Donnerstag, 19. Juni 2014

John Logan - Eine Retrospektive (Teil 2 und Fazit)

Bond 24 Screenplay by John LoganVor einiger Zeit war in den Medien zu lesen, dass John Logan das Drehbuch zu Bond 24 fertiggestellt hat und in Zusammenarbeit mit Sam Mendes Logiklöcher stopft. Im ersten Teil meiner John-Logan-Retrospektive ging es um Logans Drehbücher von BATS bis THE LAST SAMURAI. Hier möchte ich nun eine Betrachtung seiner Arbeiten von AVIATOR bis in die Gegenwart nachreichen, und die Themen und roten Fäden analysieren, die auch in den zukünftigen Bondfilm(en) aus seiner Feder zu erwarten sein dürften.



Der Weg in die Zukunft

Nach seinem Ausflug in das historische Japan wandte sich Logan zum zweiten mal nach RKO 281 dem Hollywood der 30er und 40er Jahre zu - Mit dem Biopic THE AVIATOR. Und es ist mit Howard Hughes auch wieder ein Thema, das in einem Bondfilm gestreift wurde.

Auch sonst gibt es einige Parallelen zwischen RKO 281 und THE AVIATOR. Beide beginnen mit einer Szene, die den Protagonisten als Kind mit seiner dominanten Mutter zeigt. In beiden sieht man den MGM-Chef Louis B. Mayer, und ebenso wie Welles steht auch Hughes unter dem enormen Druck, einen seinem Ruf entsprechenden Kinofilm abzuliefern. Hughes' Erstling war HELL'S ANGELS, der erste Film, der mehr als eine Million Dollar kostete.

Auch hier stieg Logan in ein bereits seit einiger Zeit in Produktion befindliches Projekt ein. Leonardo DiCaprio forcierte das Projekt seit den 1990ern, seit er eine Hughes-Biographie gelesen hatte, und produzierte den Film mit seiner Firma Appian Way. Letztlich entschied sich Logan, die zwanzig Jahre zwischen Hughes' beiden größten Erfolgen zu beleuchten: Seinem Regiedebüt und seinem Sieg über Pan Am. Jonathan Nolan schrieb zeitgleich an einem Biopic über Hughes, das sein Bruder Christopher mit Jim Carrey in der Hauptrolle verfilmen wollte, gab das Projekt aufgrund der schnelleren Konkurrenz jedoch auf.

Der Film lief sehr erfolgreich, überzeugte die Kritiker und gewann fünf Oscars. Logan brachte er seine zweite Oscar-Nominierung für das beste Originaldrehbuch nach GLADIATOR ein.

Das Janus-Gesicht der Rache

2008 adaptierte John Logan für Tim Burton das Grusical SWEENEY TODD: THE DEMON BARBER OF FLEET STREET. Das originale Stück wurde von Christopher Bond geschrieben und 1979 am Broadway aufgeführt. Die Verfilmung wurde seit Jahrzehnten geplant, mit wechselnden Regisseuren und Darstellern. Auch Sam Mendes war darunter.

In SWEENEY TODD gibt es bereits den Satz "Think on your sins", gesprochen vom Antagonisten Richter Turpin (Alan Rickman; im Zusammenhang mit der Drohung, sein Mündel in die Irrenanstalt einweisen zu lassen - "There you can think on your sins".) Ist Silvas Botschaft in SKYFALL, in der ein Yale-Professor ein verstecktes Anagramm zu erkennen glaubte (siehe hier), ähnlich wie der Name von Silvas Yacht nur ein Insider-Gag, mit dem Logan auf eine frühere Arbeit Bezug nahm?

Bei diesem Film zeigt sich auf jeden Fall wieder Logans Faible für die Monster-Thematik, die victorianische Ära sowie das Thema Rache. Anders jedoch als im Blockbuster GLADIATOR ist es nicht die Hollywood-Version von Rache, die den Protagonisten befriedigt leben oder sterben lässt. Hier verändert sie ihn tiefgreifend, lässt ihn buchstäblich zum Monster werden und fordert einen sehr hohen Preis.

