemente habe ich noch hinzugenommen: Drehorte und Helfer.
And smiled for a moment."
(From Russia With Love, Matt Monro)
Bond-Marathon #002: FROM RUSSIA WITH LOVE (1963)
Nach der Besprechung zu DR. NO geht es nun endlich weiter mit FROM RUSSIA WITH LOVE (Liebegrüße aus Moskau) von 1963 - in diesem Jahr immerhin 55 Jahre alt. Zum Film hatte ich anlässlich des goldenen Jubiläums vor 5 Jahren schon mal eine Besprechung veröffentlicht. Auch diesen Film habe ich auf Bluray im Originalton angeschaut und werde ihn nach einer 15-Punkte-Bewertungsskala einordnen. Zwei Bewertungs-Elemente habe ich noch hinzugenommen: Drehorte und Helfer.Sonntag, 16. September 2018
Mord unter'm Mangobaum
"Underneath the Mango Tree
Me honey and me make boolooloop soon."
(Under the Mango Tree, Diana Coupland)
Bond-Marathon #001: DR. NO (1962)
Nach der TV-Verfilmung von Casino Royale geht es nun endlich richtig los mit dem Marathon durch die Bondgeschichte, mit DR. NO (James Bond 007 jagt Dr. No) aus dem Jahr 1962. Zum Film und den zeitgeschichtlichen Hintergründen hatte ich mich bereits hier schon einmal ausgelassen. Für diesen Marathon habe ich mir ein spezielles Bewertungssystem erstellt, das ich an jeden Film anlege und dadurch zu einer hoffentlich weniger subjektiven Bewertung komme, als das normalerweise der Fall ist. Es orientiert sich an der gymnasialen 15-Punkte-Bewertung. Zum Teil habe ich die Filme jetzt seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr gesehen und freue mich sehr darauf. Ich sehe sie auf Bluray und im Originalton.
Me honey and me make boolooloop soon."
(Under the Mango Tree, Diana Coupland)
Bond-Marathon #001: DR. NO (1962)
Nach der TV-Verfilmung von Casino Royale geht es nun endlich richtig los mit dem Marathon durch die Bondgeschichte, mit DR. NO (James Bond 007 jagt Dr. No) aus dem Jahr 1962. Zum Film und den zeitgeschichtlichen Hintergründen hatte ich mich bereits hier schon einmal ausgelassen. Für diesen Marathon habe ich mir ein spezielles Bewertungssystem erstellt, das ich an jeden Film anlege und dadurch zu einer hoffentlich weniger subjektiven Bewertung komme, als das normalerweise der Fall ist. Es orientiert sich an der gymnasialen 15-Punkte-Bewertung. Zum Teil habe ich die Filme jetzt seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr gesehen und freue mich sehr darauf. Ich sehe sie auf Bluray und im Originalton.Samstag, 11. März 2017
Bond vs. King Kong
Mit KONG: SKULL ISLAND startet eine neue Verfilmung um die Figur King Kong in den Kinos, die schon im Jahr 1933 ihren ersten und bis heute beeindruckenden Auftritt hatte. Die diversen Verfilmungen des Stoffes spiegeln ihre Entstehungszeit jeweils sehr gut wider - vom Beginn der Tonfilm-Ära über die Katastrophenfilme der Siebziger als Vorläufer moderner Blockbuster, die Möglichkeiten moderner, digitaler Tricktechnik im neuen Jahrtausend bis hin zur Umarbeitung aller möglichen Stoffe zu Franchise-Vehikeln in der Gegenwart.Und so gibt es natürlich auch einige bemerkenswerte Überschneidungen mit dem Bond-Universum, auf die hier aus Anlass des neuen Kong-Films näher eingegangen werden soll.
Von Skull Island nach Las Vegas
Was heute 'Cinematic Universes' sind, waren in den 1930er Jahren Monster. Sie garantierten Kasse, und jeder wollte ein paar davon sein Eigen nennen. Dracula, Frankensteins Monster, Wolfsmenschen, Mumien und Unsichtbare sowie deren Bräute und Söhne hielten die Welt in Atem, und machten Bela Lugosi und Boris Karloff zu Stars.Anders als die anderen Monster - mit Ausnahme der Mumie - hatte KING KONG keine literarische Vorlage, sondern wurde direkt für die große Leinwand konzipiert. Die Geschichte hat trotzdem - oder gerade deshalb - etwas archetypisches und bis heute faszinierendes, und reflektiert in mehrfacher Hinsicht das Medium Kino an sich. Die manische Suche des Filmemachers nach immer größeren und beeindruckenderen Sensationen, deren hemmungslose Ausbeutung oder das Ritual der Eingeborenen, das das Monster besänftigen soll - Kino ist ja letztlich ebenfalls eine Art Ritual, das stellvertretend Ur-Ängste durchleben lässt und durch eine Katharsis besänftigen soll.
Der klassische Held in KING KONG war der US-Amerikaner Bruce Cabot. Die Rolle brachte ihm den Durchbruch und steht am Beginn seiner Karriere, mit Filmen wie Fritz Langs FURY, HATARI!, CAT BALLOU sowie zahlreiche Western an der Seite von John Wayne. Cabots Rollen wandelten sich langsam von Helden zu Schurken, und am Ende seiner Karriere stand schließlich sein finaler Auftritt als zwielichtiger Burt Saxby in DIAMONDS ARE FOREVER.
Saxby ist Blofelds rechte Hand im Film. Man sieht ihn zuerst in einem Casino in Las Vegas, als er mit Wint und Kidd spricht, und kurz darauf James Bond - verkörpert von Sean Connery - unbegrenzten Kredit beim Roulette einräumt. Später im Film wird er mit dem Oneliner "Tell him he's fired!" erschossen.
Kurz nach seiner Einführung sagt Plenty O'Toole: "You handle those cubes like a monkey handles coconuts". Später im Film sieht man einen Schausteller in einem Gorilla-Kostüm aus einem Käfig ausbrechen und Kinder erschrecken. Wenn man bedenkt, dass Regisseur Guy Hamilton und Autor Tom Mankiewicz einen feinen Sinn für groben Unfug hatten, könnte man diese Szenen durchaus als Anspielung auf Cabots berühmteste Rolle sehen.
iZeitlgeich zu KING KONG drehte Regisseur Ernest B. Schoedsack den Dschungel-Kulissen den Thriller THE MOST DANGEROUS GAME, in dem Fay Wray und andere auf der Insel eines Menschenjägers landen. Diese Geschichte lieferte die Inspiration für die Jagd auf Bond in OCTOPUSSY.
Mit THE SON OF KONG kam sensationelle sechs Monate später eine Fortsetzung in die Kinos, die zwar sowohl O'Brien als Trick-Techniker als auch Robert Armstrong als Carl Denham, Frank Reicher als Kapitän Englehorn und Noble Johnson als Eingeborenen-Häuptling gewinnen konnte, aber in Deutschland nie in die Kinos kam. Deutsche Uraufführung war erst 1993.
Armstrong und O'Brien sowie ein junger Ray Harryhausen wirkten 1949 auch an MIGHTY JOE YOUNG mit, der offiziell nichts mit King Kong zu tun hat, obwohl er in Deutschland unter dem Titel Panik um King Kong erschien.
Big in Japan
KING KONG war eine der Inspirationen für GODZILLA (ゴジラ, Gojira, 1954), und so dauerte es auch nicht lange, bis dieses ikonische Monster auf den Riesen-Gorilla traf. In KING KONG VS. GODZILLA (キングコング対ゴジラ Kingu Kongu Tai Gojira) begegnen sich diese beiden Urzeit-Monster, ebenso wie die beiden späteren Bondgirls Mie Hama und Akihiko Wakabayashi aus YOU ONLY LIVE TWICE (Man lebt nur zweimal, 1967). Mie Hama wandelt hier auf den Spuren von Fay Wray und ist Kongs 'love interest'.Nach ihrem internationalen Erfolg mit James Bond spielte Mie Hama noch einmal in einer japanischen King-Kong-Verfilmung mit, KING KONG ESCAPES! (deutscher Titel: King Kong, Frankensteins Sohn, 1967), in der der Riesengorilla auf einen ziemlich lächerlich aussehenden Roboter trifft. Hama spielt hier eine schurkische Agentin namens Madame Pyranha.
Trotz zahlreicher Rollenangebote aus Hollywood zog sich Mie Hama aus dem Filmgeschäft zurück und lebt heute auf einer Farm im ländlichen Japan.
Kong '76
Mitte der 1970er Jahre produzierte Dino De Laurentiis ein Remake des 1933er Originals. Ursprünglich wollte man den Film ebenfalls in den Dreißigern ansiedeln, was sich allerdings als zu teuer erwies. Deshalb entwickelte man lieber eine Neu-Interpretation, die aus heutiger Sicht ein interessantes Zeit-Dokument ist. Vor allem das Finale auf und im World Trade Center hat einen nostalgischen und melancholichen Touch.
Obwohl der Film teils zu Recht eher negative Besprechungen erhielt, gibt es aber auch viele positive Aspekte an dem Remake.
Für Bondfans am interessantesten ist sicher die Filmmusik von John Barry. KING KONG ist einer von Barrys ersten Scores, die die eher majetätische, von Streichern getragene Musik in der späteren Phase seines Schaffens repräsentieren. Diese eher ruhigere Musik brachte ihm zwei seiner Oscars ein - für OUT OF AFRICA und DANCES WITH WOLVES - wurde aber auch oft kritisiert. So erhielt er für THE LEGEND OF THE LONE RANGER 1981 sogar eine goldene Himbeere, und einige seiner Arbeiten wurden abgelehnt und ersetzt. Für mich ehrlich gesagt unverständlich. Es gibt keinen schlechten Barry-Soundtrack, und auch KING KONG gewinnt durch seine Musik ungemein an Atmosphäre.
| Ausstellung im Empire State Building |
Ein weiterer Bondbezug ergibt sich durch Drehbuch-Autor Lorenzo Semple junior, der sieben Jahre später das Buch für NEVER SAY NEVER AGAIN schrieb. Ein Meisterwerk, das ihn unbedingt für Bond empfiehlt, ist seine Kong-Version nicht gerade. Dwan ist als Rolle ziemlich eindimensional, und in ihrer Unbedarftheit und Freizügigkeit auch leicht sexistisch. Dass dafür Britt Ekland aus THE MAN WITH THE GOLDEN GUN im Gespräch war, verwundert daher nicht wirklich. Immerhin haben KING KONG und NEVER SAY NEVER AGAIN gemeinsam, dass sie einer sehr attraktiven Blondine zu Weltruhm verhalfen - Jessica Lange und Kim Basinger.
Überhaupt ist in Semples KING KONG vieles eine Nummer profaner und dreckiger. Aus dem schüchternen, arbeitssuchenden Mädchen wird hier eine naive Pornodarstellerin (was zumindest angedeutet wird), aus dem heroischen Matrosen ein dem Alkohol zugetaner Hippie und aus dem visionären Filmemacher ein schäbiger Öl-Magnat. Und Kong wird nicht mehr am Time Square ausgestellt, sondern auf irgendeinem Freigelände in einer riesigen Tanksäule.
Aber das Script hat auch einige sehr schöne Ideen. Etwa, dass Skull Island ständig von einer Wolkenformation verhüllt ist, die durch den Atem riesiger Tiere entsteht. (Was mich als Kind ziemlich fasziniert hat, und auch in SKULL ISLAND verwendet wird.) Trotz ihrer Naivität bekommt Dwan durch ihre angedeutete Wehrhaftigkeit ("Du blöder Affe!"), ihre Sympathie und ihren Einsatz für Kong am Ende auch eine aktive Seite, wo Fay Wray nur Objekt und 'Scream-Queen' war. Das erinnert zum Teil schon an Peter Jacksons Version von 2005.
Und schließlich gibt es im 1976er KING KONG auch einen Auftritt von 'Mr. Tee Hee' Julius W. Harris aus LIVE AND LET DIE.
1986 entstand eine Fortsetzung dieses Films mit dem Titel KING KONG LIVES und Linda Hamilton in der weiblichen Hauptrolle, der Kritiker und Fans jedoch noch weniger überzeugen konnte.
Beauty killed the Beast
2005 entstand schließlich mit Peter Jacksons KING KONG eine Neuverfilmung, die dem Original am ehesten das Wasser reichen kann und eine enorme Liebe zum Detail aufweist - wenn sie auch keine nennenswerten Bondbezüge hat.
Interessant sind die Veränderungen in den verschiedenen Geschlechterrollen und der Handlung im Verlauf von über 80 Jahren: Die weibliche Hauptrolle vom anfänglich buchstäblichen Opfer hin zur aktiv handelnden und selbstbewussten Frau; und der Held, der sich vom zwar auch eher simpel gestrickten, aber trotzdem zupackenden und mutigen Seemann zum langhaarigen Umweltschützer und schließlich zum intellektuellen Schriftsteller wandelt.
Der visionäre Filmemacher Denham ist im Original ebenfalls ein heroischer Charakter, der auch am Schluß noch bewundert wird und den klassischen Schluss-Satz liefert. In ihm spiegeln sich die beiden Macher Merian C. Cooper und Ernest Schoedsack, die wie Denham Afrika bereisten und Dokumentarfilme mit Spielfilm-Elementen drehten. Sie haben im Original einen Kurzauftritt als Piloten, die auf Kong schießen. Dieser Charakter wandelte sich zum gierigen Kapitalisten ohne besondere Visionen im 1976er Film, der zur Strafe von Kong getötet wird. Was sicher der Nixon-Ära geschuldet ist. In der 2005er Version hat er schließlich komödiantische und schlitzohrige Elemente, die seine Skrupellosigkeit zwar abmildern, ihn aber auch nicht mehr als Macher und Erfolgsmenschen kennzeichnen.
King Kong wurde dagegen nicht nur rein optisch älter und abgekämpfter, sondern auch emotionaler und realistischer. Es wird interessant werden, wie sich KONG: SKULL ISLAND in diese Entwicklung einfügt.
Donnerstag, 12. November 2015
Der Große Bruder ist überall
SPECTRE: Der erste Eindruck
Mit leichter Verspätung möchte ich hier mal meine Meinung zu SPECTRE kundtun. Da die Premieren und das Startwochenende bereits hinter uns liegen, enthält der Artikel einige Spoiler.
Der jeweils vierte Film eines Bonddarstellers ist ein besonderes Vergnügen, in dem sich die jeweiligen Stärken, aber auch Schwächen seiner Ära deutlich abzeichnen. Der Darsteller kann in seiner vierten Inkarnation den Charakter so mühelos überstreifen wie ein Dinner Jacket. Wie ein erfahrener Pianist schafft er es mit zwei, drei Noten das Bondtheme anklingen zu lassen. Hier eine Geste, dort ein Blick.
Das "verflixte" vierte Mal
Ich denke da beispielsweise an Sean Connerys Geste am Spieltisch in THUNDERBALL, Roger Moores süffisanten "Etwas verfrüht, finden Sie nicht" in MOONRAKER oder das kurze Lächeln, mit dem Pierce Brosnan einem Diamantenhändler in DIE ANOTHER DAY die Sonnenbrille abnimmt. Schon die Bilder von Daniel Craig auf den Premieren von SPECTRE lassen ihn so bondig und lässig wie nie zuvor erscheinen. Daniel Craig IST James Bond. Weiterentwickeln kann er die Figur vor allem in den humorvollen Szenen. Wirkte er da bisher auf mich immer etwas bemüht, präsentiert er hier Oneliner und Situationskomik, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Das macht großen Spaß.
Aber gerade in dieser Vertrautheit liegt auch bereits der Schatten des Endes. Schauspieler suchen Herausforderungen. Eine Rolle, die schon zu einem guten Teil mit der eigenen Persönlichkeit verwachsen ist, wird schnell langweilig und sogar gefährlich.
