Sonntag, 31. März 2013

Kinofilm mit Q?

Über google bin ich auf eine interessante Meldung gestoßen: MGM launches James Bond spin-off. Der Artikel liest sich äußerst interessant und dreht sich um einen geplanten MGM-Film, ähnlich dem nach DIE ANOTHER DAY geplanten und wieder aufgegeben Jinx-Film. Die Filme sollen sich um die Erlebnisse des originalen Q während des 2. Weltkriegs sowie in den 1950er Jahren drehen.


Ich habe den im Artikel angegeben Drehbuchautoren Christopher Dagger über facebook kontaktiert, und er hat die Angaben mehr oder weniger bestätigt. Einige Details der Handlung werden auf der oben genannten Seite beschrieben. Demnach soll der Q-Spin-off drei Filme umfassen und einige Bondgegner und Verbündete als jüngere Version zeigen, darunter Kronsteen, Rosa Klebb sowie Miles Messservy, der später M wird und hier noch Captain ist. Der erste Film - WIZARD OF ICE - ist in den 1930er Jahren angesiedelt und dreht sich um eine angebliche deutsche Superwaffe. Der britische Secret Service wird von einem unbekannten Whistle-Blower namens TARTAR davon informiert. Bondfans werden bei dem Begriff wohl gleich Ernst Stavro Blofeld denken. Im Roman Thunderball wird dieser Name als Blofelds erstes Nachrichtennetz genannt, vor seiner späteren Schöpfung SPECTRE. Entwickelt wird die Waffe vom Nazi-Biologen Dr. Hans Glaub. Auch dieser Name dürfte Fans ein Begriff sein. Glaub ist der eigentliche Name von Carl Mortner im Film A VIEW TO A KILL, dargestellt von Willoughby Gray. Und auch weitere Schurken tauchen auf: Schachgenie Tuv Kronsteen aus FROM RUSSIA WITH LOVE, Irma Bunt aus ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE, und schließlich auch Dr. Julius No, der als junger Nuklearphysiker dem Westen seine Dienste anbietet, dann jedoch gegen eine Agentin ausgetauscht wird und später auf Rache sinnt.

Die Dreharbeiten sollen noch in diesem Jahr starten, und der Film im September 2014 ins Kino kommen, zum 100. Geburtstag von Original-Q Desmond Llewellyn. Eine Facebook-Seite zum Film existiert ebenfalls bereits. Für die Titelrolle des jüngeren Major Boothroyd ist offenbar Robert Sean Leonard (DEAD POETS SOCIETY) vorgesehen. Der Brite Joseph Mawle verkörpert den als "Wizard of Ice" bekannten jungen Kronsteen, gegen den Boothroyd in einem Schachduell antreten muss.

Montag, 25. März 2013

Leben und sterben lassen

Die neu übersetzten Fleming-Romane aus dem Cross-Cult-Verlag sind vergleichbar mit Blurays oder Directors-Cut-Versionen der Filme. Man kennt die Geschichten im Prinzip, entdeckt aber plötzlich neue Details und Nuancen, oder auch ganze Sequenzen, die sie in einem anderen Licht erscheinen lassen. Bei Leben und sterben lassen tritt dieser Effekt besonders hervor, da sowohl im Umfang als auch bei einzelnen Beschreibungen vieles bei den entsprechenden Ausgaben des Scherz-Verlags gekürzt wurde.



Leben und sterben lassen ist der zweite Bondroman von Ian Fleming. Eine direkte Fortsetzung vom Debüt Casino Royale, wie der Film QUANTUM OF SOLACE, ist er trotzdem nicht. Das ist in der Romanwelt so auch in Ordnung. In der 2006er Verfilmung von Casino Royale ist die Organisation hinter der Erpressung von Vesper noch völlig namen- und gesichtslos. Im Buch ist es dagegen SMERSH, eine Unterorganisation des sowjetischen KGB, die es so tatsächlich gegeben hat. (Eine Kurzwort für "Smiert Schpionam" - Tod den Spionen) Dazu musste man 1954 nicht mehr viel erklären - es war einfach klar, dass Bond danach einfach seinem Agentenjob innerhalb der Fronten des Kalten Krieges nachgehen würde. Ein Jagen der direkten Hintermänner war - wenn überhaupt - eh nur in diesem Rahmen möglich.

