Sonntag, 29. April 2018

Parodien und Hommagen: CONDORMAN (1981)

CONDORMAN DVDVor 25 Jahren wurde ich zum Bondfan, als ich eine CD mit den Bond-Titelsongs anhörte, die zum 30jährigen Jubiläum 1992 erschienen war. Beim Hören kamen mir all die kultigen Szenen aus den Bondfilmen wieder in den Sinn. Eine Szene jedoch, die ich YOU ONLY LIVE TWICE oder THE SPY WHO LOVED ME zuordnete, konnte ich beim Ansehen der Filme nicht wiederfinden: Der Superspion ist mit seiner Begleitung in einem klapprigen Lastwagen unterwegs. Als Verfolger auftauchen, drückt er einen Knopf - die beiden rutschen nach unten in die Sitze eines Sportwagens, der daraufhin die Front des Lastwagens durchbricht.

Erst später stellte ich fest, dass die Szene zu der Bond- und Superhelden-Parodie CONDORMAN von 1981 gehört. Eine Disney-Produktion, die auch heute noch Spaß macht und zu den amüsantesten Bondparodien gehört.




Der Autor und Zeichner Woodrow Wilson ist der Schöpfer zahlreicher Superhelden, vor allem von Condorman, der sich durch den Einsatz extravaganter Gadgets auszeichnet. Da er den Spleen hat, seine Comics realitätsnah zu gestalten und entsprechende Stunts selbst auszuprobieren, verschafft ihm ein bei der CIA arbeitender Freund einen leichten Spionage-Job: Die Übergabe von Papieren in Istanbul. Dabei trifft Wilson die attraktive Russin Natalia und verliebt sich in sie. Er macht offenbar soviel Eindruck auf sie, dass sie kurz darauf überlaufen will und explizit von "Condorman" beschützt werden will.

Die CIA kann sich diese Chance nicht entgehen lassen und muss Wilsons phantastische Comic-Gadgets in die Realität umsetzen. Darunter oben erwähntes Condormobile oder ein Schnellboot mit Laserkanone.

Eine Bondparodie im Superheldenstil lag nach MOONRAKER (1979) wohl nahe, ist Bond hier doch mehr denn je fast übermenschlich cool, und eigentlich eine Parodie seiner selbst. Mit einem Budget von 14 Millionen Dollar und einem für Disney-Verhältnisse rasanten Tempo schafft CONDORMAN tatsächlich Momente, die sehr "bondig" wirken und mich und viele andere im Kindesalter sehr beeindruckten.

Nova SterlingDas Condormobile war sogar ein modifizierter britischer Luxus-Sportwagen: ein Nova Sterling mit hochfahrbarem Dach, der auch gut in einen Roger-Moore-Bond gepasst hätte. Die Stunts und Verfolgungsjagden wurden von Rémy Julienne koordiniert, der dann auch für FOR YOUR EYES ONLY arbeitete und an den weiteren Bondfilmen bis GOLDENEYE. Unter den Stunts ist ein Sprung vom Eiffelturm, ähnlich dem vier Jahre später in A VIEW TO A KILL. Gedreht wurde in Paris, Monte Carlo und Zermatt, sowie in den Pinewood Studios.

Condor-Girl Barbara Carrera hatte zwei Jahre später einen denkwürdigen Auftritt in einem Bondfilm - als Fatima Blush in NEVER SAY NEVER AGAIN. Der damalige CEO und Walt-Disney-Schwiegersohn Ron Miller bezeichnete ihren Charakter als "the sexiest in Disney history". Tatsächlich wirkt sie auf mich hier noch attraktiver als in ihrer Bondrolle.

Nova Sterling in CONDORMAN
Flammenwerfer à la SPECTRE
Ein Highlight neben der Action und der sehr aparten Miss Carrera ist außerdem Oliver Reed als Bösewicht. Anders als in derartigen Parodien üblich, spielt er ernsthaft und bedrohlich und vermeidet jegliches Over-acting, was ihn sogar angenehmer als einige 'offizielle' Bondgegenspieler macht. Reed war trotz seiner Alkoholprobleme ein Perfektionist und Profi, und erschreckte Carrera einmal sehr real, um ihr eine echte Reaktion zu entlocken. Neben Reed wirkt auch Vernon Dobtcheff (Max Kalba in THE SPY WHO LOVED ME) mit.