Im ersten Film ist die Herausforderung noch riesig. Im zweiten gab man dem Darsteller dann mehr zu tun. TOMORROW NEVER DIES und QUANTUM OF SOLACE sind deshalb Actionfeuerwerke. Im dritten Film taucht der große ernsthafte Gegner auf; und im vierten dann kennt der Zuschauer seinen Reisebegleiter so gut, dass man mit ihm in wildere und gewagtere Gewässer navigieren kann. Zudem es gibt eine erste Rückschau und Reflektion des bisher gezeigten. Und hier zeigt sich dann oft bereits die Schattenseite der Ära. Connerys müheloses Machismo und der mechanische "Even Bigger"-Drang, die Tendenz zur Albernheit bei Moore, das richtungslose Mäandern zwischen den Welten bei Brosnan, es wirkte sich jeweils negativ auf die Dramaturgie des Films aus.
Bei Daniel Craig ist es die Beschäftigung mit dem Innenleben und der Vergangenheit des Helden sowie ein Bestreben, die bekannten Klischees zu kontrastieren, die hier erstmals aufgesetzt und unbefriedigend gelöst wirken. Timothy Dalton sagte einmal, dass Bond der klassische Fremde aus dem Western ist, der in die Stadt kommt, die Gangster erledigt und wieder in den Sonnenuntergang reitet.
Mit Craig ist Bond nicht mehr dieser Fremde. Man weiß, wann und wo er geboren wurde. Man weiß, wo, wie und mit wem er aufwuchs; welche Ereignisse seine Kindheit prägten, wer seine Eltern waren, wie sie hießen. Man weiß, wer ihn aufzog, mit wem er als Kind spielte. Wie er als Kind aussah. Man kennt seine große Liebe und wie er seinen Doppelnull-Status bekam. Die wichtigsten Ziele dieser Reisen in die Vergangenheit sind abgehakt. Natürlich könnte man jetzt noch seine Tante Charmain oder sadistische Lehrer in Eaton thematisieren, aber der Reiz ist mittlerweile überschaubar. Wird der nächste Darsteller nach Craig überhaupt noch dieser faszinierende Fremde sein können?
Am Ende von SPECTRE spürt man den Drang der Macher, kein beliebiges Ende mit Belohnungsbeischlaf und flottem Spruch abzuliefern. Es muss immer die große Geste sein. Aber es wirkt mittlerweile nicht mehr so faszinierend wie das "Bond. James Bond" in CASINO ROYALE, oder auch die Schlusszenen von QUANTUM OF SOLACE oder SKYFALL.
George Orwell lebt nur zweimal in Dr. Mabuses Kabinett in Casablanca
Bei der Berlinale 2014 saßen Barbara Broccoli und Christoph Waltz zusammen in der Jury. Ich könnte mir gut vorstellen, dass während dieser Zusammenarbeit die obligatorische Frage auftauchte, ob Waltz nicht mal einen Bondschurken spielen möchte. Waltz, der in Interviews oft betont, dass er jedes Rollenangebot erst einmal skeptisch betrachtet, sagte vielleicht nicht ganz im Ernst: "Aber nur, wenn ich Blofeld spielen darf, einen Mao-Anzug, eine weiße Katze und ein Versteck in einem Krater habe, und die Weltherrschaft anstrebe". Broccoli nahm vielleicht überraschend an, und beide merkten dann, dass sie sich mit diesem Deal nicht unbedingt einen Gefallen getan haben.
Tatsächlich hakt SPECTRE fast alle Blofeld-Klischees bis auf die Glatze ab, und die Modernisierung wirkt nicht immer geglückt. Nachdem EON 2013 die Rechte an der Figur erworben hatte, hatte ich hier mal einen Artikel zu einer möglicher Blofeld-Rückehr geschrieben. Mein Fazit damals:
Bei aller Kritik am Film muss ich zugeben, dass man in diesem Punkt einen interessanten Dreh gefunden hat. Blofeld ist die Fleischwerdung von George Orwells berühmt-berüchtigtem "Watching Big Brother". Er ist der buchstäbliche Große Bruder, der alles sieht und überall ist. Und der alte Spectre-Octopus lebt ein zweites mal als Datenkrake. Das ist eine zeitgemäße und relativ glaubhafte Modernisierung. Vor allem wird es den literarischen und filmischen Vorbildern von Blofeld wie Fantômas oder Dr. Mabuse gerecht. Der wie immer wunderschöne Titel von Daniel Kleinman zeigt sogar ein direktes Zitat eines Motivs aus Fritz Langs DIE TAUSEND AUGEN DES DR. MABUSE von 1960.
George Orwell wird im Film sogar direkt erwähnt, und die Ironie der Geschichte ist, dass Orwell selbst jahrelang vom britischen Geheimdienst beobachtet wurde. Das hätte man in den Dialog einbauen können. "George Orwells schlimmster Albtraum." - "Und es war übrigens der britische Geheimdienst, der ihn ihm bescherte."
Sehen und verschwinden lassen
Dieses Motiv der Überwachung im digitalen Zeitalter verbindet den Film thematisch mit dem Vorgänger und gibt vielen Szenen eine interessante Hintergründigkeit. Während es in QUANTUM OF SOLACE um das Motiv des Trinkens ging (siehe hier), ist hier das Sehen, Nichtsehen und Augen an sich in verschiedenen Formen präsent. Handlanger Hinx zerquetscht seinen Opfern die Augen. Krähen hacken dem toten Mr. White die Augen aus. Madeleine sitzt sozusagen im Glashaus und benutzt Jalousien, um nicht gesehen zu werden. Später sagt sie im Rausch, dass sie Bond zweimal sehe. (and twice is the only way to see... ;) "Sieh nicht hin", sagt Bond zu ihr später. Und Blofeld büßt am Ende ein Auge ein.
Die Szene mit der Maus spielt auf das umgangssprachliche "Bei denen möchte ich mal Mäuschen spielen" an, was dank sozialer Netzwerke und Hackern ja mittlerweile ohne weiteres möglich ist. (Interessanterweise bezeichnet sich Bond auch selbst als Micky Maus.) Big Brother möchte die natürlichen Sichtweise der Menschen sozusagen zerquetschen und sie durch seine manipulierten Informationen ersetzen. Was vor allem im Zusammenhang mit Terroranschlägen und den Nachrichten darüber sehr interessant, fast schon subversiv ist. (Wenn Blofeld im nächsten Film ein künstliches Auge hätte, wäre die Metapher wohl perfekt.) Letztlich möchte er sich buchstäblich direkt in die Hirne der Menschen hinein bohren und ihr Denken und ihre Identität für immer verändern.
Die Anfangsszene mit dem Tag der Toten könnte man in diesem Zusammenhang als eine makabre Metapher auf die Gegenwart oder das Internet sehen, in der wir alle schon als digitale Zombies mit Blick auf das Smartphone durch die Welt stolpern, und in dem alle trotz der sozialen Inszenierung doch Masken tragen.
Allerdings muss ich sagen, dass sich Blofelds Sinn in dieser buchstäblichen Big-Brother-Verkörperung auch schnell erschöpfen könnte. Das Thema der digitalen Kontrolle gab es jetzt zweimal hintereinander. Das Problem ist auch, dass es als Bedrohungsszenario nur beschränkt funktioniert. Wen stört eine Weltherrschaft, bei der alle freiwillig mitmachen?
Und wenn die Symbolik erschöpft ist, bleiben wieder nur die Klischees und das alte Katz-und-(Micky)-Maus-Spiel. Dieses Spiel könnte Christoph Waltz genau so schnell ermüden wie Daniel Craig. Im schlimmsten Fall könnte sich die Erschaffung eines bösen Stiefbruders auch als der ultimative Haisprung der Reihe erweisen, denn im Gegensatz zu Tsunami-Ritts oder unsichtbaren Autos ist es nicht so leicht wieder rückgängig zu machen.
Die Überwachungs-Thematik hat auch gewisse ungewollte Ironien. Angefangen damit, dass Produktionsfirmen selbst alle sozialen Kanäle für die Promotion nutzen. Desweiteren spiegelt sich das Interesse für die Privatsphäre der Anderen, die die sozialen Netzwerken beherrscht, ja auch gerade in der Craig-Ära wider, wie schon erwähnt. Craigs Bond ist der, dessen private Seite am meisten erforscht wurde. Vom Zuschauer gleichermaßen wie von Blofeld. Insofern schließt sich hier ein Kreis. Und das Ende hat aus dieser Perspektive ebenfalls eine gewisse Ironie. Bond zieht sich ins Privatleben zurück, dessen Eroberung ja gerade das Ziel von Big Brother ist.
Einer flog übers Kuckucksnest
SPECTRE versucht neben der Neu-Interpretation von Blofeld auch etwas, was ich an sich sehr schätze: Die Verbindung der zum Teil noch losen, roten Fäden von CASINO ROYALE und QUANTUM OF SOLACE. Da man das aber nicht lückenlos leisten kann, rettet man sich auf eine etwas augenzwinkerndere Ebene. Leider bezieht man auch deutlich SKYFALL ein, der für sich sehr rund wirkte und gar keine losen Enden hatte, die es zu beantworten gilt. Was aber wohl vor allem der thematischen Verbindung geschuldet ist.
Und es fügt sich letztendlich auch alles ganz gut ein. Sowohl in CASINO ROYALE, QUANTUM OF SOLACE als auch SKYFALL ging es um Macht durch Terror. Le Chiffre streut Terror, um daran zu verdienen, Greene (Der grüne König?) erzeugt Unruhen durch Rohstoffverknappung und Silva nutzt Terroranschläge, um den MI6 zu schwächen. Das alles würde einem Plan von umfassender Überwachung und Datenspeicherung in die Hände spielen.
Trotzdem wirkt es am Ende von SPECTRE etwas gewollt und unrund. Das Problem ist meines Erachtens, dass man sich nicht sicher war, ob dieser Film die Craig-Ära abschließen oder Potential für weitere Filme liefern soll. Beides würde funktionieren, aber leider auch nicht so richtig. Im ersten Fall hätte Bond den großen Drahtzieher nicht ausgeschaltet, im zweiten müsste man in irgendeiner Form das Happy End zerstören.
Quo Vadis, 007?
Ich selbst bin da etwas zwiegespalten. Ich würde Craigs Bond nach all seinen körperlichen und psychischen Strapazen ein Ankommen wirklich von Herzen gönnen. Dann müsste der Nachfolger aber auch wirklich wieder bei Null starten. Andererseits würde ich weitere Filme mit Craig sehr gern sehen, jetzt wo er wirklich Bond ist.
Falls man mit Craig weitermacht, bieten sich mehrere Varianten an, die ich abschließend noch ansprechen möchte. Die naheliegendste wäre wohl die OHMSS-Lösung. Madeleine wird am Anfang von Bond 25 von Blofeld ermordet, wie Tracy in OHMSS oder vergleichsweise Marie in THE BOURNE SUPREMACY. Das würde mir nicht gefallen, aus den oben angesprochenen Gründen und weil CASINO ROYALE dieses Drama bereits perfekt geliefert hat. Denkbar wäre auch eine sanfte Variante davon, eine freiwillige oder unfreiwillige Trennung. Das könnte etwas von CASABLANCA haben, der in SPECTRE mit dem Hotel L'Americain ja eindeutig zitiert wird. Der heroische Verzicht auf die große Liebe zugunsten des Kampfes gegen das Böse. All das würde aber SPECTRE und seinen "Mut zum Happy End" nachträglich schwächen. Dann hätte man das lieber gleich in diesem Film zeigen sollen und Craig dann wirklich erst im letzten Film ein Happy End gönnen. Toll wäre hier ein Zweiteiler mit Cliffhanger gewesen, wie es ursprünglich wohl mal geplant war.
Letztendlich schwächeln sowohl die nachträglich übergestülpte Kontinuität als auch das Ende des Films ein wenig unter einer längerfristigen Perspektivlosigkeit der Produzenten. Auch in diesem Punkt steht das Franchise nach SPECTRE wohl an einem Scheideweg. Will man auf der einen Seite die große, mehrteilige 'epic journey', die mit ihren sorgfältig aufgebauten Fandoms und Showdowns Franchises wie HUNGER GAMES oder dem 'Marvel Cinematic Universe' regelmäßig Box-Office-Hits beschert, oder sollen Bondfilme für sich stehende, in sich abgeschlossene Events bleiben. Folgt man der aktuellen Hollywood-Strategie oder der Tradition. Beides zusammen harmoniert nicht so ganz, wie SPECTRE zeigt.
Dieser etwas zwiegespaltene und skeptische Eindruck ist aber wie eingangs erwähnt nur der erste. Daniel Craig sagte kürzlich in einem Interview: "Ich habe das Recht, meine Meinung zu ändern", und das beanspruche ich auch. Vielleicht wirkt SPECTRE beim dritten, vierten oder zwanzigsten Mal wesentlich runder und überzeugender. Denn letztlich ist alles eine Frage der PerSPECTive.
Mit leichter Verspätung möchte ich hier mal meine Meinung zu SPECTRE kundtun. Da die Premieren und das Startwochenende bereits hinter uns liegen, enthält der Artikel einige Spoiler.Der jeweils vierte Film eines Bonddarstellers ist ein besonderes Vergnügen, in dem sich die jeweiligen Stärken, aber auch Schwächen seiner Ära deutlich abzeichnen. Der Darsteller kann in seiner vierten Inkarnation den Charakter so mühelos überstreifen wie ein Dinner Jacket. Wie ein erfahrener Pianist schafft er es mit zwei, drei Noten das Bondtheme anklingen zu lassen. Hier eine Geste, dort ein Blick.
Das "verflixte" vierte Mal
Ich denke da beispielsweise an Sean Connerys Geste am Spieltisch in THUNDERBALL, Roger Moores süffisanten "Etwas verfrüht, finden Sie nicht" in MOONRAKER oder das kurze Lächeln, mit dem Pierce Brosnan einem Diamantenhändler in DIE ANOTHER DAY die Sonnenbrille abnimmt. Schon die Bilder von Daniel Craig auf den Premieren von SPECTRE lassen ihn so bondig und lässig wie nie zuvor erscheinen. Daniel Craig IST James Bond. Weiterentwickeln kann er die Figur vor allem in den humorvollen Szenen. Wirkte er da bisher auf mich immer etwas bemüht, präsentiert er hier Oneliner und Situationskomik, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Das macht großen Spaß.
Aber gerade in dieser Vertrautheit liegt auch bereits der Schatten des Endes. Schauspieler suchen Herausforderungen. Eine Rolle, die schon zu einem guten Teil mit der eigenen Persönlichkeit verwachsen ist, wird schnell langweilig und sogar gefährlich.
Im ersten Film ist die Herausforderung noch riesig. Im zweiten gab man dem Darsteller dann mehr zu tun. TOMORROW NEVER DIES und QUANTUM OF SOLACE sind deshalb Actionfeuerwerke. Im dritten Film taucht der große ernsthafte Gegner auf; und im vierten dann kennt der Zuschauer seinen Reisebegleiter so gut, dass man mit ihm in wildere und gewagtere Gewässer navigieren kann. Zudem es gibt eine erste Rückschau und Reflektion des bisher gezeigten. Und hier zeigt sich dann oft bereits die Schattenseite der Ära. Connerys müheloses Machismo und der mechanische "Even Bigger"-Drang, die Tendenz zur Albernheit bei Moore, das richtungslose Mäandern zwischen den Welten bei Brosnan, es wirkte sich jeweils negativ auf die Dramaturgie des Films aus.
Bei Daniel Craig ist es die Beschäftigung mit dem Innenleben und der Vergangenheit des Helden sowie ein Bestreben, die bekannten Klischees zu kontrastieren, die hier erstmals aufgesetzt und unbefriedigend gelöst wirken. Timothy Dalton sagte einmal, dass Bond der klassische Fremde aus dem Western ist, der in die Stadt kommt, die Gangster erledigt und wieder in den Sonnenuntergang reitet.
Mit Craig ist Bond nicht mehr dieser Fremde. Man weiß, wann und wo er geboren wurde. Man weiß, wo, wie und mit wem er aufwuchs; welche Ereignisse seine Kindheit prägten, wer seine Eltern waren, wie sie hießen. Man weiß, wer ihn aufzog, mit wem er als Kind spielte. Wie er als Kind aussah. Man kennt seine große Liebe und wie er seinen Doppelnull-Status bekam. Die wichtigsten Ziele dieser Reisen in die Vergangenheit sind abgehakt. Natürlich könnte man jetzt noch seine Tante Charmain oder sadistische Lehrer in Eaton thematisieren, aber der Reiz ist mittlerweile überschaubar. Wird der nächste Darsteller nach Craig überhaupt noch dieser faszinierende Fremde sein können?