Vertreten ist SMERSH hier durch den Gangster Mr Big, den der MI6 in Verdacht hat, die sowjetische Spionage in den USA mit Hilfe eines Goldschatzes zu finanzieren. Dieser stammt aus den Beutezeugen des walisischen Piraten Henry 'Bloody' Morgan im 17. Jahrhundert. Da Mr Big von Harlem aus operiert, reist James Bond nach New York und nimmt zusammen mit seinem Freund und CIA-Kollegen Felix Leiter Tuchfühlung mit dem schwarzen Unterweltboss auf. Mr Big benutzt den Voodoo-Glauben der schwarzen Bevölkerung, um ein amerikaweites Spionage- und Schmuggelnetzwerk zu betreiben. Zusammen mit Mr Bigs Freundin Solitaire fährt Bond nach Florida, wo der Gangster The Robber einen als Tiergeschäft getarnten Umschlagplatz für den Schmuggel betreibt. Nachdem Solitaire wieder entführt und Leiter schwer verletzt wurde, fliegt Bond allein nach Jamaika und taucht zu einer Insel, die Morgan als Schatzversteck diente. Dort kommt es zum finalen Showdown zwischen Bond und Mr Big.

Wie bei Casino Royale benutzt Fleming hier einen Midpoint-Shift, einen großen Wendepunkt in der Mitte der Geschichte, der die Tonalität grundlegend ändert. In Casino war es der Sieg im Kartenduell gegen Le Chiffre, nach dem sich der Spielerthriller in eine Liebegeschichte verwandelt. In Leben und sterben lassen ist es dagegen ein Tiefpunkt, die Verstümmelung von Bonds Verbündeten Felix Leiter, der die lockere Buddie-Atmosphäre der ersten Hälfte abrupt beendet. Die Geschichte bewegt sich dabei von der quirligen und hochmodernen Atmosphäre der City that never sleeps über das beschauliche Saint Petersburg und Jamaika bis zum Versteck des Bloody Morgan quasi vom Modernen zum Archaischen. Von der in die Höhe ragenden Hauptstadt der Welt zu einer vergessenen Höhle aus dem 17. Jahrhundert - Ein größerer und interessanterer Kontrast ist schwer vorstellbar.

Dabei beraubt Fleming Bond schrittweise aller Verbündeter, bis er schließlich völlig auf sich allein gestellt durch den nächtlichen Ozean tauchen muss, den Fleming in Anlehnung an den berühmten Psalm 23 zum Tal der Todesschatten stilisiert. Natürlich inklusive der unheimlichen Begegnung mit dem Tier, das ihn besonders faszinierte und dem er eine eigene Kurzgeschichte widmete, dem Oktopus. Fleming verarbeitete dabei seine eigenen Taucherfahrungen mit dem berühmten Tiefseeforscher Jaques Costeau, den er im Roman auch namentlich erwähnt.

Überhaupt bewegt sich Fleming in vertrautem Terrain. New York besuchte er mehrmals. Zuerst im 2. Weltkrieg, danach als Journalist. Er begleitete Detectives bei ihrer Tour durch Harlems Nachtclubs und wurde durch einen lokalen Drogenhändler zu der Figur des Mr Big inspiriert. Die Zugreise von New York nach Florida unternahm Fleming mit dem Silver Meteor, der im Buch Silver Phantom heißt. Und Mr Bigs Insel lag quasi um die Ecke von seinem Haus Goldeneye auf Jamaika. Die fiktive Isle of Surprise ist dem realen Carabita Island vor Port Maria nachempfunden. (Obwohl Fleming bei Markennamen bewusst auf variierende Phantasienamen verzichtete, hatte er offenbar kein Problem mit fiktiven geographischen Entsprechungen.)