Die Story ist recht simpel und anspruchslos, aber nicht ohne Reiz. Auch in THE LIVING DAYLIGHTS (1987) gab es später einen russischen Überläufer, der unbedingt einen Superspion und dessen Gadgets für seine Flucht haben will. Und Bond schleust eine Dame in einem Superauto aus dem Ostblock heraus.

CONDORMAN floppte leider in den Kinos, und die von Disney bereits geplante Fortsetzung wurde damit aufgegeben. Zehn Jahre später produzierte Disney mit THE ROCKETEER wieder einen Film um einen Gadget-Superhelden, in dem auch Timothy Dalton mitwirkte, der aber leider ebenfalls an den Kinokassen enttäuschte. Erst mit der Übernahme von Marvel gelang dem Mäuse-Imperium der Durchbruch auf diesem Gebiet. (Womit man sich darüber streiten kann, ob Condorman und Rocketeer nun zum "MCU" gehören...)

Der Film wurde als VHS, Laserdisc und DVD veröffentlicht. Hierzulande leider in einer sehr dürftigen Version, ohne Extras und in sehr schlechter Bildqualität. Dazu noch mit riesigen schwarzen Balken rundherum, die den Flachbildschirm wieder zum Mäusekino machen. Eine Restaurierung im Bluray-Format wäre für diesen Disney-Klassiker sehr wünschenswert!

Donnerstag, 19. April 2018

Superhelden und Agenten

Vor achtzig Jahren, im Frühjahr 1938, erschien die erste Ausgabe von Superman. Damit erblickte der erste Superheld das Licht der Welt - ein Konzept, das die Populärkultur entscheidend prägte und bis heute enorm erfolgreich ist. Dass eine relativ naiv und pathetisch wirkende Verschmelzung von fast unbegrenzter Macht mit purem Edelmut ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eine goldene Ära von Superhelden einläutete, verwundert aus heutiger Sicht nicht. Unter G.I.s waren die Geschichten um den stählernen Helden ebenso beliebt wie in Japan, bis hin zu Kaiser Hirohito.

Das Erfolgsrezept von Superhelden ist dabei noch deutlich älter als 80 Jahre  und wird heimlich auch von zahlreichen anderen Helden benutzt. Auch James Bond ist eigentlich ein Superheld!



Die klassischen Vorbilder der Pulp-Recken sind bekannt. Die Erzählungen um Gilgamesch, Herkules oder Siegfried sind eigentlich Superhelden-Origins. Der Idee um Superman voraus ging Philip Wylies Roman Gladiator von 1930, um einen Wissenschaftler, der seinem Kind durch ein Serum Superkräfte verleiht. Interessant ist, dass die Schöpfer der berühmten Superhelden-Comics, Jerry Siegel, Joe Schuster, Will Eisner und später Stan Lee, Kinder jüdischer Immigranten waren. Man kann die Geschichten daher durchaus als eine Übertragung messianischer Hoffnungen in den Bereich der Popkultur betrachten. (Diesen religiösen Aspekt der Comics hat M. Night Shyamalan 2000 in UNBREAKABLE auf geniale Weise herausgearbeitet.)

1978, aus heutiger Gesicht genau in der Mitte von Supermans achtzigjähriger Geschichte, war SUPERMAN dann auch passenderweise die erste wirklich ernstzunehmende, groß angelegte Superhelden-Comic-Verfilmung. Wegweisend sowohl in Bezug auf die Tricktechnik als auch auf das Marketing. Es war einer der ersten "Amphibienfilme", die gleichzeitig für den Kino- und den Fernsehmarkt gedreht wurden; gleichzeitig entstanden bereits Teile der Fortsetzung, so dass das insgesamt gedrehte Material monumentale 180 Minuten umfasst. Marketing und Tricktechnik sind heute mehr denn je die größten Domänen von Superheldenfilmen. Während CGI Franchises wie Bond eher schadet, kann für Superhelden die Tricktechnik nie gut genug sein. Insofern ist für sie im Gegensatz zu Bond der technische Fortschritt fast automatisch auf ihrer Seite.

Was mittlerweile eher invasive und heuschrecken-kapitalistische Formen angenommen hat, hatte 1978 und in den Fortsetzungen noch jede Menge Charme, Selbstironie und Klasse. Vor allem SUPERMAN I und II sind großartige und auch heute noch sehr gut funktionierende Film-Feuerwerke. Mit den Auftritten von Shane Rimmer als NASA-Techniker oder Clifton James als Sheriff haben sie amüsante Anspielungen an die Bondfilme.