Wie die andere Seite der Medaille passt dazu Logans übernächste und sehr ambitionierte Arbeit - die Shakespeare-Adaption CORIOLANUS. Die Übertragung des Bühnenstoffes in die Gegenwart steht in der Tradition von Baz Luhrmans WILLIAM SHAKESPEARE'S ROMEO + JULIET oder Tim Blake Nelsons "O". (Letzterer transportierte Othello in die Welt des Basketballs, was Logans ursprünglicher Idee für ANY GIVEN SUNDAY - König Lear in der Welt des Football - sehr ähnlich ist.)

CORIOLANUS, eins von Shakespeares drei Römerdramen und im frühen Rom zur Zeit der Tribune angesiedelt, wurde von Logan und Produzent und Regisseur Ralph Fiennes in einen fiktiven, "Rom" genannten Balkanstaat der Gegenwart verlegt. Gedreht wurde hauptsächlich in Belgrad, wo die Spuren des Kosovokrieges noch überall sichtbar waren.

Anders als bei Luhrmans Romeo-und-Julia-Adaption waren die Kritiker von der Modernisierung nicht durchgängig überzeugt. Die Zeit nannte den Film "eine zeitlose Parabel" und "ein Film wie eine Faust", während der Tagesspiegel die Rede von Konsuln und Senatoren "hölzern und staffagehaft" fand. Der Spiegel bezeichnete Fiennes' Regiedebüt sogar als die "erste Stinkbombe" der Berlinale.

Ähnlich wie in SWEENEY TODD droht die Rachsucht den Protagonisten völlig zu vereinnahmen, und obwohl er es im Gegensatz zum 'dämonischen Barbier' schafft, sich von ihr loszusagen, vernichtet sie ihn am Ende trotzdem. Man könnte SWEENEY TODD, CORIOLANUS und zu einem gewissen Teil auch SKYFALL als Gegenthesen zu GLADIATOR sehen.

Fiennes arbeitete als Regisseur auch eine "Dialektik von Hass und Bewunderung" zwischen sich und Gegenspieler Gerard Butler heraus, mit "homoerotischen Untertönen" (Berlinale-Blog) - ein Aspekt, den Logan auch in SKYFALL verstärkt umsetzte.

Abenteuer in 3D: Rango & Hugo

Zwischen Grusical und Shakespeare-Adaption schrieb John Logan zum zweiten Mal nach SINBAD an einem Animationsfilm. Nach dem mäßigen Erfolg des Seefahrerabenteuers konnte er sich mit RANGO in dem Genre rehabilitieren, dass sich zwischenzeitlich vom klassischen Zeichentrick zur perfekten, dreidimensionalen Computeranimation gewandelt hatte.

Der Film lebt vor allem von zahlreichen liebevollen Hommagen an Filmklassiker. Der Hauptplot um künstliche Wasserverknappung erinnert natürlich an CHINATOWN, aber auch an den drei Jahre zuvor erschienen QUANTUM OF SOLACE (Der sich laut Aussagen von Michael G. Wilson ebenfalls an dem Polanski-Klassiker orientierte). Vor allem eine Szene mit der Bevölkerung vor einem großen leeren Wasserfass, aus dem nichts herauskommt, oder Rango durch eine nächtliche Wüste marschierend erinnern an den Bondfilm. Da John Logan in einem Interview sagte, dass er QUANTUM OF SOLACE sehr mochte, ist eine bewusste Anspielung ja durchaus möglich.

Der Film war ein großer Erfolg, und John Logan schrieb für Electronic Arts auch eine Computerspiel-Version. (Die auf imdb.com sogar eine höhere Bewertung hat als der Film selbst. Vielleicht wäre Logan auch der richtige Mann für ein neues Bond-Spiel auf der Höhe der Zeit.)

Sechs Jahre nach AVIATOR kam es zu einer zweiten Zusammenarbeit mit Altmeister Martin Scorsese, für die Romanverfilmung HUGO (Hugo Cabret).

Der Kinderroman Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick dreht sich um den Filmpionier und Magier Georges Méliès, hauptsächlich bekannt für seine trickreiche Umsetzung von Jules Vernes Reise zum Mond. Nach Orson Welles und Howard Hughes schrieb Logan damit zum dritten Mal über einen der ganz Großen der Filmgeschichte, der seine Träume gegen die Widerstände seiner Zeit verwirklichte.

