Sonntag, 25. November 2012

Casino Royale - Die Neuübersetzung

Neben all den Buch-Neuerscheinungen im Bond-Jubiläumsjahr bin ich nun endlich mal dazu gekommen, die neu übersetzten James-Bond-Romane zu lesen, die im Verlag Cross Cult erscheinen. Die deutschen Übersetzungen der Romane und Kurzgeschichtensammlungen von Ian Fleming waren bisher sehr mangelhaft. Mit der Übertragung ins Deutsche an sich, vorgenommen von Günther Eichel ursprünglich für den Ullstein-Verlag, hatte ich eigentlich weniger ein Problem. Ich muss sogar sagen, dass ich mit den vergilbten Seiten und dem heute leicht altmodisch wirkenden Sprachstil eine gewisse Nostalgie verbinde. Die verschlissenen Scherz-Ausgaben habe erst aus der Bibliothek ausgeliehen und sie später dann zusammengekauft.

Viel negativer ins Gewicht fallen eher drastische Kürzungen der Erst-Übersetzungen. Zum einen kürzte man, um die Romane als Taschenbuch für 2,80 DM anbieten zu können - bei "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" fehlt beispielsweise ein komplettes Kapitel, das Bonds Familiengeschichte beleuchtet. Zudem wurden sie arg zensiert. In "Casino Royale" fehlt beispielsweise folgender Absatz in Kapitel 13 komplett: "Er wollte ihren kalten und arroganten Körper. Er wollte in ihren blauen Augen Tränen und Lust sehen, seine Hände in ihrem schwarzen Haar versenken und ihren langen, geschmeidigen Körper unter seinem zurückbiegen. Der Gedanke erregte ihn, und als er erneut in den Spiegel sah, blickte sein Gesicht voller Begierde zurück". Dem wirtschaftsverwunderten käferfahrenden Otto Normalverbraucher konnte man soviel Sex natürlich nicht zumuten. Und so war das Bild, das sich deutsche Leser von Bond machten, jahrzehntelang verzerrt und geschönt.

Dazu kamen die fehlenden Kapitelüberschriften und eine fragwürdige Vermarktung. Vor allem im Scherz-Verlag ließ die grafische Gestaltung der Buchtitel zu wünschen übrig und erinnerte eher an durchschnittliche Krimis. Die Scherz-Edition zum 40. Jubiläum 1993 sah zwar etwas besser aus, benutzte aber zum Teil unpassende Filmplakate - für "Casino Royale" beispielsweise die Colt-Lady vom Poster der Parodie von 1967, die popkulturell zwar nicht uninteressant ist, mit dem Roman aber ungefähr soviel zu tun hat wie Bugs Bunny mit Albrecht Dürers Feldhasen. Das alles hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Ur-Bond-Bücher in Deutschland eher ein Nischendasein führten und zuletzt kaum mehr in Buchhandlungen zu finden waren - was sich nun hoffentlich ändert!

Die Übersetzung von Anika Klüver und Stephanie Pannen - die über ihre Arbeit in einem sehr lesenswerten Blog berichten - klingt modern und ist teilweise vereinfachend. Fleming benennt beispielweise im Dossier für M Medikamente genau, die Le Chiffre zur Geldbeschaffung theoretisch schmuggeln könnte - Aureo- und Streptomycin und Kortison. Da heutige Leser vom Schwarzmarkt höchstens mal etwas von den Großeltern gehört haben, hat man dieses Detail weggelassen. Letztendlich ist eine Übersetzung immer ein Kompromiss, und die neue Übersetzung ist auf jeden Fall der bessere. Der Roman liest sich so sehr flüssig, und man gewinnt ein wesentlich vollständigeres Bild von Flemings ursprünglicher Intention zu James Bond, "a spice of adventure, a dash of patriotism, laced with sex, sadism, and expense account know-how", wie die Sunday Times seinerzeit schrieb. Gekrönt werden die neuen Ausgaben von kongenialen Cover-Artworks von Michael Gilette, die bereits die englischen Penguin-Bücher zierten. Für "Feuerball" und "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" fertigte Gilette sogar zwei neue wunderschöne Illustrationen.