Am Ende von SPECTRE spürt man den Drang der Macher, kein beliebiges Ende mit Belohnungsbeischlaf und flottem Spruch abzuliefern. Es muss immer die große Geste sein. Aber es wirkt mittlerweile nicht mehr so faszinierend wie das "Bond. James Bond" in CASINO ROYALE, oder auch die Schlusszenen von QUANTUM OF SOLACE oder SKYFALL.
George Orwell lebt nur zweimal in Dr. Mabuses Kabinett in Casablanca
Bei der Berlinale 2014 saßen Barbara Broccoli und Christoph Waltz zusammen in der Jury. Ich könnte mir gut vorstellen, dass während dieser Zusammenarbeit die obligatorische Frage auftauchte, ob Waltz nicht mal einen Bondschurken spielen möchte. Waltz, der in Interviews oft betont, dass er jedes Rollenangebot erst einmal skeptisch betrachtet, sagte vielleicht nicht ganz im Ernst: "Aber nur, wenn ich Blofeld spielen darf, einen Mao-Anzug, eine weiße Katze und ein Versteck in einem Krater habe, und die Weltherrschaft anstrebe". Broccoli nahm vielleicht überraschend an, und beide merkten dann, dass sie sich mit diesem Deal nicht unbedingt einen Gefallen getan haben.
Tatsächlich hakt SPECTRE fast alle Blofeld-Klischees bis auf die Glatze ab, und die Modernisierung wirkt nicht immer geglückt. Nachdem EON 2013 die Rechte an der Figur erworben hatte, hatte ich hier mal einen Artikel zu einer möglicher Blofeld-Rückehr geschrieben. Mein Fazit damals:
Aber prinzipiell fehlt dem Charakter Blofeld etwas das Einmalige und Besondere. Vielleicht war das auch der Grund, warum man ihm so markante äußerliche Markenzeichen verpassen musste. Für das Phantomhafte, Ungreifbare ist er durch seine Organisation zu gebunden. Andererseits ist er auch nicht überdurchschnittlich wahnsinnig oder genial. Und damit stellt sich die Frage: Für was steht er, wofür ist er eine gute Metapher?
Bei aller Kritik am Film muss ich zugeben, dass man in diesem Punkt einen interessanten Dreh gefunden hat. Blofeld ist die Fleischwerdung von George Orwells berühmt-berüchtigtem "Watching Big Brother". Er ist der buchstäbliche Große Bruder, der alles sieht und überall ist. Und der alte Spectre-Octopus lebt ein zweites mal als Datenkrake. Das ist eine zeitgemäße und relativ glaubhafte Modernisierung. Vor allem wird es den literarischen und filmischen Vorbildern von Blofeld wie Fantômas oder Dr. Mabuse gerecht. Der wie immer wunderschöne Titel von Daniel Kleinman zeigt sogar ein direktes Zitat eines Motivs aus Fritz Langs DIE TAUSEND AUGEN DES DR. MABUSE von 1960.George Orwell wird im Film sogar direkt erwähnt, und die Ironie der Geschichte ist, dass Orwell selbst jahrelang vom britischen Geheimdienst beobachtet wurde. Das hätte man in den Dialog einbauen können. "George Orwells schlimmster Albtraum." - "Und es war übrigens der britische Geheimdienst, der ihn ihm bescherte."
Sehen und verschwinden lassen
Dieses Motiv der Überwachung im digitalen Zeitalter verbindet den Film thematisch mit dem Vorgänger und gibt vielen Szenen eine interessante Hintergründigkeit. Während es in QUANTUM OF SOLACE um das Motiv des Trinkens ging (siehe hier), ist hier das Sehen, Nichtsehen und Augen an sich in verschiedenen Formen präsent. Handlanger Hinx zerquetscht seinen Opfern die Augen. Krähen hacken dem toten Mr. White die Augen aus. Madeleine sitzt sozusagen im Glashaus und benutzt Jalousien, um nicht gesehen zu werden. Später sagt sie im Rausch, dass sie Bond zweimal sehe. (and twice is the only way to see... ;) "Sieh nicht hin", sagt Bond zu ihr später. Und Blofeld büßt am Ende ein Auge ein.
Die Szene mit der Maus spielt auf das umgangssprachliche "Bei denen möchte ich mal Mäuschen spielen" an, was dank sozialer Netzwerke und Hackern ja mittlerweile ohne weiteres möglich ist. (Interessanterweise bezeichnet sich Bond auch selbst als Micky Maus.) Big Brother möchte die natürlichen Sichtweise der Menschen sozusagen zerquetschen und sie durch seine manipulierten Informationen ersetzen. Was vor allem im Zusammenhang mit Terroranschlägen und den Nachrichten darüber sehr interessant, fast schon subversiv ist. (Wenn Blofeld im nächsten Film ein künstliches Auge hätte, wäre die Metapher wohl perfekt.) Letztlich möchte er sich buchstäblich direkt in die Hirne der Menschen hinein bohren und ihr Denken und ihre Identität für immer verändern.
Die Anfangsszene mit dem Tag der Toten könnte man in diesem Zusammenhang als eine makabre Metapher auf die Gegenwart oder das Internet sehen, in der wir alle schon als digitale Zombies mit Blick auf das Smartphone durch die Welt stolpern, und in dem alle trotz der sozialen Inszenierung doch Masken tragen.
Allerdings muss ich sagen, dass sich Blofelds Sinn in dieser buchstäblichen Big-Brother-Verkörperung auch schnell erschöpfen könnte. Das Thema der digitalen Kontrolle gab es jetzt zweimal hintereinander. Das Problem ist auch, dass es als Bedrohungsszenario nur beschränkt funktioniert. Wen stört eine Weltherrschaft, bei der alle freiwillig mitmachen?
Und wenn die Symbolik erschöpft ist, bleiben wieder nur die Klischees und das alte Katz-und-(Micky)-Maus-Spiel. Dieses Spiel könnte Christoph Waltz genau so schnell ermüden wie Daniel Craig. Im schlimmsten Fall könnte sich die Erschaffung eines bösen Stiefbruders auch als der ultimative Haisprung der Reihe erweisen, denn im Gegensatz zu Tsunami-Ritts oder unsichtbaren Autos ist es nicht so leicht wieder rückgängig zu machen.
Die Überwachungs-Thematik hat auch gewisse ungewollte Ironien. Angefangen damit, dass Produktionsfirmen selbst alle sozialen Kanäle für die Promotion nutzen. Desweiteren spiegelt sich das Interesse für die Privatsphäre der Anderen, die die sozialen Netzwerken beherrscht, ja auch gerade in der Craig-Ära wider, wie schon erwähnt. Craigs Bond ist der, dessen private Seite am meisten erforscht wurde. Vom Zuschauer gleichermaßen wie von Blofeld. Insofern schließt sich hier ein Kreis. Und das Ende hat aus dieser Perspektive ebenfalls eine gewisse Ironie. Bond zieht sich ins Privatleben zurück, dessen Eroberung ja gerade das Ziel von Big Brother ist.
Einer flog übers Kuckucksnest
SPECTRE versucht neben der Neu-Interpretation von Blofeld auch etwas, was ich an sich sehr schätze: Die Verbindung der zum Teil noch losen, roten Fäden von CASINO ROYALE und QUANTUM OF SOLACE. Da man das aber nicht lückenlos leisten kann, rettet man sich auf eine etwas augenzwinkerndere Ebene. Leider bezieht man auch deutlich SKYFALL ein, der für sich sehr rund wirkte und gar keine losen Enden hatte, die es zu beantworten gilt. Was aber wohl vor allem der thematischen Verbindung geschuldet ist.
Und es fügt sich letztendlich auch alles ganz gut ein. Sowohl in CASINO ROYALE, QUANTUM OF SOLACE als auch SKYFALL ging es um Macht durch Terror. Le Chiffre streut Terror, um daran zu verdienen, Greene (Der grüne König?) erzeugt Unruhen durch Rohstoffverknappung und Silva nutzt Terroranschläge, um den MI6 zu schwächen. Das alles würde einem Plan von umfassender Überwachung und Datenspeicherung in die Hände spielen.
Trotzdem wirkt es am Ende von SPECTRE etwas gewollt und unrund. Das Problem ist meines Erachtens, dass man sich nicht sicher war, ob dieser Film die Craig-Ära abschließen oder Potential für weitere Filme liefern soll. Beides würde funktionieren, aber leider auch nicht so richtig. Im ersten Fall hätte Bond den großen Drahtzieher nicht ausgeschaltet, im zweiten müsste man in irgendeiner Form das Happy End zerstören.
Quo Vadis, 007?
Ich selbst bin da etwas zwiegespalten. Ich würde Craigs Bond nach all seinen körperlichen und psychischen Strapazen ein Ankommen wirklich von Herzen gönnen. Dann müsste der Nachfolger aber auch wirklich wieder bei Null starten. Andererseits würde ich weitere Filme mit Craig sehr gern sehen, jetzt wo er wirklich Bond ist.
Falls man mit Craig weitermacht, bieten sich mehrere Varianten an, die ich abschließend noch ansprechen möchte. Die naheliegendste wäre wohl die OHMSS-Lösung. Madeleine wird am Anfang von Bond 25 von Blofeld ermordet, wie Tracy in OHMSS oder vergleichsweise Marie in THE BOURNE SUPREMACY. Das würde mir nicht gefallen, aus den oben angesprochenen Gründen und weil CASINO ROYALE dieses Drama bereits perfekt geliefert hat. Denkbar wäre auch eine sanfte Variante davon, eine freiwillige oder unfreiwillige Trennung. Das könnte etwas von CASABLANCA haben, der in SPECTRE mit dem Hotel L'Americain ja eindeutig zitiert wird. Der heroische Verzicht auf die große Liebe zugunsten des Kampfes gegen das Böse. All das würde aber SPECTRE und seinen "Mut zum Happy End" nachträglich schwächen. Dann hätte man das lieber gleich in diesem Film zeigen sollen und Craig dann wirklich erst im letzten Film ein Happy End gönnen. Toll wäre hier ein Zweiteiler mit Cliffhanger gewesen, wie es ursprünglich wohl mal geplant war.
Letztendlich schwächeln sowohl die nachträglich übergestülpte Kontinuität als auch das Ende des Films ein wenig unter einer längerfristigen Perspektivlosigkeit der Produzenten. Auch in diesem Punkt steht das Franchise nach SPECTRE wohl an einem Scheideweg. Will man auf der einen Seite die große, mehrteilige 'epic journey', die mit ihren sorgfältig aufgebauten Fandoms und Showdowns Franchises wie HUNGER GAMES oder dem 'Marvel Cinematic Universe' regelmäßig Box-Office-Hits beschert, oder sollen Bondfilme für sich stehende, in sich abgeschlossene Events bleiben. Folgt man der aktuellen Hollywood-Strategie oder der Tradition. Beides zusammen harmoniert nicht so ganz, wie SPECTRE zeigt.
Dieser etwas zwiegespaltene und skeptische Eindruck ist aber wie eingangs erwähnt nur der erste. Daniel Craig sagte kürzlich in einem Interview: "Ich habe das Recht, meine Meinung zu ändern", und das beanspruche ich auch. Vielleicht wirkt SPECTRE beim dritten, vierten oder zwanzigsten Mal wesentlich runder und überzeugender. Denn letztlich ist alles eine Frage der PerSPECTive.
Freitag, 26. Dezember 2014
In 80 Tagen um die Welt
Vor 25 Jahren wurde der Dreiteiler In 80 Tagen um die Welt im ZDF ausgestrahlt. Genau genommen am 25. Dezember 1989 der erste, am 28. der zweite und am 30. Dezember der dritte und letzte Teil. Die Miniserie war eine Paraderolle für den attraktiven Iren Pierce Brosnan und ein weltweiter Erfolg. Auch die übrige Besetzung war genial: Eric Idle als Passepartout, Sir Peter Ustinov als Detektiv Fix sowie zahlreiche Stars aus Bondfilmen, wie Sir Christopher Lee, Patrick Macnee, Gabriele Ferzetti oder Jill St. John.Im November gab es eine neue DVD-Veröffentlichung des sehenswerten Dreiteilers. Lohnt sich der Kauf?
Optisch ist die DVD ansprechender als die frühere Version. Die Doppel-DVD steckt in einer edel wirkenden Papphülle, der hässliche Altersfreigabenstempel ist zum Glück abziehbar. Sie enthält zudem ein sehr schön gestaltetes, 12seitiges Booklet. Der Ton ist jetzt sowohl in englisch als auch in deutsch Dolby Digital 2.0. Das Bild ist leider nicht erheblich besser. Eine umfassende Restaurierung des Originalmaterials und eine Bluray-Veröffentlichung wären wünschenswert.
Die Extras beschränken sich leider auf eine Bildergalerie und den Trailer. Zusätzliche Infos, Audiokommentare oder ein Making-of wären für zukünftige Veröffentlichungen hier ebenfalls sehr schön.
Im Gegensatz zur 2003er Veröffentlichung sind jetzt einige Szenen wieder enthalten, die seinerzeit sowohl in der BRD- als auch in der DDR-Ausstrahlung herausgeschnitten wurden. Im Fernsehen der DDR lief die Miniserie bereits im November 1989 mit eigener Synchronisation. Diese DDR-Synchronisation wurde meines Wissens bisher noch nicht veröffentlicht. Da Sprecher Lutz Mackensy auf Pierce Brosnan sehr gewöhnungsbedürftig ist, würde mich diese Fassung interessieren. (Mackensy an sich mag ich sehr, beispielsweise als Elliott Carver oder Doc Brown in BACK TO THE FUTURE II und III.) Deshalb bevorzuge ich auch das englische Original.
Der Dreiteiler ist für mich die bisher beste Umsetzung des Jules-Verne-Klassikers. Die Verfilmung von 1958 mit Sir David Niven wurde zwar an wesentlich mehr Originalschauplätzen gedreht - wie Spanien, Japan, Thailand, China oder die USA - wirkt aber streckenweise etwas langatmig und betulich, wie eine National-Geographic-Dokumentation ohne Sprecher. Als 12jähriger Jules-Verne-Fan mochte ich diese Verfilmung außerordentlich, und ich verbinde viele Erinnerungen damit.
Da eine Bluray-Ausgabe mit neuem Bonusmaterial nicht in Sicht zu sein scheint, ist diese Doppel-DVD für alle Brosnan- und Jules-Verne-Freunde eine gute, wenn auch leider keine ideale Alternative.
(Zu weiteren Verbindungen zwischen Bond und Jules Verne hier.)
Dienstag, 8. April 2014
DVD-Tipp: FLEMING
Im Januar strahlte BBC Amerika die vierteilige Serie FLEMING über den Schriftsteller und Schöpfer der Bondromane Ian Lancaster Fleming aus. Mittlerweile ist die Miniserie auch als UK-Import-DVD erhältlich. Im Zentrum der Handlung stehen dabei Flemings Einsatz im Zweiten Weltkrieg sowie seine Beziehung zu der verheirateten Ann O'Neill.Donnerstag, 27. Februar 2014
Apokalypse light
Pompeii
USA 2014
Regie: Paul Anderson
Darsteller: Kit Harington, Emily Browning, Kiefer Sutherland
POMPEII war einer der Filme, auf die ich mich seit dem ersten Teaser freute, denn ich mag große Katastrophen- und Sandalen-Epen, wie BEN HUR, TITANIC oder GLADIATOR. Eine große Erneuerung oder gar ein Meilenstein der entsprechenden Genres war nicht zu erwarten, aber zumindest doch gute, altmodische Unterhaltung mit soliden Effekten. Der Film des Briten Paul W.S. Anderson (unter anderem RESIDENT EVIL) hat alle Zutaten, die so ein Katastrophenspektakel braucht. Aber zündet die Mischung auch außerhalb des Vulkans?