Ähnlich wie bei seiner Adaption der Zeitmaschine fühlte Logan auch hier die Notwendigkeit, dem Helden einen persönlichen Antagonisten gegenüber zu stellen, den es im Buch so nicht gibt. Zu diesem Zweck wurde die Figur des Stationsvorstehers ausgebaut und geändert, der dann von Sacha Baron Cohen gespielt wurde. Und in der Tradition vieler Antagonisten wurde er auch mit einem skurrilen physischen Manko ausgestattet - einem mechanischen Bein, dass das Automaten-Thema des Films sehr gut widerspiegelt.

Die zweite Zusammenarbeit mit Scorsese brachte Logan die dritte Oscarnominierung ein. Nach HUGO schrieb John Logan für Kathryn Bigelow (THE HURT LOCKER) den Pilotfilm für eine geplante Serie namens The Miraculous Year. Die Serie war um einen schwulen, selbstzerstörerischen Broadway-Komponisten herum konzipiert, jedoch legte HBO die Serie nach dem einstündigen Piloten auf Eis.

Darauf folgte 2012 SKYFALL sowie die TV-Serie Penny Dreadful, die ich leider ebenfalls noch nicht gesehen habe.

Versuch eines Ausblickes 

Ein Thema, das Logans Drehbücher wie ein roter Faden durchzieht, zeigt sich auch sehr stark in HUGO und SKYFALL - Die Suche nach Identität, dem Sinn des eigenen Daseins und dem Platz in der Welt. (Mehr zu dem Thema in SKYFALL hier.) Gebrochene Charaktere, die nach Heilung suchen. In einem Interview sagte Logan: "I’m not interested in characters who aren’t broken, I’m not interested in happy people."

Bei der bereits angesprochenen Monster-Thematik kommt das besonders zum Tragen. In einem Interview zu Penny Dreadful erklärte Logan, dass er sich aufgrund seiner Homosexualität und die damit gefühlte Andersartigkeit bereits in seiner Jugend mit Monsterfiguren wie Frankenstein identifizieren konnte: "It was a frightening thing, but my process of coming out was a process of accepting that the thing that made me alien and different and monstrous to some people is also the thing that empowered me and gave me a sense of confidence and uniqueness and a drive toward individuality that I think is important for any writer."

In HUGO spiegelt sich das Thema auf einer universalen Ebene durch den Automaten, dessen Zweck und Bestimmung Hugo, der selbst Waisenkind ist, herauszufinden versucht. Teilweise spielt Logan auch damit, seine Charaktere durch einen augenzwinkernden "Flirt" mit dem Zuschauer als seine Kreaturen zu kenntlich zu machen. So fragt Maximus in GLADIATOR beispielsweise direkt das Publikum diesseits und jenseits der Leinwand, ob er es nicht unterhalte. Rango stellt sich zu Beginn dem Zuschauer als Figur in einer Erzählung vor, und Bond und Severine unterhalten sich in SKYFALL über seinen Einstieg in das Drama und den Spannungsbogen.

Ich denke, dass die Faszination für Monster auch aus einer verfremdeten Perspektive auf Elternschaft entsteht. Für die emotionale Szene in Penny Dreadful, in der Dr. Frankenstein das Monster zum Leben erweckt, ließ Logan sich von der Geburt seiner Nichte inspirieren. Und es gibt bei ihm immer wieder sehr mangelhafte, dominante Elternfiguren. "Deine Fehler als Sohn sind meine Fehler als Vater", sagt Markus Aurelius in GLADIATOR, und in gleicher Weise sind dominante Mütter verantwortlich für die charakterlichen Fehler der Protagonisten in RKO 281, AVIATOR, CORIOLANUS und in gewisser Weise auch SKYFALL.

Nicht nur die Helden hadern mit ihrem Platz im Leben und in der Geschichte. In Logans Drehbüchern finden sich sehr oft auch Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen, viel erreicht haben, aber trotzdem zweifelnd auf ihre Lebensleistung zurückschauen. So zum Beispiel William Randolph Hearst in RKO 281, Markus Aurelius in GLADIATOR, Georges Méliès in HUGO oder eben auch M in SKYFALL. Auch Tony D'Amato in ANY GIVEN SUNDAY, Picard in STAR TREK NEMESIS sowie Bond hadern bereits mit dem Alter.