Jetzt freue ich mich auf die politisch unkorrekte Version von "Leben und sterben lassen"!

Sonntag, 18. November 2012

Auf den zweiten Blick

Am Donnerstag hab ich SKYFALL zum zweiten mal gesehen - und zum ersten mal überhaupt saß ich in einem Bondfilm ganz allein im Kino. Zur Ehrenrettung des Films sei gesagt, dass es sich um die 14-Uhr-Vorstellung handelte. Und so war die totale Platzwahl und Konzentration auf den Film möglich. Dabei hat sich mein überwiegend positiver Eindruck bestätigt (siehe hier). (Der nachfolgende Text kann Spoiler enthalten, also wichtige Handlungsdetails verraten)

The Dark Agent Rises?

Anlass zur Kritik am Film gibt unter anderem die offensichtliche Inspiration durch die Art und Weise, wie Christopher Nolan das Batman-Universum erneuert hat. Immerhin hat Regisseur Sam Mendes in einem Interview bekräftigt, dass ihn die eindrucksvolle Verknüpfung von Kunst und Kommerz in der Dark-Knight-Trilogie dazu bewogen habe, die Regie bei einem Bondfilm zu übernehmen. Und es gibt tatsächlich auffällige Parallelen zwischen SKYFALL und den letzten beiden Nolan-Batmans. Zum ersten Mal bei Bond wird der Einfluss des plötzlichen und frühen Todes seiner Eltern auf seine "Heldenreise" thematisiert, und auch der Bondsche Familiensitz samt Restpersonal wirkt recht batman-esk. Gegenspieler Raoul Silva erinnert in manchen Szenen an Heath Ledgers Jokers, wobei sich die etwas schrillen und sexuell offensiven Seiten seines Charakters auch sehr gut durch das erklären lassen, was er erlitten hat. (Man könnte das Parallelenspiel sogar noch weiter treiben: Die Comic-Saga, auf der Nolans dritter Batman lose basiert, heißt KNIGHTFALL; der Protagonist erleidet dort am Anfang eine ungewöhnlich starke körperliche Verletzung, die normalerweise tödlich wäre, und muss sich davon erholen; der entscheidende Zweikampf mit dem rachsüchtigem Gegenspieler findet im Wayne Manor statt, sozusagen dem fledermäusischen Äquivalent zur Skyfall Lodge)

Aber letztendlich ist Nolans Einfluss nicht viel größer als der, den beispielsweise Blaxploitation-Filme auf LIVE AND LET DIE  hatten. Es gibt bei Batman auch einige Referenzen an 007, wie etwa der von Rosa Klebb inspirierte Messer-Schuh des Jokers. Zudem ist es ein häufiges Merkmal von Helden, früh die wohlhabenden Eltern zu verlieren und einen Mentor zu haben, von Tarzan über Luke Skywalker bis zu Lara Croft. Die meisten Skyfall-Elemente finden sich in ähnlicher Form bereits bei Fleming.

Was ich dagegen eher kritisieren würde ist, dass der Familiensitz hauptsächlich nicht mehr als eine interessante und abwechslungsreiche Kulisse bietet. Sonst verschanzten sich die Bösewichte am Ende in ihren Behausungen, stellten Bond dort Fallen und entführten gern auch das Girl als Lockvogel. Insofern ist der dritte Akt von SKYFALL die sehr schöne ironische Brechung eines Klischees, aber leider geht er auch nicht wirklich über das hinaus, was man aus den Büchern kennt. Nach dem überbordenden Lob des Drehbuches durch alle Beteiligten hatte ich hier noch eine besondere Wendung erwartet. Etwas, das Jeffery Deaver in seinem Roman "Carte Blanche" beispielsweise gut gelungen ist.

Best of Brosnan?