Man könnte Fleming vorwerfen, dass er Bonds Agententätigkeit zwar ständig erwähnt und betont, aber nie wirklich zum Kern des realen Spionagegeschäfts vordringt, im Gegensatz zu Kollegen wie John Le Carré beispielsweise. Andererseits macht es gerade einen besonderen Reiz aus, wie die Bücher durch abenteuerliche Plot-Konstruktionen den Agententhriller mit eigentlich völlig abwegigen, exotischen Dingen verbinden. Bond als Agenten der britischen Krone auf einen US-amerikanischen Gangsterboss anzusetzen war an sich schon gewagt, aber Fleming setzt mal eben noch einen drauf, indem er auch noch einen Piratenschatz oder übernatürliche Elemente wie Hellseherei ins Spiel bringt.

Gerade damit hat Fleming aber auch den bis dato schnöden Agententhriller um eine bis heute ungemein erfolgreiche Farbenpracht erweitert. Bond ist nicht der Spion, der aus der Kälte kommt, sondern der in die Wärme geht. Statt muffigen Ostblockhotels und Brücken im Berliner Nebel gibt es Nobel-Casinos und Palmenstrände, statt Taxis edle Sportwagen und Oldtimer. Fleming hat damit bestimmte Genre-Konventionen auf kreative Weise ins Gegenteil verkehrt, ähnlich wie Alfred Hitchcock mit der berühmten Szene in NORTH BY NORTHWEST, in der Cary Grant nicht bei Nacht in einer engen Gasse angegriffen wird, sondern am hellichten Tag auf freiem Feld.

Dabei ist Bond als Charakter im Gegensatz zu vielen der späteren Filme erstaunlich menschlich, was sich - ebenfalls im Gegensatz zu den Filmen - eher in Details zeigt. Er hat beispielsweise Albträume vor seiner finalen Mission, mulmige Gefühle im Flugzeug oder ertappt sich dabei, in New York auf der falschen Straßenseite zu fahren. Er ist zudem ein Tierfreund und nimmt es dem Robber übel, einfach einen Vogel abzuschießen. Und auch das Schicksal seines Partners Felix zehrt an ihm. (In den Filmen wird diese menschliche Seite meist ins entgegengesetzte Klischee überstrapaziert, wenn man sich entschließt, sie aufzugreifen. Bond ist dann entweder der flammende Rächer oder der bärtige Alkoholiker. Die Darstellung von Bonds melancholischer Seite beschränkt sich darauf, betrunken an der Bar zu sitzen.)

Obwohl die Vesper-Affäre in Leben und sterben lassen beispielsweise nicht mehr direkt erwähnt wird, merkt man trotzdem an vielen Stellen im Buch deutlich Bonds Hass auf das sowjetische Terrororgan SMERSH. Eine davon ist der Dialog, der den Buchtitel erklärt:

"Und treten Sie bloß keinen Ärger los. Dieser Fall ist noch nicht so weit. Und bis er ist, verfahren wir mit Mr Big nach dem Motto 'leben und leben lassen'."

Bond warf Captain Dexter einen spöttischen Blick zu.

"In meinem Job", sagte er, "habe ich ein anderes Motto, wenn ich es mit einem Mann dieser Art zu tun bekomme. Es lautet 'leben und sterben lassen'."

Leider hat man diesen Dialog nicht in die entsprechende Verfilmung übernommen. Wie perfekt hätte er theoretisch auch in LICENCE TO KILL oder QUANTUM OF SOLACE gepasst, in denen die CIA ebenfalls die entsprechenden Gangster mit Samthandschuhen anfasst... Ebenso verschenkt hat man den bürgerlichen Namen von Mr Big - Buonaparte Ignace Gallia - eine von Flemings schönsten Namensschöpfungen.

Interessant an den Bondromanen Ian Flemings ist auf jeden Fall der Einblick in die westliche Welt der 1950er und 60er Jahre. Und das ist nicht nur die "gute alte Zeit", in der Männer Hüte und Frauen schicke Hochsteckfrisuren trugen. Diese Epoche hatte auch ihre Schattenseiten, die sich in den Bondbüchern beabsichtigt, oft aber auch unbeabsichtigt zeigen. Mr Big benutzt beispielsweise für sein Spionagenetz gewerkschaftlich organisierte Berufsgruppen wie Schlafwagenschaffner - ein Szenario, das sicher zu einem guten Teil auf den anti-kommunistischen Verschwörungsängsten der McCarthy-Ära beruhte.