Krieger und Genies

Die Protagonisten in Logans Arbeiten lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Zum einen die Genies: Orson Welles, Alexander Hartdegen, Howard Hughes, der Tüftler Hugo Cabret und Terry Segal in The Miraculous Year. Dazu passt, das eins von Logans zukünftigen Projekten GENIUS heißt.

Und die Krieger: Maximus, Captain Algren, Caius Martius Coriolanus, Bond. Auch Tony D'Amato könnte man dazu zählen. Das Eingangszitat von ANY GIVEN SUNDAY passt zu ihnen allen: "Ich glaube fest daran, dass die schönste Stunde jeden Mannes, die Erfüllung seiner Sehnsüchte der Augenblick ist, wenn er sich für eine Sache völlig verausgabt hat und erschöpft auf dem Schlachtfeld liegt - als Sieger!"

Die Krieger haben Probleme damit, sich in der zivilen Welt zurecht zu finden. Exemplarisch ist dafür CORIOLANUS. Der römische Kriegsheld hat hier so starke Probleme mit dem Frieden, dass er sich mit dem Feind verbündet und gegen das eigene Volk wendet. Auch Maximus weigert sich erst strikt, sich mit Politik zu beschäftigen. Erst gegen Ende engagiert er sich dafür. Captain Nathan Algren wurde zum Alkoholiker und Zyniker, und erst unter den Samurai findet er wieder Lebenssinn.

Und auch Bond hadert mit Ms Entscheidung gegen seine Fähigkeiten und der neuen Geheimdienstwelt, und flüchtet in den Alkohol. Überhaupt müssen sich fast alle von Logans Helden mit dem Ende ihrer Generation und einer neuen Welt auseinandersetzen. Tony D'Amato beklagt, dass die Werbung den Sport kaputtgemacht hat, der Zeitreisende fühlt sich gänzlich unwohl in seiner Zeit, die Ära der Samurai endet ebenso wie der Wilde Westen in RANGO. Sehr häufig sieht man in Logan-Filmen Metropolen in längst vergangener Blüte - Das alte Rom, das alte Hollywood, New York, San Francisco, Tokyo, Paris oder London um die Jahrhundertwende.

Bei Logans Vorliebe für alternde Helden und Generationenkonflikte ist klar, dass für ihn vor allem die späteren Bondromane interessant sind - was er ja in Interviews eh schon betont hat. Einiges aus den Romanen You Only Live Twice und The Man With The Golden Gun floss ja bereits in SKYFALL ein.

Neben dem Alter wird der Schwerpunkt in Logans Drehbüchern sicher auch auf dem Krieger Bond liegen - seinen Erfahrungen im Krieg, seiner militärischen Ausbildung und den sich daraus ergebenden Konflikten. Flemings Bond kämpfte im Zweiten Weltkrieg, John Gardner setzte ihn im Falklandkrieg ein. In Büchern und Filmen spielte das nie eine größere Rolle, erst in William Boyds SOLO wurde es näher beleuchtet. Vielleicht findet es auch erstmals in die Filme Eingang.

Auch der geborene Kämpfer Bond in einer ungewohnten zivilen Welt ist für Logan sicher sehr interessant. Wie etwa in einer diplomatischen Mission, ähnlich dem Roman You Only Live Twice. Auch in anderen Aspekten dürfte das Buch für Logan sehr interessant sein - Das Horror-Element des Todesgartens, die Welt des traditionellen Japans mit dem Kodex der Samurai, den Logan bereits für THE LAST SAMURAI recherchierte, und nicht zuletzt auch der Aspekt der Rache, die den Helden zum Verhängnis zu werden droht. Obwohl QUANTUM OF SOLACE versucht hat, jegliches Konfliktpotential des Vorgängers in 106 Minuten zu neutralisieren, glaube ich, dass es für Logan interessant ist, Bond noch einmal mit Quantum zu konfrontieren.