Als einziger Überlebender seines Dorfes kommt Milo (Kit Harington) als Sklave über Londinium nach Pompeji, wo er als Gladiator gegen den hünenhaften und unbesiegten Atticus (Adewale Akinnuoye-Agbaje, LOST-Fans als beeinduckender Mr. Eko bekannt) antreten soll. Der hofft auf einen letzten siegreichen Kampf, nach dem ihm die Freiheit winken soll. Natürlich verguckt sich der Sklave Milo in eine schöne Frau, die mehrere Klassen über ihm steht und eigentlich unerreichbar ist. Und dann sind da natürlich auch noch der ungeliebte Dritte (Kiefer '24' Sutherland) und die Naturgewalt, die ihren unheilschwangeren Lauf nimmt.
Bei Katastrophenfilmen gibt es eine Pflicht und eine Kür. Die "Pflicht" ist die gekonnte Einführung aller Charaktere und ihrer todgeweihten Welt, damit man beim Hereinbrechen des Unheils mit ihnen mitfiebern kann, beziehungsweise den Bösen ihr verdientes Ende wünscht. Und hier liegt die Schwäche des Films. Zum einen in Form des Hauptdarstellers Kit Harington, der es einfach nicht schafft, die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen und Klischees durch Charisma auszugleichen. Seine Partnerin Emily Browning ist da schon glaubwürdiger. Kiefer Sutherland erfüllt sein Pflichtprogramm insofern, dass er als Gegenspieler alle Antipathien auf sich zieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich der Film viel zu wenig Zeit nimmt, um die Liebe zwischen Milo und Cassia glaubwürdig auszugestalten. Filme wie DOCTOR ZHIVAGO oder TITANIC sind nicht umsonst so lang. Man kauft den beiden ab, dass sie einander sympathisch finden und sich bei mehr Gelegenheiten auch ineinander verliebt hätten, aber die Liebe wirkt nicht gerade als Gegenpol zu der destruktiven Naturgewalt des Vulkans.
Deshalb nimmt man die Kür, die eigentliche Katastrophe, schließlich erstaunlich neutral wahr. Vom Leid der Opfer kommt wenig rüber. Aber zumimdest wirkt sie tricktechnisch oppulent und überzeugend. Auch die Gladiatorenkämpfe sind solide inszeniert und in 3D ganz ansehnlich. Das Drehbuch bietet ebenfalls einige gute Einfälle, aus denen man mit etwas mehr Filmzeit, einer ambitionierteren Regie und einem anderem Hauptdarsteller wesentlich mehr hätte herausholen können.
USA 2014
Regie: Paul Anderson
Darsteller: Kit Harington, Emily Browning, Kiefer Sutherland
POMPEII war einer der Filme, auf die ich mich seit dem ersten Teaser freute, denn ich mag große Katastrophen- und Sandalen-Epen, wie BEN HUR, TITANIC oder GLADIATOR. Eine große Erneuerung oder gar ein Meilenstein der entsprechenden Genres war nicht zu erwarten, aber zumindest doch gute, altmodische Unterhaltung mit soliden Effekten. Der Film des Briten Paul W.S. Anderson (unter anderem RESIDENT EVIL) hat alle Zutaten, die so ein Katastrophenspektakel braucht. Aber zündet die Mischung auch außerhalb des Vulkans?
Als einziger Überlebender seines Dorfes kommt Milo (Kit Harington) als Sklave über Londinium nach Pompeji, wo er als Gladiator gegen den hünenhaften und unbesiegten Atticus (Adewale Akinnuoye-Agbaje, LOST-Fans als beeinduckender Mr. Eko bekannt) antreten soll. Der hofft auf einen letzten siegreichen Kampf, nach dem ihm die Freiheit winken soll. Natürlich verguckt sich der Sklave Milo in eine schöne Frau, die mehrere Klassen über ihm steht und eigentlich unerreichbar ist. Und dann sind da natürlich auch noch der ungeliebte Dritte (Kiefer '24' Sutherland) und die Naturgewalt, die ihren unheilschwangeren Lauf nimmt.
Bei Katastrophenfilmen gibt es eine Pflicht und eine Kür. Die "Pflicht" ist die gekonnte Einführung aller Charaktere und ihrer todgeweihten Welt, damit man beim Hereinbrechen des Unheils mit ihnen mitfiebern kann, beziehungsweise den Bösen ihr verdientes Ende wünscht. Und hier liegt die Schwäche des Films. Zum einen in Form des Hauptdarstellers Kit Harington, der es einfach nicht schafft, die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen und Klischees durch Charisma auszugleichen. Seine Partnerin Emily Browning ist da schon glaubwürdiger. Kiefer Sutherland erfüllt sein Pflichtprogramm insofern, dass er als Gegenspieler alle Antipathien auf sich zieht.
Ein weiteres Problem ist, dass sich der Film viel zu wenig Zeit nimmt, um die Liebe zwischen Milo und Cassia glaubwürdig auszugestalten. Filme wie DOCTOR ZHIVAGO oder TITANIC sind nicht umsonst so lang. Man kauft den beiden ab, dass sie einander sympathisch finden und sich bei mehr Gelegenheiten auch ineinander verliebt hätten, aber die Liebe wirkt nicht gerade als Gegenpol zu der destruktiven Naturgewalt des Vulkans.
Deshalb nimmt man die Kür, die eigentliche Katastrophe, schließlich erstaunlich neutral wahr. Vom Leid der Opfer kommt wenig rüber. Aber zumimdest wirkt sie tricktechnisch oppulent und überzeugend. Auch die Gladiatorenkämpfe sind solide inszeniert und in 3D ganz ansehnlich. Das Drehbuch bietet ebenfalls einige gute Einfälle, aus denen man mit etwas mehr Filmzeit, einer ambitionierteren Regie und einem anderem Hauptdarsteller wesentlich mehr hätte herausholen können.
Samstag, 22. Februar 2014
Clooneys Eleven
The Monuments Men
USA, Deutschland 2014
Regie: George Clooney
Darsteller: Matt Damon, George Clooney, Bill Murray
Krieg und Kunst liegen eigentlich an entgegengesetzten Enden des Spektrums der menschlichen Existenz. Krieg bringt regelmäßig die schlechteste und destruktivste Seite des Menschen hervor, Kunst dagegen die schöpferischste und reflektive. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die fünfte Spielfilm-Regiearbeit von George Clooney, THE MONUMENTS MEN. Die Rettung speziell von Kunstgegenständen im zweiten Weltkrieg - beschrieben von Robert Edsel im gleichnamigen Buch - ist ein Aspekt des Krieges, der bisher in Filmen noch nicht thematisiert wurde.
Dabei erinnert die Geschichte an sich etwas an SAVING PRIVATE RYAN von Steven Spielberg, in dem eine Gruppe von Männern nach dem D-Day den dritten Sohn einer Mutter aus dem Kriegseinsatz zurückholen soll und auf ähnlich viel Unverständnis unter den regulären Soldaten stößt wie die "Monuments Men". Interessanterweise ist auch hier Matt Damon, der Darsteller des titelgebenden Soldat Ryan mit von der Partie. Im Gegensatz zum Spielberg-Film schlägt MONUMENTS MEN aber eher leisere Töne an. Man sieht hier weder drastische Kampfhandlungen noch bestialische Klischee-Nazis.
In Wirklichkeit waren es mehrere hundert Mitarbeiter der 'Monuments, Fine Arts, and Archives Section' , die in den befreiten Gebieten nach Kunstschätzen fahndeten und sie größtenteils den Besitzern wieder zurückgaben. Im Drehbuch ist es eine überschaubare Handvoll. Die Gruppe, die Regissseur Clooney hier um sich geschart hat, wirkt teilweise etwas zu sehr auf liebenswerte Kunst-Käuze getrimmt. Aber die Darstellerriege ist durchweg sehenswert. Auch aus der Vielzahl der Kunstwerke lädt die Story sozusagen pars pro toto eines mit besonderen menschlichen Wert auf. Dadurch geht es aber letzten Endes doch wieder mehr um Sinn und Wert eines Menschenlebens im Krieg, und weniger um den ideellen und abstrakten Wert von Kunstwerken - auch wenn sich die Dialoge ständig darum drehen.
Gedreht wurde fast komplett in Deutschland, wie etwa in den Wäldern am Wannsee, am und im Halberstädter Dom sowie in Babelsberg, wo das Schloss Neuschwanstein teilweise nachgebaut wurde. Schließlich führt die Handlung auch in die unterirdischen Salzwelten von Altaussee. (In denen der in Altaussee lebende Klaus Maria Brandauer übrigens vor einigen Jahren ein Theaterstück inszeniert hat. Selbst in der tiefsten Höhle findet sich ein Bondbezug... :) Mit Michael Brandner, Holger Handtke, Udo Kroschwald als Göring sowie Justus von Dohnányi (THE WORLD IS NOT ENOUGH) wirken auch einige deutsche Schauspieler mit.
Mit dem großen Thema Kunst versus Barbarei stellt sich natürlich auch die Frage, ob der Film selbst als Kunst funktioniert oder sogar als Kunstwerk gelten darf. Einige Szenen sind sehr schön und unaufdringlich komponiert. (Was mir persönlich gefallen hat wurde allerdings von anderen Kinozuschauern als Längen wahrgenommen.) Clooney hat die Mission der historischen Monuments Men natürlich etwas überhöht, was auch einigen Kritikern unangenehm aufgestoßen ist. Sicher war die Realität wie so oft um einiges banaler und profaner, aber dafür ist es eben auch Kino und nicht ZDF History. Bei den Themen Weltkrieg und Nationalsozialismus ist es scheinbar eh fast unmöglich, alles richtig zu machen. Im Gesamteindruck ist MONUMENTS MEN vielleicht nicht das große Oscar-Kino, das er gern wäre, aber dennoch ein sehenswerter und berührender Film über ein interessantes Kapitel des 2. Weltkriegs.
USA, Deutschland 2014
Regie: George Clooney
Darsteller: Matt Damon, George Clooney, Bill Murray
Krieg und Kunst liegen eigentlich an entgegengesetzten Enden des Spektrums der menschlichen Existenz. Krieg bringt regelmäßig die schlechteste und destruktivste Seite des Menschen hervor, Kunst dagegen die schöpferischste und reflektive. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die fünfte Spielfilm-Regiearbeit von George Clooney, THE MONUMENTS MEN. Die Rettung speziell von Kunstgegenständen im zweiten Weltkrieg - beschrieben von Robert Edsel im gleichnamigen Buch - ist ein Aspekt des Krieges, der bisher in Filmen noch nicht thematisiert wurde.
Dabei erinnert die Geschichte an sich etwas an SAVING PRIVATE RYAN von Steven Spielberg, in dem eine Gruppe von Männern nach dem D-Day den dritten Sohn einer Mutter aus dem Kriegseinsatz zurückholen soll und auf ähnlich viel Unverständnis unter den regulären Soldaten stößt wie die "Monuments Men". Interessanterweise ist auch hier Matt Damon, der Darsteller des titelgebenden Soldat Ryan mit von der Partie. Im Gegensatz zum Spielberg-Film schlägt MONUMENTS MEN aber eher leisere Töne an. Man sieht hier weder drastische Kampfhandlungen noch bestialische Klischee-Nazis.
In Wirklichkeit waren es mehrere hundert Mitarbeiter der 'Monuments, Fine Arts, and Archives Section' , die in den befreiten Gebieten nach Kunstschätzen fahndeten und sie größtenteils den Besitzern wieder zurückgaben. Im Drehbuch ist es eine überschaubare Handvoll. Die Gruppe, die Regissseur Clooney hier um sich geschart hat, wirkt teilweise etwas zu sehr auf liebenswerte Kunst-Käuze getrimmt. Aber die Darstellerriege ist durchweg sehenswert. Auch aus der Vielzahl der Kunstwerke lädt die Story sozusagen pars pro toto eines mit besonderen menschlichen Wert auf. Dadurch geht es aber letzten Endes doch wieder mehr um Sinn und Wert eines Menschenlebens im Krieg, und weniger um den ideellen und abstrakten Wert von Kunstwerken - auch wenn sich die Dialoge ständig darum drehen.
Gedreht wurde fast komplett in Deutschland, wie etwa in den Wäldern am Wannsee, am und im Halberstädter Dom sowie in Babelsberg, wo das Schloss Neuschwanstein teilweise nachgebaut wurde. Schließlich führt die Handlung auch in die unterirdischen Salzwelten von Altaussee. (In denen der in Altaussee lebende Klaus Maria Brandauer übrigens vor einigen Jahren ein Theaterstück inszeniert hat. Selbst in der tiefsten Höhle findet sich ein Bondbezug... :) Mit Michael Brandner, Holger Handtke, Udo Kroschwald als Göring sowie Justus von Dohnányi (THE WORLD IS NOT ENOUGH) wirken auch einige deutsche Schauspieler mit.
Mit dem großen Thema Kunst versus Barbarei stellt sich natürlich auch die Frage, ob der Film selbst als Kunst funktioniert oder sogar als Kunstwerk gelten darf. Einige Szenen sind sehr schön und unaufdringlich komponiert. (Was mir persönlich gefallen hat wurde allerdings von anderen Kinozuschauern als Längen wahrgenommen.) Clooney hat die Mission der historischen Monuments Men natürlich etwas überhöht, was auch einigen Kritikern unangenehm aufgestoßen ist. Sicher war die Realität wie so oft um einiges banaler und profaner, aber dafür ist es eben auch Kino und nicht ZDF History. Bei den Themen Weltkrieg und Nationalsozialismus ist es scheinbar eh fast unmöglich, alles richtig zu machen. Im Gesamteindruck ist MONUMENTS MEN vielleicht nicht das große Oscar-Kino, das er gern wäre, aber dennoch ein sehenswerter und berührender Film über ein interessantes Kapitel des 2. Weltkriegs.
Sonntag, 17. November 2013
50 Years of Bond Cars
A Top Gear Special
Im letzten Jahr erschien eine Sonderausgabe der BBC-Reihe Top Gear über die 50jährige Geschichte der Bondautos, moderiert von Richard Hammond. Bondfans ist Top Gear nicht unbekannt. Die Kultfigur The Stig, ein komplett schwarz oder weiß gekleideter Rennfahrer mit Helm, dessen Identität ein gut gehütetes Geheimnis war, ist seit Jahren ein fester Bestandteil der Reihe. 2010 bekannte jedoch der Renn- und Stuntfahrer Ben Collins, der Stig in weiß gewesen zu sein. Collins war auch Stuntfahrer in QUANTUM OF SOLACE und SKYFALL.
Das Special zu den Bondautos bietet einige sehr interessante Einblicke und Stunts.
Neben den wichtigsten Autos der Reihe kommen auch zahlreiche Mitwirkende zu Wort, wie Daniel Craig, Sir Roger Moore, Michael G. Wilson oder Guy Hamilton, aber auch Stuntmen wie Vic Armstrong, Robbie Madison (Motorradstunts in SKYFALL) oder Collins. Daniel Craig und Roger Moore verraten, welches ihre Lieblingsautos in den Bondfilmen sind. Moderator Richard Hammond fährt alle vorgestellten Fahrzeuge selbst, zum Teil an originalen Drehorten, wie den Pinewood-Studios oder der Bergstrecke aus GOLDENEYE. Dazu gibt es Insider-Information über die Dreharbeiten. Unter den Wagen ist auch das erste Auto, Bonds "Lokomotive" aus den Romanen, den aus heutiger Sicht sehr bullig wirkenden Bentley Blower.
Getestet werden auch zwei bekannte Gadgets - die Unsichtbarkeit des Aston Martin Vanquish aus DIE ANOTHER DAY sowie die Tauchfunktion des Lotus Esprit aus THE SPY WHO LOVED ME. Ersteres mit Flatscreens, ähnlich dem Werbespot für Mercedes vor einiger Zeit. Für den Tauchgang wurde ein Lotus Excel entsprechend umgerüstet, was sehr gut funktioniert und aussieht.
Für Bond- und Autofans eine lohnenswerte DVD.