Neben den Nolan-Parallelen fallen an SKYFALL auch viele Ähnlichkeiten zu den Bondfilmen mit Pierce Brosnan auf. Wie in GOLDENEYE werden Bond und seine Methoden ständig in Frage gestellt, und er wird mit einem abtrünnigen Kollegen konfrontiert, zu dessen Plan das Hacken von Computern gehört. Wie in THE WORLD IS NOT ENOUGH stürzt Bond im Teaser nach einer langen Verfolgungsjagd in die Tiefe und erleidet eine ernsthafte Verletzung, die der Bösewicht ausnutzt; M wird mit zweifelhaften Entscheidungen konfrontiert und muss beschützt werden. Und schließlich ähnelt das Schicksal von Silva dem von Bond in der ersten Hälfte von DIE ANOTHER DAY.

Man muss allerdings sagen, dass die entsprechenden Elemente in SKYFALL größtenteils stimmiger wirken als in den entsprechenden Brosnan-Bonds. Das zeigt sich etwa im direkten Vergleich mit DIE ANOTHER DAY, der ebenfalls ein Jubiläumsbond war, das Überleben Bonds als Charakter und Franchise thematisierte und zahlreiche Selbstzitate bot. Die Hommagen in SKYFALL wirken dezenter und dramaturgisch besser eingebunden, etwa das Zitat von Scaramangas Spiegelkabinett in der Titelsequenz (die gleichzeitig an "Die Lady aus Shanghai" erinnert, wie HMSS feststellte).

Die Brosnanbonds griffen oft auch aktuelle politische Entwicklungen auf, blieben dabei aber zu oberflächlich. In der Realität kämpfte der MI6 beispielsweise bereits seit Flemings Zeiten mit diversen Peinlichkeiten, die ihm das grundlegende Misstrauen der US-Geheimdienste einbrachten - Philby, Blake, Profumo, etc. - was in DIE ANOTHER DAY spielerisch durch einen machohaften NSA-Chef aufgegriffen wird, der jedoch ansonsten dramaturgisch funktionslos blieb. In SKYFALL - und auch zuvor in dem viel kritisierten QUANTUM OF SOLACE - wird dieses Potential wesentlich konsequenter genutzt.

Ähnlich wie bei CASINO ROYALE macht die Schlusszene von SKYFALL Lust auf mehr. (Auch wenn sie nicht deren Impact erreicht) Nun sollte die Genese des Heros endlich abgeschlossen sein - er hat die Fähigkeiten, die Motivation, den neuen Feind (Quantum) und die alten Verbündeten. Selbst die Kriegsschiffgemälde, die im Büro des alten M zur Dekoration hingen, sind nun mit Bedeutung aufgeladen. Mehr als vorher stellt sich die Frage, was man jetzt mit dem liebevoll aufgebauten Instrumentarium anstellt.

Samstag, 10. November 2012

Bondplakate und Fotografien aus 50 Jahren

Foto: dpa
Kunstvoll gestaltete Plakate haben vom ersten Bondfilm DR. NO an entscheidend zum glamourösen und ikonischen Erscheinungsbild der Franchise beigetragen. Vom genialen Design des 007-Logos angefangen über berühmte Motive wie Bond zwischen den sexy Beinen von Model Joyce Bartle für FOR YOUR EYES ONLY bis hin zu den jüngsten Motiven für die Craig-Filme.

Ab heute ist im Museum Folkwang in Essen die Ausstellung Bond, James Bond... Filmplakate und Fotografien aus fünfzig Jahren zu sehen, die sich diesem faszinierendem Thema widmet. Die Exponate stammen aus den Sammlungen von Thomas Nixdorf und Robert Ganz. Zu sehen ist sie bis zum 13. Januar 2013.

Freitag, 9. November 2012

Berlin Escape

Die Schauplätze der Kurzgeschichte "The Living Daylights" in Berlin


In den Abendstunden des 9. November 1989 wurden die Grenzübergänge in Berlin geöffnet, und die Mauer fiel praktisch über Nacht. Obwohl die Berliner Mauer das Symbol für den Kalten Krieg schlechthin war, spielte sie als Bondschauplatz nur eine Nebenrolle. Im Film war sie erst 1983 kurz in OCTOPUSSY zu sehen (siehe hier). Auch den literarischen Ur-Bond verschlug es nur in einer Kurzgeschichte hierher, nachdem für Ian Flemings James Bond die unsichtbare Front des Kalten Krieges hauptsächlich entlang exotischer Gefilde wie Jamaika, Istanbul oder Japan verlief.