Zudem gibt es im Roman You Only Live Twice ein Element, das den Krieger Bond völlig aus seiner 'Komfort-Zone' bringen könnte: Die Konfrontation mit einem Nachkommen. Nachdem sich Bond in SKYFALL ansatzweise mit dem Alter und auch mit dem eigenen Kindheitstrauma auseinandersetzen musste, wäre das eine denkbare Weiterentwicklung. Es gibt einige sehr dominante Mutterfiguren in Logans Büchern - Vielleicht erleben wir eine weibliche Gegenspielerin, die Bond mit einer Vaterschaft konfrontiert und so seiner Lizenz zum Töten entgeht. Das würde einem Fleming-Titel wie The Property of a Lady eine völlig neue Dimension geben. (Obwohl das zugegebenermaßen sehr spekulativ und für viele Fans wohl eher eine Horrorvorstellung ist.) *

Schwieriger wird es beim Gegenspieler. Logan betont gern, dass er komplexe und widersprüchliche Charaktere mag. Fleming ist nun allerdings nicht gerade dafür bekannt, Antagonisten von Shakespeare'schen Format geschaffen zu haben. Auch hier denke ich, dass da am ehesten der Blofeld aus You Only Live Twice hervorsticht, mit seiner kreativen Erschöpfung und seinem Abdriften in den reinen Wahnsinn - samt dem Versuch, seinen Großverbrechen philosophisch eine positive Seite abzugewinnen.

Der Aspekt der vernichtenden Rachsucht sowie der des nach Erlösung strebenden Monströsen wurde eigentlich in Silva bereits befriedigend umgesetzt. Ich denke, die Wahrscheinlichkeit für einen "Krieger"-Antagonisten aus Geheimdienst-, Militär oder Regierungskreisen ist relativ hoch. Ein General wie Coriolanus, den politische Intrigen in eine Schurkenrolle drängen, wäre mit einigen Ausschmückungen bereits bondtauglich.

Sehr interessant fände ich, wenn Logan den Typus des Genies, der gegen alle inneren und äußeren Widerstände für seine Visionen kämpft - und den er mit Welles und Hughes sehr überzeugend portraitierte - als Modell für einen Gegenspieler benutzt. Bond kämpfte zwar schon des öfteren gegen Schurken, die sich selbst für Genies hielten, deren Handlungen aber nicht besonders genial anmuteten. Jemand, der tatsächlich einen überragenden Geist und Intellekt hat, wäre mal eine echte Herausforderung. Man könnte sich ja an diversen realen Vorbildern orientieren.

Abschließend kann man sagen, dass John Logan ein Autor ist, der eher 'character-driven' als 'plot-driven' schreibt, was für das Bonduniversum ungewöhnlich ist. Verblüffende Plotwendungen oder skurrile Einfälle, wie sie für einen Jonathan Nolan oder Charlie Kaufman kennzeichnend sind und vom Kino der Gegenwart forciert werden, sollte man von ihm eher nicht erwarten. Logans Stärken sind akribisch recherchierte und oppulent geschriebene Filmwelten sowie starke, mehrdimensionale Charaktere mit nachvollziehbaren Konflikten. Dass Logan vom Theater kommt und einen Sinn für das Archaische und Überlebengroße hat, sollte für Bond sehr hilfreich sein - wie sich an der Einführung von Silva ja auch bereits gezeigt hat.

Die Beschäftigung mit LoganŒuvre hat mich auf jeden Fall zuversichtlich für den kommenden Bondfilm gestimmt. Logan hat sich seine Position in der Filmindustrie durch harte Arbeit und Leidenschaft verdient.



Zum Abschluss noch ein Ranking aller gesehenen Logan-Filme:

14) THE TIME MACHINE
Genialität wird offensichtlich nicht automatisch auf nachfolgende Generationen übertragen, wie dieses von Wells' Urenkel inszenierte Werk demonstriert.

13) STAR TREK: NEMESIS
Trotz einiger brauchbarer Ansätze ein letztlich unbefriedigender Franchise-Beitrag.

12) BATS
Sicher kein Meisterwerk, aber als B-Creature-Horror doch ganz annehmbar.

11) SINBAD - LEGEND OF THE SEVEN SEAS
Als Animationsabenteuer für die jüngeren Zuschauer gelungen.

10) ANY GIVEN SUNDAY
Logans Drehbuch ist sehr gut und auch umfassend recherchiert, allerdings macht für mich mal wieder Oliver Stones Holzhammer-Schnitt vieles kaputt.