Im letzten Jahr erschien eine Sonderausgabe der BBC-Reihe Top Gear über die 50jährige Geschichte der Bondautos, moderiert von Richard Hammond. Bondfans ist Top Gear nicht unbekannt. Die Kultfigur The Stig, ein komplett schwarz oder weiß gekleideter Rennfahrer mit Helm, dessen Identität ein gut gehütetes Geheimnis war, ist seit Jahren ein fester Bestandteil der Reihe. 2010 bekannte jedoch der Renn- und Stuntfahrer Ben Collins, der Stig in weiß gewesen zu sein. Collins war auch Stuntfahrer in QUANTUM OF SOLACE und SKYFALL.Das Special zu den Bondautos bietet einige sehr interessante Einblicke und Stunts.
Neben den wichtigsten Autos der Reihe kommen auch zahlreiche Mitwirkende zu Wort, wie Daniel Craig, Sir Roger Moore, Michael G. Wilson oder Guy Hamilton, aber auch Stuntmen wie Vic Armstrong, Robbie Madison (Motorradstunts in SKYFALL) oder Collins. Daniel Craig und Roger Moore verraten, welches ihre Lieblingsautos in den Bondfilmen sind. Moderator Richard Hammond fährt alle vorgestellten Fahrzeuge selbst, zum Teil an originalen Drehorten, wie den Pinewood-Studios oder der Bergstrecke aus GOLDENEYE. Dazu gibt es Insider-Information über die Dreharbeiten. Unter den Wagen ist auch das erste Auto, Bonds "Lokomotive" aus den Romanen, den aus heutiger Sicht sehr bullig wirkenden Bentley Blower.
Getestet werden auch zwei bekannte Gadgets - die Unsichtbarkeit des Aston Martin Vanquish aus DIE ANOTHER DAY sowie die Tauchfunktion des Lotus Esprit aus THE SPY WHO LOVED ME. Ersteres mit Flatscreens, ähnlich dem Werbespot für Mercedes vor einiger Zeit. Für den Tauchgang wurde ein Lotus Excel entsprechend umgerüstet, was sehr gut funktioniert und aussieht.
Für Bond- und Autofans eine lohnenswerte DVD.
Mittwoch, 2. Oktober 2013
Gladiatoren der Rennbahn
Rush
Deutschland/UK 2013
Regie: Ron Howard
Darsteller: Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Alexandra Maria Lara
Obwohl Autorennen ein beliebtes Filmthema sind, gibt es bisher sehr wenige gute Filme über die Formel 1. Abgesehen von GRAND PRIX aus dem Jahr 1966 und der Dokumentation SENNA von 2010 beschränkt sich die Darstellung des Rennsports in Filmen wie DRIVEN eher auf Hollywoodklischees. Mit RUSH kommt nun eine britisch-deutsche Co-Produktion in die Kinos, die die legendäre Rivalität zwischen dem Briten James Hunt und dem Österreicher Niki Lauda in der Rennsaison 1976 zum Thema hat.
Das Drehbuch schrieb Oscargewinner Peter Morgan, der sich mit Filmen wie THE QUEEN oder THE LAST KING OF SCOTLAND zu einem Experten für biographische Stoffe und Duelle entwickelt hat. Bondfans dürfte der Name Morgan bekannt vorkommen, da er im Frühjahr 2010 als Co-Autor von SKYFALL verpflichtet wurde, mit der Regieübernahme von Sam Mendes jedoch absprang. Morgan, der zur Zeit an einem Film über Freddie Mercury schreibt, gestaltete die Dramaturgie der Geschichte dabei selbst wie ein Rennen. (siehe hier und hier)
Und so ist RUSH nicht nur ein Film über zwei Rennfahrer, sondern auch über zwei völlig verschiedene Einstellungen und Lebensentwürfe, die sich fast naturgemäß bekämpfen. Auf der einen Seite der Playboy James Hunt, der nicht nur vom Namen her an Bond erinnert. Morgan über ihn: “Every single person wanted to be James Hunt. He was funny, handsome, like James Bond but not uptight.” Bei Chris Hemsworth muss man tatsächlich öfter an den jungen und draufgängerischen Bond der frühen Flemingromane denken, der auch in CASINO ROYALE zu sehen ist. Am anderen Ende des menschlichen Spektrums ist Niki Lauda, der kühl, überlegt und sachlich-nüchtern handelt. Umso tragischer wirkt dann die Ironie, dass ausgerechnet Lauda einen beinahe tödlichen Unfall erleidet. (Der allerdings durch ein gebrochenes Teil am Fahrzeug verursacht wurde, wie im Film richtig dargestellt)
In Morgans geschickter Dramaturgie sind es die Charaktere, die sich nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch in ihren Privatleben ständig gegenseitig überholen und übertrumfen. Bei aller Gegensätzlichkeit verbindet die beiden jedoch die kompromisslose Leidenschaft für ihren Sport. Hunt setzt dafür seine Ehe auf's Spiel, Lauda bricht mit der konservativen Familie. Im wahren Leben waren beide schon viel eher Freunde, die Gegnerschaft ist im Film überspitzt. Das Leben schreibt zwar immer noch die besten Geschichten, doch es bedarf hin und wieder der Würze der Übertreibung an den richtigen Stellen. Im Gesamten bleibt der Film für eine Kinoproduktion jedoch der Realität erstaunlich nahe. Während der Pressekonferenz nach Laudas Unfall fragte ihn beispielsweise ein Reporter tatsächlich, ob sich seine Frau jetzt wohl scheiden lassen werde, so wie er aussehe. Die Reaktionen von Lauda und Hunt im Film hätte man sich auch im wahren Leben gewünscht. Auch der Wunsch eines Fans nach dem Datum unter einem Autogramm, weil es ja das letzte sein könne, entspricht der Realität.
In diesen Szenen setzt sich der Film auch kritisch mit der von allen Seiten billigend in Kauf genommenen Morbidität dieses Sports auseinander, von der er dramaturgisch natürlich auch profititiert. Wenn sich Hunt und Lauda vor einem Rennen kurz zunicken, bevor sie das Visier herunterklappen, wirken sie wie moderne Gladiatoren. Das zwanzig-prozentige Risiko zu sterben, dem die Fahrer damals vor jedem Rennen ins Auge blickten, wurde heute durch stetig verbesserte Technik und Rennstrecken erfreulicherweise fast gegen null reduziert. Die medial hochgepushten Siege eines Schwiegermutterlieblings wie Vettel wird sich allerdings in 30 Jahren wohl auch niemand im Kino ansehen.
Am Ende sind die beiden Kontrahenten aneinander gereift. Sowohl Chris Hemsworth als auch Daniel Brühl brillieren in ihren Rollen, und meistern gekonnt die Balance zwischen realer Figur und wirksamer Überspitzung. Vor allem Brühl, dessen Rolle wegen des noch lebenden und sehr kritischen Vorbilds wohl die schwierigere war, hat Aussprache und Gestus von Lauda teilweise genial verinnerlicht. Auch die Nebenrollen wie Alexandra Maria Lara und Olivia Wilde überzeugen. Ron Howards Regie ist dynamisch und mitreißend. (Obwohl man sich gerade auf der großen Leinwand manchmal etwas mehr Fahrerperspektiven gewünscht hätte) Die Musik von Hans Zimmer betrachte ich ebenfalls als sehr gelungen, da er seinen vielgescholtenen Pathos hier sehr dosiert einsetzt. Gerade wenn man die Musik mit frühen Arbeiten wie DAYS OF THUNDER vergleicht. (Wobei ich die massive Zimmerkritik mancher Leute ja eh nicht nachvollziehen kann)
Zusammenfassend ist RUSH für mich eine der überzeugendsten Filmproduktionen in diesem Jahr und damit eine klare Kinoempfehlung!
Deutschland/UK 2013
Regie: Ron Howard
Darsteller: Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Alexandra Maria Lara
Obwohl Autorennen ein beliebtes Filmthema sind, gibt es bisher sehr wenige gute Filme über die Formel 1. Abgesehen von GRAND PRIX aus dem Jahr 1966 und der Dokumentation SENNA von 2010 beschränkt sich die Darstellung des Rennsports in Filmen wie DRIVEN eher auf Hollywoodklischees. Mit RUSH kommt nun eine britisch-deutsche Co-Produktion in die Kinos, die die legendäre Rivalität zwischen dem Briten James Hunt und dem Österreicher Niki Lauda in der Rennsaison 1976 zum Thema hat.
Das Drehbuch schrieb Oscargewinner Peter Morgan, der sich mit Filmen wie THE QUEEN oder THE LAST KING OF SCOTLAND zu einem Experten für biographische Stoffe und Duelle entwickelt hat. Bondfans dürfte der Name Morgan bekannt vorkommen, da er im Frühjahr 2010 als Co-Autor von SKYFALL verpflichtet wurde, mit der Regieübernahme von Sam Mendes jedoch absprang. Morgan, der zur Zeit an einem Film über Freddie Mercury schreibt, gestaltete die Dramaturgie der Geschichte dabei selbst wie ein Rennen. (siehe hier und hier)
| Im Schatten der mittelalterlichen Nürburg: Die Rennstrecke, auf der sich Laudas tragischer Unfall ereignete |
In Morgans geschickter Dramaturgie sind es die Charaktere, die sich nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch in ihren Privatleben ständig gegenseitig überholen und übertrumfen. Bei aller Gegensätzlichkeit verbindet die beiden jedoch die kompromisslose Leidenschaft für ihren Sport. Hunt setzt dafür seine Ehe auf's Spiel, Lauda bricht mit der konservativen Familie. Im wahren Leben waren beide schon viel eher Freunde, die Gegnerschaft ist im Film überspitzt. Das Leben schreibt zwar immer noch die besten Geschichten, doch es bedarf hin und wieder der Würze der Übertreibung an den richtigen Stellen. Im Gesamten bleibt der Film für eine Kinoproduktion jedoch der Realität erstaunlich nahe. Während der Pressekonferenz nach Laudas Unfall fragte ihn beispielsweise ein Reporter tatsächlich, ob sich seine Frau jetzt wohl scheiden lassen werde, so wie er aussehe. Die Reaktionen von Lauda und Hunt im Film hätte man sich auch im wahren Leben gewünscht. Auch der Wunsch eines Fans nach dem Datum unter einem Autogramm, weil es ja das letzte sein könne, entspricht der Realität.
In diesen Szenen setzt sich der Film auch kritisch mit der von allen Seiten billigend in Kauf genommenen Morbidität dieses Sports auseinander, von der er dramaturgisch natürlich auch profititiert. Wenn sich Hunt und Lauda vor einem Rennen kurz zunicken, bevor sie das Visier herunterklappen, wirken sie wie moderne Gladiatoren. Das zwanzig-prozentige Risiko zu sterben, dem die Fahrer damals vor jedem Rennen ins Auge blickten, wurde heute durch stetig verbesserte Technik und Rennstrecken erfreulicherweise fast gegen null reduziert. Die medial hochgepushten Siege eines Schwiegermutterlieblings wie Vettel wird sich allerdings in 30 Jahren wohl auch niemand im Kino ansehen.
Am Ende sind die beiden Kontrahenten aneinander gereift. Sowohl Chris Hemsworth als auch Daniel Brühl brillieren in ihren Rollen, und meistern gekonnt die Balance zwischen realer Figur und wirksamer Überspitzung. Vor allem Brühl, dessen Rolle wegen des noch lebenden und sehr kritischen Vorbilds wohl die schwierigere war, hat Aussprache und Gestus von Lauda teilweise genial verinnerlicht. Auch die Nebenrollen wie Alexandra Maria Lara und Olivia Wilde überzeugen. Ron Howards Regie ist dynamisch und mitreißend. (Obwohl man sich gerade auf der großen Leinwand manchmal etwas mehr Fahrerperspektiven gewünscht hätte) Die Musik von Hans Zimmer betrachte ich ebenfalls als sehr gelungen, da er seinen vielgescholtenen Pathos hier sehr dosiert einsetzt. Gerade wenn man die Musik mit frühen Arbeiten wie DAYS OF THUNDER vergleicht. (Wobei ich die massive Zimmerkritik mancher Leute ja eh nicht nachvollziehen kann)
Zusammenfassend ist RUSH für mich eine der überzeugendsten Filmproduktionen in diesem Jahr und damit eine klare Kinoempfehlung!
Donnerstag, 5. September 2013
Burning down the House
White House Down
USA 2013
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Channing Tatum, Jamie Foxx, Maggie Gyllenhaal
WHITE HOUSE DOWN zählt in diesem Sommer zu den Blockbustern, die zumindest an den US-Kinokassen hinter den Erwartungen zurückblieben und einige Zeitungen veranlassten, von einem 'Summer of Doom' zu sprechen. (Siehe Beitrag etwas weiter unten: Zwischen Formelhaftigkeit und Reizüberflutung) Dabei bietet der Film geballte Action für die Jungs und für die Mädels Tänzer, Model und 'sexiest man alive' Channing Tatum im John-Mc-Clane-Gedächtnisfeinripp. Liegt es an einer allgemeinen Zerstörungsmüdigkeit, oder in diesem Fall doch eher am Film selbst?
Was dem Actionthriller einiges an Zuschauerzahlen abgegraben haben könnte, ist auch das Zwillingsfilm-Phänomen. Immer wieder kommen Autoren und Produzenten relativ zeitgleich auf sehr ähnliche Konzepte. Letztes Jahr duellierten sich die Schneewittchen (siehe hier), dieses Jahr ist das Weiße Haus Ziel von Terroreinheiten. Vor einigen Wochen startete auch OLYMPUS HAS FALLEN mit Gerard Butler und Rick Yune. Dort waren es Nordkoreaner (was Kim Jong-un in seinem Heimkino sicher geschmeichelt hat), hier sind es ein frustrierter Amerikaner und ein böser Deutscher. Ob das tatsächlich klug von den Machern ist, wie einige Kritiken dem Film attestierten, oder einfach nur pragmatisch, darüber kann man sicher streiten. So bleibt man korrekt und tut auf dem internationalen Markt niemandem weh, zumal die Terroristen hier noch klischeehaftere Pappenheimer sind als beispielsweise die in TRUE LIES.
Aber mit einer gewissen Portion Naivität und Patriotismus sollte man in einem derartigen Film wohl rechnen, und immerhin wird das Ganze auch mit einem Schuß Ironie und Humor präsentiert. Emmerichs US-Präsident ist hier ähnlich wie schon in INDEPENDENCE DAY eher eine Art Wunschbild, einer der tatkräftig anpackt - wenn es sein muss auch mal in Turnschuhen, dem 'Industriellen Komplex' die Stirn bieten kann und auch am Ende seiner Amtszeit noch einen Friedensnobelpreis wert ist. Die Anleihen an DIE HARD und diverse Buddiemovies werden dabei ironisch kommentiert. Amüsant sind auch die Seitenhiebe auf die Entwicklung der modernen Technik. So kommunizieren die Verschwörer beispielsweise mit Pagern von gaaanz früher. (Dass der Begriff Blog schon wieder veraltet sein soll wusste ich dagegen auch noch nicht. Wie nenn ich denn das Ding hier jetzt?)
Mit Channing Tatum hat Emmerich ähnlich wie 1996 mit Will Smith einen aufstrebenden Star gefunden. Wie fast alle Emmerich-Helden ist er ein Vater, der um die Anerkennung seiner Kinder kämpft. In der Rolle der Tochter glänzt die 14jährige Joey King, die ihre Sache wirklich gut macht. Durch ihren Charakter, der manchmal an eine reale Lisa Simpson erinnert, vermittelt Emmerich dem Zuschauer nebenbei ein paar Fakten zum Weißen Haus. Jamie Foxx, den zuletzt Quentin Tarantino als Django von der Kette ließ, gibt einen menschlich glaubwürdigen Präsidenten. Maggie Gyllenhaal und James Woods runden das Ensemble ab.
Und so ist WHITE HOUSE DOWN unter dem Strich handwerklich überzeugendes und durchaus Spaß machendes Actionkino, dem man einen gewissen Erfolg schon gönnt. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr. Nach ANONYMOUS, der mir persönlich ausgesprochen gut gefallen hat, entwickelt sich Emmerich hier in keine Richtung wirklich weiter.