Auch die Beschreibungen der schwarzen Bevölkerung sind aus heutiger Sicht oft befremdlich, mit Worten wie Neger oder sogar Niggerhimmel als Kapitelüberschrift. Als Wiedergabe von Bonds Gedanken ist auch mal von schwarzen Affen die Rede, oder an anderer Stelle von schwarzen Zuschauern, die wie Oliven in einem Glas nebeneinandersitzen. Man muss dazu allerdings sagen, dass Fleming hier oft den damaligen Zeitgeist wiedergab, und dieser Zeitgeist wurde - ähnlich wie heute - zu einem großen Teil von der Wissenschaft beeinflusst. Biologen wie Ernst Haeckel entschuldigt man aus heutiger Sicht allerdings seltsamerweise wesentlich bereitwilliger als Autoren wie Fleming.

Zudem ist es für Fleming selbstverständlich, dass Schwarze auf allen menschlichen Gebieten Genies hervorbringen. Mr Big ist so ein Genie, nur eins des Bösen. Der erste überlebensgroße und schillernde Bondbösewicht ist somit ein Schwarzer (Le Chiffre ist nicht unbedingt klassisch "larger than life", eher ein bösartiger Bordellbesitzer). Ein Rassist hätte Mr Big wohl entweder wesentlich weniger intelligent und kultiviert entworfen, oder gleich einen weißen Gangster über die abergläubige schwarze Bevölkerung herrschen lassen.

Aber wie man den Einblick auch wertet, den die Romane in die (Gedanken-)Welt der entsprechenden Zeitperiode bieten, ich finde es sehr gut, dass mit den Neu-Übersetzungenaus des Cross-Cult-Verlags dieser Einblick uneingeschränkt und unverfälscht ist. In Zeiten, in denen Bücher zensiert und umgeschrieben werden, ist das leider nicht selbstverständlich.


James Bond 2:


Leben und sterben lassen
von Ian Fleming

TB, sw, 352 Seiten, Preis: 12,80 €

ISBN 978-3-86425-072-9

Empire Awards, Sexismus und Todesfälle

Gute und schlechte Nachrichten aus der Bondwelt: Bei den diesjährigen Empire Awards gewann SKYFALL insgesamt drei Preise: Best Director (Sam Mendes), Best Film sowie den Empire Inspiration Award für Sam Mendes. Der britische Regisseur nutzte seine Dankesrede, um Regisseure zu nennen, die für ihn eine Inspiration waren, darunter Paul Thomas Anderson, Martin Scorsese, Ingmar Bergman oder François Truffaut.



Dame Helen Mirren, die als Empire Legend ausgezeichnet wurde, beklagte in ihrer Rede wiederum, dass unter den von Mendes genannten Regisseuren keine Frau war: “I just hope, I pray, I know, that in five or ten years’ time, when the next Sam gets up and makes his or hopefully her speech, there will be two or three or four women's names there.” (siehe telegraph.co.uk)


Die schlechten Neuigkeiten betreffen zwei Bondveteranen, die hinter der Kamera an der Reihe mitwirkten und letzte Woche verstarben: Der amerikanische Künstler Mitchell Hooks schuf die UK- und US-Plakate für DR. NO.



Der weltbekannte Trompeter Derek Watkins wirkte über 50 Jahre hinweg an den Musiken von allen Bondfilmen mit, von DR. NO bis SKYFALL!