09) CORIOLANUS
Auch für mich hat die Modernisierung der Handlung mit beibehaltenen Shakespeare-Versen nicht hundertprozentig überzeugend funktioniert. 

08) SWEENEY TODD - THE DEMON BARBER OF FLEET STREET
Eingespielte Burton-Depp-Arbeit mit nachdenklich stimmendem Ende.

07) RKO 281
Sehr schöner Film über die Entstehung eines der berühmtesten amerikanischen Filme.

06) HUGO CABRET
So mittelmäßig für Scorseses Verhältnisse, wie viele Kritiker meinten, finde ich das Werk nicht. 

05) AVIATOR
Auch über diesen Film kann ich nichts schlechtes sagen. DiCaprio überzeugt wie immer.

04) RANGO
Ein in jeder Hinsicht Spaß machendes Animationsabenteuer.

03) SKYFALL
Es ist natürlich schwierig, einen Bondfilm hier einzureihen. Aber ich mag den Film sehr.

02) THE LAST SAMURAI
Beim ersten Mal im Kino war ich gar nicht mal so angetan, aber beim zweiten Sichten hat er mich ungemein fasziniert.

01) GLADIATOR
Der Film ist natürlich keine reine Logan-Arbeit, und es ist vielleicht unfair, ihn mit den anderen zu bewerten. Trotzdem ein Film, der mich vom ersten Teaser an begeistert und überzeugt hat.


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* Ich könnte mir hier einen Cliffhanger vorstellen, mit einer Szene ähnlich wie in THE WORLD IS NOT ENOUGH. Bond stellt die intrigante Antagonistin am Ende und will sie töten. Doch sie legt die Hand auf ihren Bauch und sagt, dass er dann auch sein Kind töten würde. Großaufnahme auf den verdutzten Bond. (Hier geht zugegebenermaßen ein bisschen die Phantasie mit mir durch. Zudem wird es nach Mendes' Angaben keinen Cliffhanger geben.) 

Donnerstag, 12. Juni 2014

Diesmal ist es persönlich - und ab jetzt für immer!

Der erste post-klassische Bondfilm LICENCE TO KILL wird ein Viertel-Jahrhundert

Ausschnitt aus dem US One
Sheet Studio (MGM/Danjaq 1989)
Wenige Bondfilme sind bei Fans und Kritikern so umstritten wie Timothy Daltons Zweiter. War Daltons Debüt THE LIVING DAYLIGHTS noch ein in jeder Beziehung klassisches 007-Abenteuer - inklusive Verfolgungsjagd im aufgerüsteten Aston Martin - betrat Daltons zweiter Bondfilm in vielen Aspekten Neuland. LICENCE TO KILL sollte der Reihe frisches Blut injizieren, doch für viele war es etwas zuviel Blut.




The long Good-Bye and late Hello - Die Bondfilme der 80er

Bereits für den 1981er FOR YOUR EYES ONLY war ein neuer und jüngerer Bonddarsteller eingeplant. Dafür schrieb man auch die Vortitelsequenz mit den Blumen an Tracys Grab, die die Tonalität gleich zu Beginn an ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE anknüpfen sollte, den John Glen geschnitten und der sich im Lauf der Jahre zum Geheimtipp unter Fans gemausert hatte.

Eigentlich sollte also bereits Anfang der Achtziger die Frischzellenkur erfolgen, die der Reihe angesichts konkurrierender Franchises sicher nicht schlecht bekommen wäre. Doch dann tauchte ein gewisser Kevin McClory mit der Regelmäßigkeit einer ungeliebten Jahreszeit auf und erhielt endlich grünes Licht für sein Konkurrenzprojekt NEVER SAY NEVER AGAIN. Ein neuer Darsteller erschien Broccoli zu riskant und so blieb Roger Moore auch für den 12. und 13. Beitrag erhalten. Vielleicht war es auch der Grund, warum Moore mit sieben "offiziellen" Filmen an Connery vorbeiziehen sollte.