Offizielle Webseite zum Film
USA 2013
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Channing Tatum, Jamie Foxx, Maggie Gyllenhaal
WHITE HOUSE DOWN zählt in diesem Sommer zu den Blockbustern, die zumindest an den US-Kinokassen hinter den Erwartungen zurückblieben und einige Zeitungen veranlassten, von einem 'Summer of Doom' zu sprechen. (Siehe Beitrag etwas weiter unten: Zwischen Formelhaftigkeit und Reizüberflutung) Dabei bietet der Film geballte Action für die Jungs und für die Mädels Tänzer, Model und 'sexiest man alive' Channing Tatum im John-Mc-Clane-Gedächtnisfeinripp. Liegt es an einer allgemeinen Zerstörungsmüdigkeit, oder in diesem Fall doch eher am Film selbst?
Was dem Actionthriller einiges an Zuschauerzahlen abgegraben haben könnte, ist auch das Zwillingsfilm-Phänomen. Immer wieder kommen Autoren und Produzenten relativ zeitgleich auf sehr ähnliche Konzepte. Letztes Jahr duellierten sich die Schneewittchen (siehe hier), dieses Jahr ist das Weiße Haus Ziel von Terroreinheiten. Vor einigen Wochen startete auch OLYMPUS HAS FALLEN mit Gerard Butler und Rick Yune. Dort waren es Nordkoreaner (was Kim Jong-un in seinem Heimkino sicher geschmeichelt hat), hier sind es ein frustrierter Amerikaner und ein böser Deutscher. Ob das tatsächlich klug von den Machern ist, wie einige Kritiken dem Film attestierten, oder einfach nur pragmatisch, darüber kann man sicher streiten. So bleibt man korrekt und tut auf dem internationalen Markt niemandem weh, zumal die Terroristen hier noch klischeehaftere Pappenheimer sind als beispielsweise die in TRUE LIES.
Aber mit einer gewissen Portion Naivität und Patriotismus sollte man in einem derartigen Film wohl rechnen, und immerhin wird das Ganze auch mit einem Schuß Ironie und Humor präsentiert. Emmerichs US-Präsident ist hier ähnlich wie schon in INDEPENDENCE DAY eher eine Art Wunschbild, einer der tatkräftig anpackt - wenn es sein muss auch mal in Turnschuhen, dem 'Industriellen Komplex' die Stirn bieten kann und auch am Ende seiner Amtszeit noch einen Friedensnobelpreis wert ist. Die Anleihen an DIE HARD und diverse Buddiemovies werden dabei ironisch kommentiert. Amüsant sind auch die Seitenhiebe auf die Entwicklung der modernen Technik. So kommunizieren die Verschwörer beispielsweise mit Pagern von gaaanz früher. (Dass der Begriff Blog schon wieder veraltet sein soll wusste ich dagegen auch noch nicht. Wie nenn ich denn das Ding hier jetzt?)
Mit Channing Tatum hat Emmerich ähnlich wie 1996 mit Will Smith einen aufstrebenden Star gefunden. Wie fast alle Emmerich-Helden ist er ein Vater, der um die Anerkennung seiner Kinder kämpft. In der Rolle der Tochter glänzt die 14jährige Joey King, die ihre Sache wirklich gut macht. Durch ihren Charakter, der manchmal an eine reale Lisa Simpson erinnert, vermittelt Emmerich dem Zuschauer nebenbei ein paar Fakten zum Weißen Haus. Jamie Foxx, den zuletzt Quentin Tarantino als Django von der Kette ließ, gibt einen menschlich glaubwürdigen Präsidenten. Maggie Gyllenhaal und James Woods runden das Ensemble ab.
Und so ist WHITE HOUSE DOWN unter dem Strich handwerklich überzeugendes und durchaus Spaß machendes Actionkino, dem man einen gewissen Erfolg schon gönnt. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr. Nach ANONYMOUS, der mir persönlich ausgesprochen gut gefallen hat, entwickelt sich Emmerich hier in keine Richtung wirklich weiter.
Offizielle Webseite zum Film
Donnerstag, 13. Juni 2013
Der Fluch der bösen Tat
The Place Beyond The Pines
USA 2012
Regie: Derek Cianfrence
Darsteller: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes
Wer hat sich nicht irgendwann mal gefragt, wie stark man nach seinen Eltern, speziell seinem Vater, kommt? Ob man letztendlich dazu verdammt ist, dessen Fehler, wie offensichtlich sie einem auch erscheinen mögen und wie sehr man sie vermeiden wollte, im eigenen Leben zu wiederholen? Derek Cianfrence' Film THE PLACE BEYOND THE PINES geht diesen zutiefst menschlichen Fragen anhand zweier eher unterschiedlicher Männer nach, dargestellt von Ryan Gosling und Bradley Cooper.
Gosling spielt den zwischen Sehnsucht und Aggression schwankenden Motorradstuntfahrer Luke, der seinen Lebensunterhalt auf einem herumziehenden Jahrmarkt verdient. Nachdem er erfahren hat, dass der Sohn seiner früheren Geliebten Romina (Eva Mendes) von ihm ist, will er das rastlose Leben aufgeben und für seine Familie da sein. Vor allem auch, weil er in seiner eigenen Kindheit erfuhr, wie es ist ohne den Vater aufzuwachsen. Doch die Gelegenheitsjobs werfen natürlich nicht genug ab, um eine ernsthafte Konkurrenz für Rominas neuen Partner zu sein. Und so entschließt er sich eines Tages, sein Talent als Stuntfahrer für Banküberfälle zu nutzen. Eine Entscheidung, die gravierende Folgen für sein Leben und das anderer haben wird.
Dem gegenüber steht der junge Streifenpolizist Avery Cross (Bradley Cooper), der ebenfalls sozusagen vom Bösen in Versuchung geführt wird, auf den ersten Blick aber bessere Entscheidungen trifft als Luke. Bradley Cooper wirkt hier ungewohnt seriös und ernst. Neben Gosling und Cooper beeindrucken auch Eva Mendes, Rose Byrne (die übrigens für die Rolle der Vesper in CASINO ROYALE in der engeren Wahl war, um mal den obligatorischen Bogen zu Bond zu spannen) und der bedrohlich-charismatische Ray Liotta, einer meiner Lieblingsschauspieler.
Auf den ersten Blick erinnert die Geschichte an DRIVE, in dem Gosling ebenfalls einen auf Abwege geratenen wortkargen Stuntman verkörpert. Auch die Melancholie der Bilder weckt diese Assoziation. Doch sein Charakter ist hier ambivalenter. Überhaupt geht der Film eher experimentell mit seinen Hauptfiguren um, und folgt ihren Handlungen und deren Konsequenzen, ohne sie zu werten. Keine der Figuren ist klar in sympathisch und unsympathisch getrennt, man kann mit jeder mitfühlen. Auch der neue Liebhaber und Konkurrent des Protagonisten - ein Charakter, der in den meisten Filmen quasi zum Abschuss freigegeben ist - hat hier seine Szenen.
Und der Film nimmt einige überraschende Wendungen, die ich hier nicht verraten möchte. Wer einen stylishen Cop-jagt-Bankräuber-Thriller erwartet, wird das eine oder andere Mal verwundert sein. Oder auch enttäuscht? THE PLACE BEYOND THE PINES ist einer dieser Filme, bei denen ich nicht mit einer klaren Gut-Schlecht-Wertung aus dem Kino kam. Einiges muss man erst "sacken lassen", doch der Film wirkt für mich positiv nach. Ich bin kein Fan von Noten und Sternchen, doch ich würde dem Film ein klares Prädikat 'Sehr sehenswert' geben.
USA 2012
Regie: Derek Cianfrence
Darsteller: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes
Wer hat sich nicht irgendwann mal gefragt, wie stark man nach seinen Eltern, speziell seinem Vater, kommt? Ob man letztendlich dazu verdammt ist, dessen Fehler, wie offensichtlich sie einem auch erscheinen mögen und wie sehr man sie vermeiden wollte, im eigenen Leben zu wiederholen? Derek Cianfrence' Film THE PLACE BEYOND THE PINES geht diesen zutiefst menschlichen Fragen anhand zweier eher unterschiedlicher Männer nach, dargestellt von Ryan Gosling und Bradley Cooper.
Gosling spielt den zwischen Sehnsucht und Aggression schwankenden Motorradstuntfahrer Luke, der seinen Lebensunterhalt auf einem herumziehenden Jahrmarkt verdient. Nachdem er erfahren hat, dass der Sohn seiner früheren Geliebten Romina (Eva Mendes) von ihm ist, will er das rastlose Leben aufgeben und für seine Familie da sein. Vor allem auch, weil er in seiner eigenen Kindheit erfuhr, wie es ist ohne den Vater aufzuwachsen. Doch die Gelegenheitsjobs werfen natürlich nicht genug ab, um eine ernsthafte Konkurrenz für Rominas neuen Partner zu sein. Und so entschließt er sich eines Tages, sein Talent als Stuntfahrer für Banküberfälle zu nutzen. Eine Entscheidung, die gravierende Folgen für sein Leben und das anderer haben wird.
Dem gegenüber steht der junge Streifenpolizist Avery Cross (Bradley Cooper), der ebenfalls sozusagen vom Bösen in Versuchung geführt wird, auf den ersten Blick aber bessere Entscheidungen trifft als Luke. Bradley Cooper wirkt hier ungewohnt seriös und ernst. Neben Gosling und Cooper beeindrucken auch Eva Mendes, Rose Byrne (die übrigens für die Rolle der Vesper in CASINO ROYALE in der engeren Wahl war, um mal den obligatorischen Bogen zu Bond zu spannen) und der bedrohlich-charismatische Ray Liotta, einer meiner Lieblingsschauspieler.
Auf den ersten Blick erinnert die Geschichte an DRIVE, in dem Gosling ebenfalls einen auf Abwege geratenen wortkargen Stuntman verkörpert. Auch die Melancholie der Bilder weckt diese Assoziation. Doch sein Charakter ist hier ambivalenter. Überhaupt geht der Film eher experimentell mit seinen Hauptfiguren um, und folgt ihren Handlungen und deren Konsequenzen, ohne sie zu werten. Keine der Figuren ist klar in sympathisch und unsympathisch getrennt, man kann mit jeder mitfühlen. Auch der neue Liebhaber und Konkurrent des Protagonisten - ein Charakter, der in den meisten Filmen quasi zum Abschuss freigegeben ist - hat hier seine Szenen.
Und der Film nimmt einige überraschende Wendungen, die ich hier nicht verraten möchte. Wer einen stylishen Cop-jagt-Bankräuber-Thriller erwartet, wird das eine oder andere Mal verwundert sein. Oder auch enttäuscht? THE PLACE BEYOND THE PINES ist einer dieser Filme, bei denen ich nicht mit einer klaren Gut-Schlecht-Wertung aus dem Kino kam. Einiges muss man erst "sacken lassen", doch der Film wirkt für mich positiv nach. Ich bin kein Fan von Noten und Sternchen, doch ich würde dem Film ein klares Prädikat 'Sehr sehenswert' geben.
Donnerstag, 9. Mai 2013
Starfall
Star Trek Into Darkness
USA 2013
Regie: J.J. Abrams
Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch
STAR TREK ist eigentlich ein Franchise, das buchstäblich unendlich viele Möglichkeiten bietet. Man kann sich im Gegensatz zu Bond beispielsweise effektetechnisch völlig austoben; man hat zahllose phantastische Welten, Wesen und Technologien zur Verfügung und schließlich auch die Möglichkeit, aktuelle und klassische Menschheitsthemen spielerisch in utopisch-übersteigerten Metaphern zu behandeln. Da wirkt es fast schon wie eine besondere Kunst, solch ein Universum uninteressant werden zu lassen, wie das unter Rick Bermans Ägide zunehmend der Fall war. Vor vier Jahren gelang es J.J. Abrams, wieder breite Zuschauerschichten für diese unendlichen Weiten zu begeistern. Nach dem zweiten Film hatte ich nun trotz guter Unterhaltung wieder das Gefühl vieler ungenutzter Möglichkeiten.
Dabei beginnt der Film ungemein vielversprechend und unterhaltsam. Man sieht die Crew bei der Rettung einer sehr exotischen Welt, bei der sie in Konflikt mit der obersten Direktive der Sternenflotte gerät. Der Vulkanier Spock befindet sich in einem buchstäblichen Vulkan, während Kirk und Pille von erzürnten Aliens verfolgt werden. Die oberste Direktive, die das Nicht-Einmischen in die Angelegenheiten sogenannter Pre-Warp-Zivilisationen vorschreibt, ist eine dieser Möglichkeiten, die Stoff für tiefergehende Stories bieten würde. Wenn man sich vor Augen führt, dass solch ein Einmischen in der Menschheitsgeschichte fast immer verbunden war mit einem Auslöschen, macht so eine Direktive durchaus Sinn. Andererseits könnte man es auch moralisch verwerflich finden, Schwächere einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Aber der Film nutzt dieses eingeführte moralische Dilemma im weiteren Verlauf nicht.
Die Einführung des von Benedict Cumberbatch verkörperten Gegenspielers John Harrison ist ebenfalls sehr gelungen. Allerdings wird auch hier ein Konflikt etabliert, der sich später in galaktischen Nebeln verflüchtigt. Der charismatische Cumberbatch, dessen Stern auch nach INTO DARKNESS steigen dürfte, ist schauspielerisch ein echtes Highlight. Harrison greift das Sternenflottenhauptquartier an und flüchtet daraufhin zur klingonischen Heimatwelt Qo'noS. Die Enterprise bekommt den Auftrag, ihn aufzuspüren.
Die Auflösung der wahren Identität des Antagonisten, um die abrams-typisch ein großes Geheimnis gemacht wurde, war dann für mich der erste Tiefpunkt des Films, denn die Macher gehen hier den einfallslosesten und mutlosesten aller Wege. Dazu kommt, dass der Background von Harrison in der veränderten Zeitlinie des Abrams-Universums keinen echten Sinn ergibt und auch kein starkes Motiv liefert. Von da an ist INTO DARKNESS zunehmend nur noch eine mäßig kreative Kopie gewisser älterer Filme - das allerdings, ohne den Impact der Originalszenen zu erreichen.
Dafür, dass Abrams nach eigenen Angaben von den meisten bisherigen Star-Trek-Filmen nicht allzu viel hält, bedient er sich doch reichlich an deren Erfolgsmustern. In diesem Aspekt wirkt INTO DARKNESS ein bisschen wie die STAR-WARS-Prequel, bei denen Lucas ebenfalls versuchte, einen narrativen "Reim" auf die alten Filme herzustellen. Vermutlich spekuliert Abrams darauf, dass die "Nicht-Trekker" sich an diese Filme eh nicht so gut erinnern werden, während er für die Fans ein paar Brocken hinwirft, wie eine Anspielung auf Tribbles oder einen dramaturgisch völlig unnötigen Kurzauftritt von Leonard Nimoy. Vom Sternenflotten-Geheimdienst Sektion 31 hätte man gern noch ein bisschen mehr gesehen und erfahren. Und auch logisch bleibt vieles offen.
Wie Sophie Albers in ihrer Kritik auf stern.de bemerkt, erinnert die Handlung oft etwas an SKYFALL (Der ja selbst wiederum an diverse Nolan-Filme erinnert). Vor allem die Gefangenschaft des Gegners und das Ende. Wahrscheinlich zählen Schurken in langen Mänteln, die sich gern gefangennehmen lassen, um ein bisschen zu posen, ebenso zum Zeitgeist wie fliegende Funken auf den Filmplakaten. Und natürlich müssen männliche Helden am Ende so richtig weinen, weil das ja so anziehend auf weibliche Zuschauer wirkt und die Kassen vielleicht noch ein bisschen mehr klingeln lässt.
In der zweiten Hälfte tritt STAR TREK INTO DARKNESS kreativ auf der Stelle. Und das trotz sehr guter Tricktechnik und durchweg sehenswerter Darsteller. Neben Cumberbatch glänzen auch Peter ROBOCOP Weller und Karl Urban. Auch die restliche Crew macht ihre Sache sehr gut und ist den Originalen wirklich würdig. Vielleicht ist es für Star Trek das Beste, wenn J.J. Abrams jetzt nach der gelungenen Einführung der Charaktere zur "Konkurrenz" wechselt. Für den nächsten Film wäre ein Regisseur zu wünschen, der mehr aus den Charakteren herausholt und aus dem Kosmos Neues hervorbringt, statt Altes aufzutauen.