Die allgemeine Faszination von Helden mit übermenschlichen Fähigkeiten, die weit über Pulp Fiction hinausgeht, wird in der heutigen Dramaturgie oft unterschätzt. You can't relate to a superhero, to a superman, sagte Timothy Dalton beispielsweise. But you can identify with a real man who in times of crisis draws forth some extraordinary quality from within himself and triumphs but only after a struggle. Generationen von begeisterten Lesern beweisen das Gegenteil. Man kann sich sehr gut in Supermenschen hineinversetzen! Es ist eine andere Art von Empathie als diejenige, die man für Normalmenschen und Underdogs empfindet, aber sie funktioniert genauso gut!


Das Publikum liebt Helden, die einfach 'klarkommen'. Die Gegner besiegen, eine ausgeglichene Psyche haben und mit überdurchschnittlicher Intelligenz und Erfahrung selbst die unmöglichsten Situationen meistern. Filme wie TAKEN ("deutscher" Titel 96 Hours, 2008) beweisen das. Liam Neesons Charakter gerät hier nur einmal kurz in die Bredouille gegen Ende, aber auch ohne diese Szene wäre der Film ein großer Erfolg gewesen. Es genügt völlig, wenn die Herausforderungen, die der Held meistern muss, rein physischer Natur sind. Marty hat in BACK TO THE FUTURE beispielsweise nur Probleme, die von außen kommen. Eine Szene, die eine Veränderung seines Charakters zeigt, wurde herausgeschnitten, was der bis heute anhaltenden Faszination für diesen Film keinerlei Abbruch tat. (Im Gegenteil. Martys Chicken-Problem wirkt in den Fortsetzungen eher ein bisschen übergestülpt.)
Original-Comic von Siegel & Schuster
aus dem Jahr 1933

Die Begeisterung für Helden, die für Normalmenschen unmöglich erscheinende Dinge tun, mag ebenso schlicht sein wie Farben und Stil der Comics, die Namen und Dialoge, aber sie funktioniert immer und überall. Und das oft entgegen den Glaubenssätzen vieler Drehbuch-Gurus. Bonds "So does England" steht ebenso wie Dirty Harrys "Make my day" im Gegensatz zu der modernen Überzeugung, dass der Held zu Beginn unbedingt ein Kätzchen retten sollte, um sympathisch zu wirken. 


Leider hat diese Vorstellung, dass in einem guten Film der Held ein großes Trauma überwinden muss, das zu Beginn möglichst schick in schwarzweißen Flashbacks präsentiert wird, mittlerweile Comic-Verfilmungen ebenso geprägt wie Bondfilme. Der Vorteil liegt aber auch hier bei den Superhelden, die selbst in ihrer gebrochenen Form fast automatisch trotzdem die Faszination überdurchschnittlicher Kompetenz bedienen.

Bond spiegelt diese Faszination ebenfalls wider, aber eher in subtiler Form. Wenn man bedenkt, dass Figuren wie Bruce Wayne oder Tony Stark, die außer Intelligenz, Willen und Training keine übernatürlichen Eigenschaften mitbringen, nur dank genialer Gadgets zu den Superhelden zählen, dann kann Bond auch ohne weiteres als Superheld bezeichnet werden. Natürlich nur, solange er selbige auch benutzt. Aber auch Bonds Omnipotenz, seine magnetische Wirkung auf praktisch das gesamte andere Geschlecht oder seine Fähigkeit, durch Intelligenz, Witz und Technik selbst den tödlichsten Situationen zu entgehen bedienen das Verlangen des Publikums nach Superhelden. (Und auf einer Meta-Ebene natürlich auch seine ewige Jugend, bedingt durch das Schlüpfen in verschiedene Verkörperungen, die aber alle denselben Charakter bilden. Eigentlich ist es diese filmhistorische Superkraft, die ihn zu einem wahren Superhelden macht.)

Leider gilt all das bei Bondfilmen als negativ und als Haschen nach flüchtigem Erfolg. Dabei sind genau das eigentlich die Mittel, durch die er in einer von 'Cinematic Universes' beherrschten Welt bestehen könnte.