In der Kurzgeschichte „The Living Daylights“ (deutsch: „Duell mit doppeltem Einsatz“), die unter dem Titel „Berlin Escape“ 1962 in The Sunday Times veröffentlicht wurde, wird 007 mit einem klaren Tötungsauftrag in die geteilte Stadt geschickt. Ein Agent mit der Nummer 272 will mit geheimen Unterlagen ("atomic and rockets") aus der sowjetischen Besatzungszone in den Westen überlaufen. Der KGB hat jedoch Wind davon bekommen, wo und wann die Flucht ungefähr stattfinden soll, und entsendet einen Scharfschützen mit dem Auftrag, 272 beim Grenzübergang zu erschießen. Bond soll nun wiederum den Scharfschützen eliminieren, bevor der 272 erwischt. Während der nächtlichen Observationen verguckt sich Bond in eine blonde Cellistin, die sich schließlich jedoch als Scharfschützin, und damit als Bonds potentielles Opfer entpuppt.

Die Kurzgeschichte verrät mehr über James Bonds Charakter als so mancher Roman. Sie spielt im Oktober 1959, nach den Ereignissen des Romans "Thunderball" ("Aktion Feuerball"), wo Bond nach seinen Eskapaden in Bars und Casinos in eine Gesundheistsklinik geschickt wird und zum ersten Mal seinen neuen Feind SPECTRE trifft. Bond ist hier Ende Dreißig und äußert eine gewisse Berufsmüdigkeit. Zumindest nennt er es Glück, sollte ihm seine Doppelnull-Lizenz entzogen werden.

Zum anderen kommt hier Bonds „fatale Schwäche“ sehr gut zum Ausdruck, auf die man später in den Filmen oft zurückkam. THE WORLD IS NOTENOUGH (Die Welt ist nicht genug, 1999) hat beispielsweise einen ähnlichen Ansatz: Eine Frau, für die Bond etwas empfindet, gerät ins Visier seiner Lizenz zum Töten. Leider wird der Film THE LIVING DAYLIGHTS von 1987 der Femme Fatale aus der Kurzgeschichte nur ansatzweise gerecht, denn hier entpuppt sich die vermeintliche Auftragsmörderin sehr schnell als naiv und ungefährlich.

Photography by Eric Auerbach
Für die Figur der anmutigen, goldhaarigen Cellistin, die in der Geschichte nur „Trigger“ genannt wird, ließ sich Fleming übrigens von seiner jüngeren Halbschwester Amaryllis Fleming inspirieren, einer berühmten Cellistin, und verewigte sie im Text auch als „that girl Amaryllis somebody“.

Der Schauplatz der Geschichte heute
Schauplatz der Geschichte ist ein Mietshaus an der Ecke Kochstraße / Wilhelmstraße, das einsam in der zerbombten Grenzlandschaft steht. Ihm gegenüber im sowjetischen Sektor befindet sich das Haus der Ministerien, von dem aus „Trigger“ operiert. Nur eine Straßenecke weiter ist der offizielle Grenzübergang, der später als „Checkpoint Charly“ berühmt-berüchtigt werden sollte, und an dem sich am 27. Oktober 1961 amerikanische und russische Panzer gegenüberstanden. Interessanterweise war der Auslöser für die Berlin-Krise die Kontrolle eines US-Diplomaten, der in Ost-Berlin die Oper besuchen wollte. Die direkte Inspiration für "The Living Daylights" lieferte jedoch höchstwahrscheinlich die Flucht des Offiziers Patrick Reid aus einem Gefangenenlager im Schloß Colditz in Sachsen. Die Flüchtenden mussten zwei Wachtposten passieren, und ein Orchester sollte ihre Geräusche übertönen. Mit dem Dirigenten des Orchesters, Douglas Bader, spielte Fleming später Golf.