USA 2013
Regie: J.J. Abrams
Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Benedict Cumberbatch
STAR TREK ist eigentlich ein Franchise, das buchstäblich unendlich viele Möglichkeiten bietet. Man kann sich im Gegensatz zu Bond beispielsweise effektetechnisch völlig austoben; man hat zahllose phantastische Welten, Wesen und Technologien zur Verfügung und schließlich auch die Möglichkeit, aktuelle und klassische Menschheitsthemen spielerisch in utopisch-übersteigerten Metaphern zu behandeln. Da wirkt es fast schon wie eine besondere Kunst, solch ein Universum uninteressant werden zu lassen, wie das unter Rick Bermans Ägide zunehmend der Fall war. Vor vier Jahren gelang es J.J. Abrams, wieder breite Zuschauerschichten für diese unendlichen Weiten zu begeistern. Nach dem zweiten Film hatte ich nun trotz guter Unterhaltung wieder das Gefühl vieler ungenutzter Möglichkeiten.
Dabei beginnt der Film ungemein vielversprechend und unterhaltsam. Man sieht die Crew bei der Rettung einer sehr exotischen Welt, bei der sie in Konflikt mit der obersten Direktive der Sternenflotte gerät. Der Vulkanier Spock befindet sich in einem buchstäblichen Vulkan, während Kirk und Pille von erzürnten Aliens verfolgt werden. Die oberste Direktive, die das Nicht-Einmischen in die Angelegenheiten sogenannter Pre-Warp-Zivilisationen vorschreibt, ist eine dieser Möglichkeiten, die Stoff für tiefergehende Stories bieten würde. Wenn man sich vor Augen führt, dass solch ein Einmischen in der Menschheitsgeschichte fast immer verbunden war mit einem Auslöschen, macht so eine Direktive durchaus Sinn. Andererseits könnte man es auch moralisch verwerflich finden, Schwächere einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Aber der Film nutzt dieses eingeführte moralische Dilemma im weiteren Verlauf nicht.
Die Einführung des von Benedict Cumberbatch verkörperten Gegenspielers John Harrison ist ebenfalls sehr gelungen. Allerdings wird auch hier ein Konflikt etabliert, der sich später in galaktischen Nebeln verflüchtigt. Der charismatische Cumberbatch, dessen Stern auch nach INTO DARKNESS steigen dürfte, ist schauspielerisch ein echtes Highlight. Harrison greift das Sternenflottenhauptquartier an und flüchtet daraufhin zur klingonischen Heimatwelt Qo'noS. Die Enterprise bekommt den Auftrag, ihn aufzuspüren.
Die Auflösung der wahren Identität des Antagonisten, um die abrams-typisch ein großes Geheimnis gemacht wurde, war dann für mich der erste Tiefpunkt des Films, denn die Macher gehen hier den einfallslosesten und mutlosesten aller Wege. Dazu kommt, dass der Background von Harrison in der veränderten Zeitlinie des Abrams-Universums keinen echten Sinn ergibt und auch kein starkes Motiv liefert. Von da an ist INTO DARKNESS zunehmend nur noch eine mäßig kreative Kopie gewisser älterer Filme - das allerdings, ohne den Impact der Originalszenen zu erreichen.
Dafür, dass Abrams nach eigenen Angaben von den meisten bisherigen Star-Trek-Filmen nicht allzu viel hält, bedient er sich doch reichlich an deren Erfolgsmustern. In diesem Aspekt wirkt INTO DARKNESS ein bisschen wie die STAR-WARS-Prequel, bei denen Lucas ebenfalls versuchte, einen narrativen "Reim" auf die alten Filme herzustellen. Vermutlich spekuliert Abrams darauf, dass die "Nicht-Trekker" sich an diese Filme eh nicht so gut erinnern werden, während er für die Fans ein paar Brocken hinwirft, wie eine Anspielung auf Tribbles oder einen dramaturgisch völlig unnötigen Kurzauftritt von Leonard Nimoy. Vom Sternenflotten-Geheimdienst Sektion 31 hätte man gern noch ein bisschen mehr gesehen und erfahren. Und auch logisch bleibt vieles offen.
Wie Sophie Albers in ihrer Kritik auf stern.de bemerkt, erinnert die Handlung oft etwas an SKYFALL (Der ja selbst wiederum an diverse Nolan-Filme erinnert). Vor allem die Gefangenschaft des Gegners und das Ende. Wahrscheinlich zählen Schurken in langen Mänteln, die sich gern gefangennehmen lassen, um ein bisschen zu posen, ebenso zum Zeitgeist wie fliegende Funken auf den Filmplakaten. Und natürlich müssen männliche Helden am Ende so richtig weinen, weil das ja so anziehend auf weibliche Zuschauer wirkt und die Kassen vielleicht noch ein bisschen mehr klingeln lässt.
In der zweiten Hälfte tritt STAR TREK INTO DARKNESS kreativ auf der Stelle. Und das trotz sehr guter Tricktechnik und durchweg sehenswerter Darsteller. Neben Cumberbatch glänzen auch Peter ROBOCOP Weller und Karl Urban. Auch die restliche Crew macht ihre Sache sehr gut und ist den Originalen wirklich würdig. Vielleicht ist es für Star Trek das Beste, wenn J.J. Abrams jetzt nach der gelungenen Einführung der Charaktere zur "Konkurrenz" wechselt. Für den nächsten Film wäre ein Regisseur zu wünschen, der mehr aus den Charakteren herausholt und aus dem Kosmos Neues hervorbringt, statt Altes aufzutauen.
Sonntag, 7. April 2013
Everything or Nothing:
The Untold Story of 007
Im Oktober 2012 erschien unter dem Titel EVERYTHING OR NOTHING: THE UNTOLD STORY OF 007 eine Dokumentation über die fast 60jährige Geschichte des britischen Spions, die seit Ende Januar auch als DVD erhältlich ist. Die DVD bietet die bisher umfangreichste Behandlung des Themas und reicht von Bonds literarischen Ursprüngen bis in die Gegenwart zu SKYFALL.
Regisseur Stevan Riley verknüpft auf gelungene Weise Musik und Szenen aus Bondfilmen mit den teils dramatischen Geschehnissen hinter den Kulissen der Kinoreihe, wodurch die 98 Minuten sehr kurzweilig und flüssig wirken. Damit erzählt die Dokumentation neben der Entstehung eines popkulturellen Mythos, der seinen Schöpfern nicht nur Erfolg und Glück gebracht hat, auch die persönlichen Hochs und Tiefs der Macher und Schauspieler. Angefangen bei Fleming, der zutiefst enttäuscht über die TV-Verfilmung von Casino Royale war und zunehmend unter körperlicher und geistiger Erschöpfung litt, über die Geschichte der Freundschaft und den Familien hinter den Produzenten Albert 'Cubby' Broccoli und Harry Saltzman bis hin zu den Darstellern und den rechtlichen Gefechten um das Franchise. Allein die Geschichte hinter George Lazenby, der falsch beraten war und den Bondjob aufgab, oder Pierce Brosnan, der erst die Bondzusage hatte, dann wieder im letzten Moment wieder an Dalton abgeben musste und schließlich den 'final call' erhielt, geben der Geschichte eine filmische Dramatik und Spannung.
Dabei geht der von EON autorisierte Film mit der eigenen Geschichte erstaunlich selbstreflexiv um und thematisiert auch Schattenseiten. Beispielsweise der jahrelange Rechtsstreit mit Kevin McClory oder die kreative Sackgasse Anfang des neuen Jahrtausends. (Pierce Brosnan bekommt selbst fast einen Lachanfall, als er über das unsichtbare Auto und die Surfszene in DIE ANOTHER DAY spricht, was ihn sympathisch macht.) Der Titel bezieht sich auf die bis dato offiziell dementierte Abkürzung hinter der Produktionsfirma EON und diente bereits 2003 für ein Bondspiel mit Brosnan.
Neben den Darstellern, Regisseuren und Drehbuchautoren sowie deren Nachfahren kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter Flemings Stiefcousin Christopher Lee oder Bill Clinton. Für Fans und Filminteressierte ist die DVD auf jeden Fall sehr empfehlenswert! Leider ist sie nur englischsprachiger Export ohne Untertitel erhältlich - eine deutsche Bearbeitung oder TV-Ausstrahlung ist bisher nicht in Sicht.
Im Oktober 2012 erschien unter dem Titel EVERYTHING OR NOTHING: THE UNTOLD STORY OF 007 eine Dokumentation über die fast 60jährige Geschichte des britischen Spions, die seit Ende Januar auch als DVD erhältlich ist. Die DVD bietet die bisher umfangreichste Behandlung des Themas und reicht von Bonds literarischen Ursprüngen bis in die Gegenwart zu SKYFALL.Regisseur Stevan Riley verknüpft auf gelungene Weise Musik und Szenen aus Bondfilmen mit den teils dramatischen Geschehnissen hinter den Kulissen der Kinoreihe, wodurch die 98 Minuten sehr kurzweilig und flüssig wirken. Damit erzählt die Dokumentation neben der Entstehung eines popkulturellen Mythos, der seinen Schöpfern nicht nur Erfolg und Glück gebracht hat, auch die persönlichen Hochs und Tiefs der Macher und Schauspieler. Angefangen bei Fleming, der zutiefst enttäuscht über die TV-Verfilmung von Casino Royale war und zunehmend unter körperlicher und geistiger Erschöpfung litt, über die Geschichte der Freundschaft und den Familien hinter den Produzenten Albert 'Cubby' Broccoli und Harry Saltzman bis hin zu den Darstellern und den rechtlichen Gefechten um das Franchise. Allein die Geschichte hinter George Lazenby, der falsch beraten war und den Bondjob aufgab, oder Pierce Brosnan, der erst die Bondzusage hatte, dann wieder im letzten Moment wieder an Dalton abgeben musste und schließlich den 'final call' erhielt, geben der Geschichte eine filmische Dramatik und Spannung.
Dabei geht der von EON autorisierte Film mit der eigenen Geschichte erstaunlich selbstreflexiv um und thematisiert auch Schattenseiten. Beispielsweise der jahrelange Rechtsstreit mit Kevin McClory oder die kreative Sackgasse Anfang des neuen Jahrtausends. (Pierce Brosnan bekommt selbst fast einen Lachanfall, als er über das unsichtbare Auto und die Surfszene in DIE ANOTHER DAY spricht, was ihn sympathisch macht.) Der Titel bezieht sich auf die bis dato offiziell dementierte Abkürzung hinter der Produktionsfirma EON und diente bereits 2003 für ein Bondspiel mit Brosnan.
Neben den Darstellern, Regisseuren und Drehbuchautoren sowie deren Nachfahren kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter Flemings Stiefcousin Christopher Lee oder Bill Clinton. Für Fans und Filminteressierte ist die DVD auf jeden Fall sehr empfehlenswert! Leider ist sie nur englischsprachiger Export ohne Untertitel erhältlich - eine deutsche Bearbeitung oder TV-Ausstrahlung ist bisher nicht in Sicht.
- Darsteller: Daniel Craig, Pierce Brosnan, Roger Moore, Timothy Dalton, Judi Dench
- Regie: Stevan Riley
- Format: PAL
- Sprache: Englisch
- Untertitel: Keine
- Synchronfassungen: Keine
- Untertitel für Gehörlose: Keine
- Laufzeit: 93 Minuten
Donnerstag, 17. Januar 2013
Blutige Baumwolle
Django Unchained
USA 2012
Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino
Darsteller: Christoph Waltz, Jamie Foxx, Leonardo DiCaprio
Kino eignet sich nicht nur dafür, vergangene Epochen wieder lebendig werden zu lassen, sondern auch, die Geschichte nach eigenen Vorstellungen umzuschreiben. Während bei vielen historischen Filmen letzteres eher auf schlampige Recherche zurückzuführen ist, nutzt Quentin Tarantino die Freiheiten der Zeitmaschine Kino bewusst und konsequent. In INGLORIOUS BASTERDS (2009) glückt ein Attentat auf Hitler, wo sie in der Realität allesamt scheiterten; in seiner achten Spielfilm-Regie lässt er nun einen schwarzen Sklaven seine Ketten sprengen und mit den weißen Besitzern abrechnen. Dabei wird auch die Filmgeschichte berichtigt. "Once you loved her, now you've lost her forever", singt Rocky Roberts in Luis Bacalovs Hymne zum originalen DJANGO (1966).
Tarantinos Django (Jamie Foxx) hat seine Liebe noch nicht für immer verloren, und so dreht sich die Geschichte um Djangos Versuch, mit Hilfe des Kopfgekljägers Dr. King Schultz (Christoph Waltz) seine Frau (Kerry Washington) zu befreien und sich an ihren und seinen Peinigern zu rächen. Doch auch auf eine weniger positive Weise unterscheidet sich der "Southern" von Sergio Corbuccis Italowestern. Während Franco Neros eisblaue Augen Damen wie Bösewichte verstummen ließen, ist DJANGO UNCHAINED eindeutig die Show von Christoph Waltz. Die Leinwandpräsenz des Wieners ist schon erstaunlich, wenn man an frühere Rollen in "Die Roy Black Story" oder "Kommissar Rex" denkt. In Deutschland wäre jemand wie er vermutlich heute noch dazu verdammt, zwischen Tatort und Traumschiff zu tingeln. Seine Figur des auf Kopfgeldjäger umgeschulten Zahnarztes erinnert an die historische Figur des Doc Holliday, und Waltz spielt sie mit einer genialen Mischung aus Eloquenz und Tödlichkeit. Der zweite Oscar wäre auf jeden Fall verdient.
Jamie Foxx hat erst gegen Ende des mit 165 Minuten etwas zu lang geratenen Films die Gelegenheit, aus dem Schatten seines Mentors zu treten. Dafür aber dann umso bleischwerer und blutiger. Die Gewalt in DJANGO UNCHAINED wirkt verglichen mit Tarantinos bisherigen Filmen realistischer und weniger cartoonhaft. Der Regisseur schafft es, das absurde Selbstverständnis der weißen Sklavenhalter in vielen Szenen auf den Punkt zu bringen. "Man könnte drüber lachen, wenn es nicht so tragisch wäre" - dieser Spruch trifft wohl auf einen Großteil der Menschheitsgeschichte zu. Hier darf man tatsächlich auch mal darüber lachen, beispielsweise wenn sich Ku-Klux-Klan-Mitglieder über ihre Kapuzen streiten. Manchmal wird es allerdings auch etwas zu plakativ, etwa wenn ein fetter Weißer eine Sklavin mit der Bibel in der Hand auspeitscht.
Auch Leonardo DiCaprio, der mit THE QUICK AND THE DEAD schon einmal in einer Italowestern-Hommage spielte und hier den Planatagenbesitzer Calvin Candie verkörpert, ist sehenswert, reicht als Bösewicht aber nicht ganz an Waltz´ Hans Landa heran. Wie gewohnt bei Tarantino ist der Film bis in die kleinste Nebenrolle genial besetzt. Bondfans können sich beispielsweise auf ein Wiedersehen mit Colonell Heller aus LICENCE TO KILL freuen, hier als Sheriff. Auch der Meister himself beweist in einer kleinen Rolle wieder Sinn für Selbstironie. Obligatorisch ebenfalls die zahlreichen Zitate nicht nur der Italowesterngeschichte, sowie die kongeniale Musikauswahl.
Im Gesamteindruck hält der Film eine sehr gekonnte Balance zwischen Popcorn-Unterhaltung, Hommage an ein Genre bzw. den Film an sich sowie ernsteren Zwischentönen. In dieser Kategorie erreicht er meiner Meinung nach allerdings nicht ganz die Klasse von INGLORIOUS BASTERDS. Zumindest auf den ersten Blick. Auf jeden Fall mag ich den "erwachsenen" Tarantino mit Jackie Brown, Basterds und Django wesentlich lieber.