(siehe auch hier und hier)

Samstag, 16. März 2013

Böse Wichte

Beim schreiben von Blogbeiträgen fällt mir oft auf, dass ich für die Bösen nach passenden Begriffen suche. Bösewicht klingt durch das Wort Wicht schon etwas verniedlichend, oder zumindest verkleinernd. Überhaupt 'Böse'... Assoziert man wohl eher mit unartigen Kindern. Es klingt zumindest nicht so schön evil wie 'Evil'. Die Synonyme sind allesamt nicht viel besser: Gauner, Halunke, Schuft, Schurke, Strolch, Übeltäter. Am ehesten käme vielleicht noch Schurke in Frage, wobei das auch eher alte Mantel-und-Degen-Filme in Erinnerung ruft. "Nimm das, Schurke!" Am passendsten finde ich noch Gegner oder Gegenspieler. Allerdings auch eine Spur zu harmlos. Ersteres könnte auch eine Fußballmannschaft sein, letzteres enthält das Wort spielen, was die Beschäftigungen von Blofeld und Co. auch nicht unbedingt trifft. Feind ist eine Spur zu persönlich, Verbrecher zu allgemein und wertend, Antagonist etwas zu fachlich, außerdem altgriechisch. Ist es Zufall, dass es im Deutschen fast nur verniedlichende Begriffe für schlechte Menschen gibt?


Im Englischen ist die Sache wesentlich einfacher. Das bereits erwähnte evil klingt nicht verniedlichend, wenn man nicht gerade an Austin Powers denkt. Und dann gibt es auch noch so schön schlichte Wörter wie bad guy, enemy, arch-enemy, foe oder sogar nemesis. Oder das einfache villain, bei dem jeder weiß, was gemeint ist, ohne die unterbewußte Assoziation von Wichtelmännern oder trotzigen oder spielenden Kindern hervorzurufen. Letzteres leitet sich interessanterweise vom spätlateinischen villanus her, was von Villa = Landhaus kommt und einen Leibeigenen oder Knecht bezeichnet, oder einen allgemein in wirtschaftlicher oder allgemeiner Unfreiheit lebenden Menschen. Das Böse als Unfreiheit... das ist aus philosophischer Sicht durchaus interessant. Zumal zu den beliebtesten Villains der Filmgeschichte vor allem diejenigen gehören, die es schafften, ihre Gegner in ihrer moralischen Gebundenheit als unfrei darzustellen, wie Hannibal Lecter oder der Joker in THE DARK KNIGHT.

Montag, 11. März 2013

Bondfilme als 'Kino der Attraktionen'

Der Filmwissenschaftler Tom Gunning veröffentlichte 1986 ein berühmt gewordenes Essay, The Cinema of Attractions. Early Films, Its Spectator and the Avant-Garde, in dem er sich mit dem frühen Kino bis ca. 1907 beschäftigte. Bis dahin betrachtete man die ersten Filme unter dem Aspekt des späteren narrativen Kinos (lateinisch von narrare - erzählen) eher als primitive Vorform. Gunning stellt dem gegenüber das Konzept eines Kinos der Attraktion, das auf eigenständige Weise funktionierte.



Das Visuelle, das Zeigen an sich, war wichtiger als das Erzählen. Die gezeigten Spektakel sprachen den Zuschauer direkt an, zogen ihn im buchstäblichen Sinn von Attraktion an. Zauberkünstler verbeugten sich beispielsweise vor dem Publikum, Frauen zwinkerten von der Leinwand direkt dem Zuschauer zu. Auch das Vorführen an sich, die musikalische Untermalung und Effekte wie Nahaufnahme oder Zeitlupe wurden als Sensation wahrgenommen. In den meisten der frühen Filme gab es überhaupt keine Handlung. Als die Filme ab 1907 länger wurden und die Filmtechnik zum Alltag, setzte sich zunehmend eine im Vordergrund stehende Erzählung in einer fiktiven künstlichen Welt durch, wobei man sich am Theater orientierte. Die Kamera an sich wurde praktisch unsichtbar, der direkte Blick in die Kamera tabu.