Molle mit Korn statt Wodka Martini

Um in Berlin die Zeit bis zum nächtlichen Einsatz totzuschlagen, fährt Bond zum Kurfürstendamm und trinkt dort einen doppelten Espresso im Café Marquardt. Das Café gehört zum Hotel Kempinsky, in dem Fleming während seiner Thrilling-Cities-Tour nächtigte, und heißt heute Reinhard's.

Doppelter Espresso im Café Marquardt, heute Reinhard's
Von Berlin selbst hatte Fleming übrigens keine besonders hohe Meinung. Wie er in "Thrilling Cities" schreibt, verband er vor allem die "düsteren Haupstadt" und das Ruhrgebiet mit den negativen Seiten Deutschlands und den beiden Kriegen, in denen sein Vater und sein jüngerer Bruder starben. Auch auf Bond wirkt Berlin dementsprechend düster und ungemütlich.

Auf dem Ku'damm überlegt Bond, entweder ein Freudenhaus in der Clausewitzstraße (quasi direkt um die Ecke) zu besuchen oder durch den Grunewald zu spazieren. Die Moral siegt, und Bond genehmigt sich eine Portion Matjeshering und Molle mit Korn.

Interessanterweise war Bond in OCTOPUSSY an sehr ähnlichen Schauplätzen. Er fährt den Kurfürstendamm entlang und passiert den Checkpoint Charlie. Später wurde auch an der Autobahnabfahrt Hüttenweg in der Nähe des Wannsees gedreht.





Cellospiel hinter dem Eisernen Vorhang
Eckhaus Kochstraße/Wilhelmstraße durch eine Lücke in der Mauer

Das Eckhaus Kochstraße/Wilhelmstraße wich in den 1980er Jahren einem Gebäudekomplex des italienischen Architekten Aldo Rossi. Das Niemandsland an der Mauer auf der Westseite diente jahrelang als sogenanntes Autodrom, man durfte hier ohne Führerschein fahren. Heute befndet sich dort ein kleiner Park, in dem überwuchert immer noch die Überreste des Gestapo-Hauptquartiers schlummern, sowie eine Anlage der "Topographie des Terrors" mit einem Überrest der Original-Mauer und Schautafeln zur deutschen Geschichte. 


Am Ende kommen Touristen:
ehemaliges "Haus der Ministerien"
mit Mauer und Topographie des Terrors
Das "Haus der Ministerien", das sich auf der Ostseite gegenüber befindet, und von dem aus "Trigger" operiert, existiert dagegen heute noch. Ursprünglich Ende der 1930er Jahre als Reichsluftfahrtministerium erbaut, überstand es ironischerweise die Bombardierung Berlins. Zu DDR-Zeiten wurde es in Haus der Ministerien umbenannt und diente bis zum Bau des Palastes der Republik als Regierungssitz. Hier äußerte Ulbricht eine der berühmtesten Lügen der Geschichte, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen.

Das Gebäude in "Operation Walküre"
Quelle: berlin.de
Nach der Wende wurde das monumentale Gebäude in Detlev-Rohwedder-Haus benannt, und dient heute als Sitz des Bundesfinanzministeriums. Interessanterweise besitzt der Gebäudekomplex tatsächlich einen Konzertsaal, insofern ist die Kurzgeschichte durchaus realistisch. Wäre in Berlin nicht bereits für OCTOPUSSY gedreht worden, hätte man THE LIVING DAYLIGHTS also an den Originalschauplätzen der Kurzgeschichte drehen können. Aber nur theoretisch, denn 1987 war eine Flucht an dieser Stelle ungleich schwieriger. Trotzdem kam das Gebäude noch zu Kino-Ehren: Für die Filme "Mein Führer" und „Operation Walküre“ mit Tom Cruise wurde es 2006 und 2007 noch einmal in das Reichsluftfahrtministerium zurückverwandelt. 