USA 2012
Regie und Drehbuch: Quentin Tarantino
Darsteller: Christoph Waltz, Jamie Foxx, Leonardo DiCaprio
Kino eignet sich nicht nur dafür, vergangene Epochen wieder lebendig werden zu lassen, sondern auch, die Geschichte nach eigenen Vorstellungen umzuschreiben. Während bei vielen historischen Filmen letzteres eher auf schlampige Recherche zurückzuführen ist, nutzt Quentin Tarantino die Freiheiten der Zeitmaschine Kino bewusst und konsequent. In INGLORIOUS BASTERDS (2009) glückt ein Attentat auf Hitler, wo sie in der Realität allesamt scheiterten; in seiner achten Spielfilm-Regie lässt er nun einen schwarzen Sklaven seine Ketten sprengen und mit den weißen Besitzern abrechnen. Dabei wird auch die Filmgeschichte berichtigt. "Once you loved her, now you've lost her forever", singt Rocky Roberts in Luis Bacalovs Hymne zum originalen DJANGO (1966).
Tarantinos Django (Jamie Foxx) hat seine Liebe noch nicht für immer verloren, und so dreht sich die Geschichte um Djangos Versuch, mit Hilfe des Kopfgekljägers Dr. King Schultz (Christoph Waltz) seine Frau (Kerry Washington) zu befreien und sich an ihren und seinen Peinigern zu rächen. Doch auch auf eine weniger positive Weise unterscheidet sich der "Southern" von Sergio Corbuccis Italowestern. Während Franco Neros eisblaue Augen Damen wie Bösewichte verstummen ließen, ist DJANGO UNCHAINED eindeutig die Show von Christoph Waltz. Die Leinwandpräsenz des Wieners ist schon erstaunlich, wenn man an frühere Rollen in "Die Roy Black Story" oder "Kommissar Rex" denkt. In Deutschland wäre jemand wie er vermutlich heute noch dazu verdammt, zwischen Tatort und Traumschiff zu tingeln. Seine Figur des auf Kopfgeldjäger umgeschulten Zahnarztes erinnert an die historische Figur des Doc Holliday, und Waltz spielt sie mit einer genialen Mischung aus Eloquenz und Tödlichkeit. Der zweite Oscar wäre auf jeden Fall verdient.
Jamie Foxx hat erst gegen Ende des mit 165 Minuten etwas zu lang geratenen Films die Gelegenheit, aus dem Schatten seines Mentors zu treten. Dafür aber dann umso bleischwerer und blutiger. Die Gewalt in DJANGO UNCHAINED wirkt verglichen mit Tarantinos bisherigen Filmen realistischer und weniger cartoonhaft. Der Regisseur schafft es, das absurde Selbstverständnis der weißen Sklavenhalter in vielen Szenen auf den Punkt zu bringen. "Man könnte drüber lachen, wenn es nicht so tragisch wäre" - dieser Spruch trifft wohl auf einen Großteil der Menschheitsgeschichte zu. Hier darf man tatsächlich auch mal darüber lachen, beispielsweise wenn sich Ku-Klux-Klan-Mitglieder über ihre Kapuzen streiten. Manchmal wird es allerdings auch etwas zu plakativ, etwa wenn ein fetter Weißer eine Sklavin mit der Bibel in der Hand auspeitscht.
Auch Leonardo DiCaprio, der mit THE QUICK AND THE DEAD schon einmal in einer Italowestern-Hommage spielte und hier den Planatagenbesitzer Calvin Candie verkörpert, ist sehenswert, reicht als Bösewicht aber nicht ganz an Waltz´ Hans Landa heran. Wie gewohnt bei Tarantino ist der Film bis in die kleinste Nebenrolle genial besetzt. Bondfans können sich beispielsweise auf ein Wiedersehen mit Colonell Heller aus LICENCE TO KILL freuen, hier als Sheriff. Auch der Meister himself beweist in einer kleinen Rolle wieder Sinn für Selbstironie. Obligatorisch ebenfalls die zahlreichen Zitate nicht nur der Italowesterngeschichte, sowie die kongeniale Musikauswahl.
Im Gesamteindruck hält der Film eine sehr gekonnte Balance zwischen Popcorn-Unterhaltung, Hommage an ein Genre bzw. den Film an sich sowie ernsteren Zwischentönen. In dieser Kategorie erreicht er meiner Meinung nach allerdings nicht ganz die Klasse von INGLORIOUS BASTERDS. Zumindest auf den ersten Blick. Auf jeden Fall mag ich den "erwachsenen" Tarantino mit Jackie Brown, Basterds und Django wesentlich lieber.
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Rückkehr nach Mittelerde
Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
NZ/USA/GB 2012
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Christopher Lee
Während der Rest der Menschheit 2001 so ziemlich begeistert war vom ersten Teil der "Herr der Ringe"-Verfilmung von Peter Jackson war, fand ich den Film damals eher seltsam. Handwerklich zwar überzeugend, aber die Handlung und die Charaktere mit den seltsamen Namen rissen mich nicht wirklich mit. Vor allem der Hauptdarsteller mit den blauen Riesenaugen, der die ganze Zeit gerettet werden musste. Überzeugt und gepackt hat mich das Ganze dann erst ab dem zweiten Teil. Die Dramatik, die monumentalen Landschafts- und Schlachtengemälde und die Musik von Howard Shore.
Mittlerweile mag ich auch den ersten Teil sehr gern, und so war es rundherum einfach ein Genuss, nach knapp zehn Jahren wieder aus der verschneiten kalten Wirklichkeit für drei Stunden in die warme erdige Welt eines gewissen J.R.R. Tolkien abzutauchen. Man vermisst sogar manchmal die Herr-Frodo-Dialoge und gewisse Gesichter und Melodien. Wenn die neuen alten Gefährten auf die Reise gehen oder gegen Feinde kämpfen erwartet man die gewohnten Fanfaren und Themes. Aber letztlich geht auch das neue Hauptthema, das sich in Neil Finns "Song Of The Lonely Mountain" wiederfindet, ins Ohr und erzeugt die gewohnte Gänsehaut.
Martin Freeman, der Watson aus der BBC-Serie "Sherlock", überzeugt als junger Bilbo und funktioniert als Hauptdarsteller tatsächlich besser als Wood. Ian McKellen, Kate Blanchett und Christopher Lee wurden digital und maskenbildnerisch glaubwürdig verjüngt. Mit dem HFR 3D hatte ich kein Problem. (An dieser Stelle muss ich mich als 3D-Fan outen - wahrscheinlich wieder im Gegensatz zum Rest der Menschheit) Zumindest hatte ich weder Geisterbilder, scherenschnitthaft wirkende Objekte im Vordergrund noch Kopfschmerzen oder andere unangenehme Nebenwirkungen nach drei Stunden zu beklagen.
Auch bedrohliche Kreaturen bietet der Film wieder in Perfektion. Angefangen mit Smaug, von dem man noch nicht viel sieht, über lispelnde Trolle und riesige Felswesen. Man merkt, dass Peter Jackson sich alle Mühe gegeben hat, aus der Kindergeschichte um Zwerge und Drachen dieselbe Dramatik und unterschwellige Gefahr herauszuholen wie aus der Roman-Trilogie. Ob der zweite Teil die poetische Weltuntergangsstimmung von THE TWO TOWERS erreichen kann, bleibt abzuwarten.
NZ/USA/GB 2012
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Christopher Lee
Während der Rest der Menschheit 2001 so ziemlich begeistert war vom ersten Teil der "Herr der Ringe"-Verfilmung von Peter Jackson war, fand ich den Film damals eher seltsam. Handwerklich zwar überzeugend, aber die Handlung und die Charaktere mit den seltsamen Namen rissen mich nicht wirklich mit. Vor allem der Hauptdarsteller mit den blauen Riesenaugen, der die ganze Zeit gerettet werden musste. Überzeugt und gepackt hat mich das Ganze dann erst ab dem zweiten Teil. Die Dramatik, die monumentalen Landschafts- und Schlachtengemälde und die Musik von Howard Shore.
Mittlerweile mag ich auch den ersten Teil sehr gern, und so war es rundherum einfach ein Genuss, nach knapp zehn Jahren wieder aus der verschneiten kalten Wirklichkeit für drei Stunden in die warme erdige Welt eines gewissen J.R.R. Tolkien abzutauchen. Man vermisst sogar manchmal die Herr-Frodo-Dialoge und gewisse Gesichter und Melodien. Wenn die neuen alten Gefährten auf die Reise gehen oder gegen Feinde kämpfen erwartet man die gewohnten Fanfaren und Themes. Aber letztlich geht auch das neue Hauptthema, das sich in Neil Finns "Song Of The Lonely Mountain" wiederfindet, ins Ohr und erzeugt die gewohnte Gänsehaut.
Martin Freeman, der Watson aus der BBC-Serie "Sherlock", überzeugt als junger Bilbo und funktioniert als Hauptdarsteller tatsächlich besser als Wood. Ian McKellen, Kate Blanchett und Christopher Lee wurden digital und maskenbildnerisch glaubwürdig verjüngt. Mit dem HFR 3D hatte ich kein Problem. (An dieser Stelle muss ich mich als 3D-Fan outen - wahrscheinlich wieder im Gegensatz zum Rest der Menschheit) Zumindest hatte ich weder Geisterbilder, scherenschnitthaft wirkende Objekte im Vordergrund noch Kopfschmerzen oder andere unangenehme Nebenwirkungen nach drei Stunden zu beklagen.
Auch bedrohliche Kreaturen bietet der Film wieder in Perfektion. Angefangen mit Smaug, von dem man noch nicht viel sieht, über lispelnde Trolle und riesige Felswesen. Man merkt, dass Peter Jackson sich alle Mühe gegeben hat, aus der Kindergeschichte um Zwerge und Drachen dieselbe Dramatik und unterschwellige Gefahr herauszuholen wie aus der Roman-Trilogie. Ob der zweite Teil die poetische Weltuntergangsstimmung von THE TWO TOWERS erreichen kann, bleibt abzuwarten.
Mittwoch, 31. Oktober 2012
Die Sünden der Mütter
Skyfall
James Bond ist zurück - zum 23. Mal in 50 Jahren! (Eigentlich schon zum 24. Mal, zählt man das Remake "Sag niemals nie" dazu) Was heute so selbstverständlich wirkt, war es nicht immer. Wenn Bond im Film zu seinem Gegenspieler Raoul Silva sagt, dass sein Hobby Auferstehung sei, dann ist das auch eine treffende Beschreibung der Franchise-Geschichte. Während in der Realität wohl niemand einen Agenten wie Bond nachhause schicken würde, wurde die Relevanz Bonds vor allem nach Ende des Kalten Krieges regelmäßig in Zweifel gezogen. Zuletzt gab die Krise des Studios MGM der Doppelnull ein großes Fragezeichen. Doch Bond ist auferstanden, pünktlich zum goldenen Jubiläum des ersten Bondabenteuers DOCTOR NO.
GB 2012
Regie: Sam Mendes
Darsteller: Daniel Craig, Javier Bardem, Bérénice Marlohe, Judi Dench
Dienstag, 2. Oktober 2012
Alter-Ego-Shooter
LooperUSA 2012
Regie und Drehbuch: Rian Johnson
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt, Piper Perabo
Die gute Nachricht zuerst: In sechzig Jahren sind Zeitreisen möglich. Allerdings keine spannenden Trips in den Wilden Westen oder die Kreidezeit. Die Zeittouristen können ihre Ausflüge kaum genießen, denn unmittelbar nach Ankunft werden sie auch gleich in die ewigen Jagdgründe weiterbefördert. Da Zeitreisen offiziell verboten sind, werden sie von Verbrecherorganisationen zur perfekten Eliminierung von unliebsamen Zeitgenossen genutzt. Sogenannte Looper töten und entsorgen die Opfer in der Vergangenheit, damit sie in der Zukunft keine DNA-Spuren mehr hinterlassen.
So weit, so düster. Aus dieser ebenso originellen wie pessimistischen Idee entspinnt Autor und Regisseur Rian Johnson (Brick) eine Zukunft, die in ihrer perfiden Brutalität bedrückend realistisch wirkt. Um die Looper als unliebsame Mitwisser loszuwerden, schickt man deren zukünftige Alter-Egos ebenfalls als Opfer in die Vergangenheit. Da Joe (Joseph Gordon-Levitt) in 30 Jahren jedoch die Coolness von Bruce Willis entwickelt, erweist sich die Tötung des Zukunfts-Ichs viel schwieriger als erwartet.
Charakterkopf Bruce Willis ist hier in einer Rolle zu sehen, die an 12 MONKEYS (1995) von Terry Gilliam erinnert - auch dort reiste er aus einer düsteren Zukunft durch die Zeit zurück und begegnete sich selbst. Trotz dieser Gemeinsamkeiten stellt LOOPER vom Konzept her aber einen Gegenentwurf zu diesem Film dar. Zeitreisegeschichten sind ja immer auch ein philosophischer Kommentar zur alten Frage des freien Willens. In
12 MONKEYS können die Protagonisten den Zeitablauf nicht verändern, weil alle ihre Handlungen Teil desselben und durch physikalische Gesetze vorherbestimmt sind. Freier Wille ist dort eine Illusion. In LOOPER und auch den meisten anderen Zeitreisefilmen dagegen, wie ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT I bis III, THE BUTTERFLY EFFECT und den STAR-TREK-Zeitreisen, stellt der freie Wille der Protagonisten eine reelle Kraft dar, die unabhängig von physikalischen Gesetzen und Ursache-Wirkungs-Prinzipien ist und den Ablauf der Dinge verändern kann.
So düster Filme wie LOOPER oder THE BUTTERFLY EFFECT also auch sind, im Grunde sind sie ein sehr optimistisches Plädoyer für die Freiheit des Willens. Die Stärke von LOOPER ist, dass Rian Johnson als Autor diese philosophischen Implikationen bewusst einsetzt. Und so ist der Film nicht nur ein Science-Fiction-Actioner mit einer originellen Grundidee, sondern auch ein Film über die kleinen und großen Entscheidungen, die das ganze Leben zum Guten oder zum Schlechten verändern können, und über den Generationenkonlikt mit dem eigenen Ich durch sich verändernde Prioritäten. Die sich durch die Zeit-Paradoxa ergebenden Effekte nutzt der Film clever für sich, zum Beispiel mit einer albtraumhaften Stirb-langsam-Sequenz im buchstäblichen Sinn.
Obwohl LOOPER durch solide Effekte und futuristische Sets überzeugt, ist die wahre Sensation sein Hauptdarsteller. Joseph Gordon-Levitt, der schon in INCEPTION und THE DARK KNIGHT RISES beeindruckte, wirkt hier wie ein lebender Spezialeffekt - so verblüffend beherrscht er Mimik und Gestus von Bruce Willis. Die oscarreife Maske verstärkt diesen Effekt noch. Man meint in vielen Szenen den jungen Willis aus der Serie "Das Modell und der Schnüffler" vor sich zu haben, und das obwohl Gordon-Levitt im richtigen Leben eigentlich überhaupt keine Ähnlichkeit mit dem Armageddon-Star hat. Ebenfalls aus dem eh schon guten Schauspielensemble herausragend ist der fünfjährige Pierce Gagnon.
LOOPER ist eine der positivsten Filmüberraschungen dieses Jahres. Einige kleinere Mängel trüben diesen Eindruck nur leicht. Zum einen macht der Film unnötigerweise eine zweite Science-Fiction-Baustelle auf, und verkauft dem Zuschauer zwei Konzepte, wo eins - die Zeitreise - eigentlich ausgereicht hätte. Zum anderen hatte ich nach dem hypnotisierenden Ideen-Feuerwerk in den beiden ersten Dritteln gegen Ende das Gefühl, dass das Konzept nicht völlig ausgereizt wurde. Und auch Bruce Willis´ Figur wirkt im Finale leider nicht mehr völlig glaubwürdig. Zum ganz großen Wurf à la INCEPTION reicht es deshalb für mich nicht, aber LOOPER ist trotzdem beeindruckend und sehr sehenswert. Und er regt zum Nachdenken an, und das ist viel mehr, als man von den meisten Blockbustern sagen kann.
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