Gunnings 'Kino der Attraktionen' wurde seit der Veröffentlichung zum Schlagwort und immer wieder auch auf das neuzeitliche Blockbusterkino1 angewandt, in dem sinnliche Attraktionen ebenfalls zum Teil stark der Handlung untergeordnet sind - oder durch neue Entwicklungen die Filmtechnik wieder in den Vordergrund rückte und zur Attraktion wurde - wie CGI, Bullet-Time-Effekte in THE MATRIX oder REALD (siehe dazu The Cinema of Attractions Reloaded)2

Laut einem populären Mythos, den Filmwissenschaftler allerdings anzweifeln, sollen die Zuschauer bei der Vorführung eines Films der Brüder Lumière 1895, der die Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof zeigt, von ihren Stühlen aufgesprungen sein, und das, obwohl der Zug gar nicht direkt auf die Kamera zu fährt. Aber auch wenn die Zuschauer sitzen blieben, dürfte der Film großen Eindruck gemacht haben. Als 1977 George Lucas' STAR WARS EPISODE IV - A NEW HOPE in die Kinos kam, löste die erste Einstellung, die einfach nur das Vorüberfliegen einiger Raumschiffe, darunter ein riesiger imperialer Sternzerstörer, zeigt, ebenfalls einen enormen Eindruck aus. Dean Devlin, Mitautor von STARGATE und INDEPENDENCE DAY sagte beispielsweise dazu: „Als es dann vorübergeflogen war, flippte das Publikum aus. Ich flippte aus. Und ich wusste, was ich für den Rest meines Lebens tun wollte.“ Eine einzige Einstellung eines sich bewegenden Transportmittels als Attraktion für sich, noch fast ohne Handlung - das ist durchaus vergleichbar.

Ankunft eines Zuges und eines Sternzerstörers

Obwohl man also über Attraktionen genauso Emotionen erzeugen kann wie über die Narration, haben moderne Entsprechungen eines 'Kinos der Attraktionen' meist einem negativen Beigeschmack. Das narrative Kino gilt heute als Ideal, und filmische Attraktionen wie Actionszenen oder Spezialeffekte müssen möglichst logisch und flüssig in die Handlung eingefügt und durch sie legitimiert werden. Es herrscht im Prinzip das Diktat des Drehbuches, oder wie Billy Wilder es ausdrückte: "Für einen guten Film braucht man dreierlei: ein gutes Buch, ein gutes Buch und ein gutes Buch."

Dabei wird oft vergessen, dass der Film nicht wie andere Medien wie Malerei oder Theater direkt aus dem menschlichen Bedürfnis nach Ausdruck und Kommunikation entstand, sondern als reine Jahrmarktattraktion begann. Film ist gezwungenermaßen immer mindestens ebensoviel Kommerz und Technik wie Kunst. Und ich glaube, dass der Erfolg der Bondfilme auch zu einem nicht geringen Teil darauf beruht, dieses ursprüngliche Element der vordergründigen Attraktion nicht zu verleugnen, sondern bewusst zu nutzen. Das beste Beispiel dafür sind Filme wie YOU ONLY LIVE TWICE, DIAMONDS ARE FOREVER oder MOONRAKER , die für ihre oft dünnen und unplausiblen Handlungen gerügt werden. Aber auch in ernsthafteren Beiträgen des Franchise überwiegt das visuelle Spektakel. Es gibt beispielsweise rein erzählerisch und logisch absolut keinen Grund dafür, dass die sowjetische Chemiewaffenfabrik in GOLDENEYE mit den Versorgungsräumlichkeiten einer Talsperre verbunden ist. Es soll allein einen spektakulären Stunt ermöglichen.

Bondfilme sind praktisch der Beweis, dass man für einen guten Film eben nicht auschließlich ein gutes Buch, sprich eine gute Handlung braucht. Viele der Vortitelsequenzen haben beispielsweise gar nichts oder nur sehr wenig mit der eigentlichen Filmhandlung zu tun. Es sind kurze Teaser, die - wie die Filme des frühen Kinos - dem Publikum durch Spektakel visuelles Vergnügen bereiten sollen. Der berühmte Fallschirmsprung am Anfang von THE SPY WHO LOVED ME löste beispielsweise ähnlich wie die Star-Wars-Eröffnungsszene spontane Begeisterung und Beifall aus.