Links im Bild: Beleuchtete Fenster im heutigen Finanzministerium. Eines davon nahm Bond ins Visier und erschreckte "Trigger" zu Tode ("scared the living daylights out of her").

Sonntag, 4. November 2012

Übermenschen wie du und ich

Heute vor dreißig Jahren kam ein Film in die deutschen Kinos, der als der Goldfinger der Star-Trek-Filme bezeichnet werden kann: "Star Trek: Der Zorn des Khan". Nachdem die erste Kinomission von Kirk, Spock und Co. eher verhaltene Kritiken erntete, gilt der Nachfolger bis heute als unerreichter Klassiker.* Der von Ricardo Montalban verkörperte Bösewicht Khan Noonien Singh ist einer der besten im gesamten Science-Fiction-Genre. Dabei hatte Montalban, der während der Dreharbeiten noch an der Serie "Fantasy Island" arbeitete - zusammen mit Hervé Villechaize (Nick-Nack in THE MAN WITH THE GOLDEN GUN), zuvor Zweifel, die Rolle noch einmal zu übernehmen.



Khan kam bereits in der originalen Fernsehserie vor, in der Folge "Der schlafende Tiger" ("Space Seed", 1966). Er ist das Produkt einer genetischen Manipulation an menschlichen Embryonen Ende des 20. Jahrhunderts. In Nietzsches Sinne sollten diese "Übermenschen" oder Augments zum Wohle der Menschheit die Macht übernehmen. Allerdings führte das 1992 zu den sogenannten Eugenischen Kriegen, in deren Verlauf ganze Völker ausgelöscht wurden und Khan und seine Nachfolger (im Film übrigens von Chippendale-Tänzern dargestellt) in den Weltraum entkamen. Zum Glück verliefen die Neunziger Jahre letztendlich etwas weniger aufregend...

Interessanterweise kreierte man für A VIEW TO A KILL ("Im Angesicht des Todes") drei Jahre später einen Antagonisten mit sehr ähnlichem Hintergrund. Auch Max Zorin - dargestellt von Oscargewinner Christopher Walken - ist das Ergebnis eines Experimenten an Embryonen, aus denen Supermenschen hervorgehen sollten. Dieses Experimente wurden während des 2. Weltkriegs von Dr. Hans Glaub (später Carl Mortner, dargestellt von Willoughby Gray) geleitet, der schwangeren Frauen Steroide injizierte.

Ähnlich wie Khan ist auch Zorin überdurchschnittlich stark und intelligent und hat ebenso größenwahnsinnige wie skrupellose Machtgelüste. Mit Hilfe eines doppelten Erdbebens will er das gesamte Silicon Valley fluten, um sich dadurch das Mikrochip-Monopol zu sichern (Ein Plan, der wiederum an den ersten Superman-Film erinnert, wo ebenfalls ein künstliches Erdbeben in der St-Andreas-Spalte verursacht werden soll). Ursprünglich war Zorins Plan auch sehr spacig: In einem frühen Drehbuch-Entwurf sollte er die Bahn des Halleyschen Kometen zu verändern versuchen. Dieser kam 1986 tatsächlich der Erde wieder nahe, und wurde von mehreren Sonden angeflogen und untersucht. Die Idee wurde jedoch schnell wieder verworfen, vielleicht weil ein Einschlag nicht nur Silicon Valley vernichten würde, oder weil es noch mehr an Star Trek erinnerte. Aber immerhin könnte man die Idee bei der nächsten Annäherung 2062 wieder verwerten - zum 100. Jubiläum mit dem ultimativen Skyfall...

* Mein persönlicher Lieblingsfilm der Franchise ist zwar "Star Trek: Der Film", aber ich liebe "Zorn..." trotzdem sehr, vor allem Spocks Sterbeszene ist grandios - "Seien Sie nicht traurig, seien Sie logisch!" ... Mit seinen Themen Alter, Tod und Wiedergeburt könnte man den Film auch den Skyfall der Kinofilme nennen...