Man hatte den unliebsamen Konkurrenten zwar kommerziell in die Schranken gewiesen, bezahlte dafür aber mit einer künstlerischen Stagnation, während andere Helden den Nerv der Zeit besser trafen. In dem sehr lesenswerten Buch Mythos 007 (2007 Bender Verlag) wird die Zeit von 1983 bis 1987 treffend als "Der lange Abschied" bezeichnet.

The Next Generation

Nachdem in seinem Einstieg noch einige Gags vorhanden waren, die sich nicht zu weit vom Moore-Universum entfernten, wollte Dalton seinen Bond nun wesentlich menschlicher und realistischer darstellen. "Timothy wants to create a character that's much more human, more realistic. The films then play a bit tougher", sagt Michael G. Wilson in The Making of Licence To Kill. "I hope Timothy is the next generation. First time out people are curious, second time they have to come back, deliberately."

Die Arbeiten am Drehbuch drehten sich anfangs um den Charakter Milton Krest aus der noch verbliebenen Fleming-Kurzgeschichte The Hildebrand Rarity. Hinzu kamen Elemente aus dem Roman Live And Let Die sowie ein am damals aktuellen "War on drugs" orientierten Plot. Man fasste China als Hauptschauplatz ins Auge. Aber zum einen erwies es sich durch die Entfernungen als zu teuer, zum anderen hatte bereits THE LAST EMPEROR ein Jahr zuvor das Reich der Mitte sehr oppulent in Szene gesetzt. Stattdessen besann man sich auf Key West und Mexiko.

Aus heutiger Sicht wirkt es klug und vorausschauend, dass sich der Film bereits völlig aus dem Kalten-Kriegs-Rahmen verabschiedet und stattdessen auf andere globale Probleme konzentriert. Die große Versöhnungsparty zwischen West, Ost und Nah-Ost am Ende von THE LIVING DAYLIGHTS wirkt in dem Zusammenhang bereits wie der Abschied vom Kalten Krieg und die Vorwegname des Mauerfalls.

Lizenz abgelaufen?

Wie im Buch Mythos 007 zitiert, erklärten die meisten Feuilletons Bond nach LICENCE TO KILL für am Zeitgeist gescheitert und tot. (Wahrscheinlich dieselben Feuilletons, die dann CASINO ROYALE begrüßten.) Die Süddeutsche schrieb: "Der Mann, den sie da sehen, ist nicht Bond. Auch wenn er es behauptet." Die Zeit: "Noch nie war Bond so schlecht wie jetzt, wo er so gut gespielt wird." Die FAZ: "Man ahnte, das alles verloren wäre, wenn sie eines Tages nicht mehr mittelmäßig sein würden, aber gut gemacht, sondern mittelmäßig und ernst gemeint." Und die CINEMA schrieb von "Miami Vice mit Knopflochnelke".

Finanziell blieb der Film hinter den Erwartungen zurück, vor allem in den Vereinigten Staaten, deren Zuschauer man mit US-Darstellern und -Schauplätzen gewinnen wollte. Beim zweiten Mal kamen die Zuschauer nicht "deliberately" zurück, wie Wilson gehofft hatte. Interessanterweise folgte auf LICENCE TO KILL mit den Brosnan-Abenteuern der Neunziger dann wieder eine Stagnation, die letztlich erst mit einem Bond gebrochen wurde, der wieder "more realictic, more human" war.

Aber ähnlich wie ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE erlebte auch dieser Bondfilm bei vielen Fans und Kritikern eine Rehabilitation. So schrieb der Kritiker Kim Newman beispielsweise 2002: "Dalton war zu düster, seine Filme waren zu intensiv, die Gegenspieler zu glaubwürdig und die Mädchen zu tough. Vielleicht bestand das Problem einfach darin, dass Dalton einfach zu gut war, um einen erfolgreichen 007 abzugeben... Er ist der einzige Star in der gesamten Reihe, Sean Connery nicht einmal ausgenommen, der James Bond als eine für einen Schauspieler ernstzunehmende Rolle behandelt hat."

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Literatur:

Mythos 007. Die James-Bond-Filme im Fokus der Popkultur; 2007; Andreas Rauscher, Bernd Zywietz, Georg Mannsperger, Cord Krüger (Hg.); Bender Verlag

The Making of Licence To Kill; 1989; The Hamlyn Publishing Group Limited; Sally Hibbin