Interessant ist auch die Vorgehensweise bei den Bondfilmen, bei denen Sir Ken Adam für das Produktionsdesign verantwortlich war. Nachdem sich bei DR. NO gezeigt hatte, dass Adams Entwürfe eine für sich stehende Attraktion darstellen, wurden die Handlungen zunehmend um seine Kulissen herum gestrickt, was im Buch Macht(t)räume. Der Production Designer Ken Adam und die James-Bond-Filme beschrieben wird (siehe auch die Rezension des Buches hier). Es existierten nur sogenannte Planning Scripts. Adam sagt dazu: "Ohne die strenge Disziplin, einem Drehbuch zuarbeiten zu müssen, konnte ich zu träumen beginnen. Und irgendwer würde schon etwas schreiben, was zu diesem Traum passt." (Seite 25, ebenda)

Alexander Smoltczyk nennt die Leistung Adams sogar "die Emanzipation des Designs von der Story". Sprich die Emanzipation des Designs als Attraktion von der Narration. Ein Kino der Attraktionen, das sich der Narration nicht völlig unterwirft, kann also sogar künstlerisch befreiend wirken und Leistungen hervorbringen, die Filme, die sich allein an der narrativen Struktur eines "guten Buches" orientieren, nicht vermögen.

Interessanterweise spielen die Bondfilme sogar mit dem direkten Blick durch die unsichtbare "vierte Wand" auf das Publikum, der mit der Durchsetzung des narrativen Kinos zunehmend zum Tabu wurde, da er die Illusion einer in sich geschlossenen Filmwelt zerstört. James Chapman führte beispielsweise die berühmte Gunbarrel-Sequenz in seinem Buch Licence to Thrill: A Cultural History of the James Bond Films von 2000 auf eine berühmte Szene in Edwin Porters THE GREAT TRAIN ROBBERY aus dem Jahr 1903 zurück, in der ein von Justus Barnes verkörperter Räuber direkt auf den Zuschauer schießt. Normalerweise wird diese Szene heute am Ende des Films gezeigt, aber laut einer Information von Porter an die Filmvorführer konnte sie auch vor den Film geschnitten werden.


Der verführerische Blick oder das Zuzwinkern, das es im frühen Kino oft bei erotischen Szenen gab, findet sich in den Bondfilmen bis heute in der Titelanimation wieder. Aber auch der direkte Blick Bonds. Interessanterweise sieht auch Carole Bouquet in FOR YOUR EYES ONLY direkt auf den Zuschauer, nachdem ihre Eltern getötet wurden, weil mit dieser Einstellung ursprünglich in den Titel übergeleitet werden sollte.

Blick in die Kamera im Stummfilm und in Bondfilmen

Aber die Adressierung an den Zuschauer findet auch über den Humor im Film statt. Zum Beispiel, wenn George Lazenby in ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE "this never happened to the other fellow" in die Kamera sagt, oder Sean Connery dem Zuschauer am Ende von FROM RUSSIA WITH LOVE zuwinkt. Auch wenn Bond beim Liebesspiel mit Miss Taro in DR. NO auf die Uhr sieht, oder nach dem Tod eines Gegenspielers scheinbar zu sich selbst eine ironische Bemerkung macht, ist das eine augenzwinkernde Kommunikation mit dem Zuschauer. Diese Oneliner, die innerhalb der Filmhandlung und im Zusammenspiel mit den anderen Figuren oft albern oder deplaziert wirken, haben mit zum Erfolg des Bondcharakters beigetragen, da Bond sich quasi mit dem Zuschauer verbündet.3

Mit den Filmen von Daniel Craig als Bonddarsteller ist das Franchise nun stärker im Kino der Narration angekommen als je zuvor. Selbst die Gunbarrel-Sequenz als Relikt des Attraktionskino wurde in CASINO ROYALE in den Fluß der Erzählung eingebunden, der Zuschauer als Adressat quasi durch eine Person innerhalb der geschlossenen Filmwelt ersetzt. Das ist für ein 50jähriges Franchise eine sehr interessante und vielleicht notwendige Entwicklung. Im Zuge des Erfolgs der neuen Filme geht aber leider oft auch eine Bewertung der älteren Bondfilme unter dem strengen Blick des Narrationskinos einher, die den Wert von Filmen wie YOU ONLY LIVE TWICE, MOONRAKER und auch DIE ANOTHER DAY4 verkennt. Bondfilme leben nicht (nur) durch eine gute und spannende Geschichte, sondern vor allem durch eine visuelle Lust am Spektakel. Interessanterweise nimmt man als Kind eher den Attraktionsanteil eines Films wahr, was auch zum Erfolg von Filmen wie Bond oder Star Wars beiträgt. Mit einem rein "erwachsenen" und narrativ gefilterten Blick verliert das Bondfranchise einen Großteil seiner Faszination.

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1) Auch andere moderne Filmgenres weisen Gemeinsamkeiten mit dem frühen Kino der Attraktionen auf, wie beispielsweise Musicals, speziell Bollywood, oder Found-Footage.

2) Die Filmtechnik als Attraktion, wie etwa die modifizierte Zeitlupe aus THE MATRIX, funktioniert bei Bond dagegen weniger. Auffällige CGI-Kreationen oder der bewusst sichtbar gemachte Schnitt in DIE ANOTHER DAY oder QUANTUM OF SOLACE wurden eher negativ aufgenommen. Von daher kann man davon ausgehen, dass auch REALD weniger zu Bond passt, zumindest solange es sich nicht allgemein durchgesetzt hat.

3) Ich glaube, dass Timothy Dalton als Schauspieler die meisten Probleme mit dieser augenzwinkernden Kommunikation mit dem Zuschauer über das Filmuniversum hinaus hatte. Er versuchte eher, Empathie über die Narration auszulösen, was auch sein emotionales Spiel in LICENCE TO KILL erklärt. Aber ich denke, die Zuschauer empfanden das als zu großen Bruch ihrer Erwartungen.

4) DIE ANOTHER DAY begeht allerdings die Todsünde im Attraktionskino, da die Attraktionen zum Teil mangelhaft sind oder sich, siehe oben, auf technische Aspekte konzentrieren. Nichtsdestotrotz hat der Film auch viele gelungene Schauwerte und einen interessanten Subtext. Und er ist auch politisch nach elf Jahren noch hochaktuell, wenn man derzeitige Nachrichten aus Nordkorea betrachtet.

Mittwoch, 6. März 2013

Sam Mendes kehrt nicht für Bond 24 zurück

Mendes bei der SKYFALL-Premiere
in Berlin
Wie EMPIRE heute berichtet hat Sam Mendes das Angebot ausgeschlagen, auch den kommenden Bondfilm nach SKYFALL zu inszenieren. "Es war eine schwere Entscheidung, das großzügige Angebot von Barbara [Broccoli] und Michael [Wilson], den nächsten Bond zu inszenieren, abzulehnen", erklärte Mendes. "SKYFALL war eine der besten Erfahrungen in meinem Berufsleben, aber ich habe Theater- und andere Verpflichtungen, darunter 'Charlie und die Schokoladenfabrik' und 'König Lear', die für das nächste Jahr und darüber hinaus meine ganze Aufmerksamkeit benötigen."



Allerdings schließt Mendes eine zukünftige Zusammenarbeit nicht aus: "Ich fühle mich sehr geehrt, Teil der Bondfamilie gewesen zu sein, und hoffe sehr, irgendwann noch einmal mit ihnen zusammen arbeiten zu dürfen." Sam Mendes ist damit der sechste Regisseur in Folge, der das Regie-Angebot für den unmittelbar nächsten Bond ablehnt. Nur Martin Campbell kehrte elf Jahre nach GOLDENEYE noch einmal in den Regiestuhl zurück. Damit ist die Suche nach einem Regisseur für Bond 24, der offenbar sehr zeitnah realisiert werden soll, offen.

SKYFALL ist übrigens für sechs EMPIRE Awards nominiert.

Dienstag, 5. März 2013

"You Only Live Twice" Cover

Nach einer Illustration für die Kurzgeschichtensammlung Octopussy möchte ich hier eine weitere vorstellen, für Flemings elften Bondroman You Only Live Twice. Es ist ebenfalls ein Aquarell mit Verwendung der Verlauf- und Nass-in-Nass-Technik.














Rechts das unbearbeitete Original.