Donnerstag, 25. April 2013

Generation Moore

Ein persönlicher Rückblick auf 20 Jahre Bondfan-Dasein

Meinen ersten Bondfilm sah ich mit neun Jahren in einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Das war "Man lebt nur zweimal", 1986 im ersten deutschen Fernsehen. Obwohl mich der Film natürlich völlig fasziniert hat, wurde ich erst sieben Jahre und ein paar Bondfilme später zu einem waschechten James-Bond-Fan - im April 1993. Warum erst dann, und was war letztendlich der Auslöser dafür? Und warum heißt dieser Beitrag trotzdem 'Generation Moore'?



In seinem Buch Generation Golf von 2000 beschreibt Florian Illies das Gefühl, am Samstag Abend als frisch gebadeter Zwölfjähriger Wetten, daß ..? zu gucken, wobei schon die Eurovisionshymne zu Beginn zu den Höhepunkten des Wochenendes zählte: "Es war damals selbstverständlich, daß man Wetten, dass ..? mit Frank Elstner guckte, niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun." Obwohl ich die Achtziger auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs verbrachte und das Piratenschiff in der Badewanne eher selbstgebaut als von Playmobil war, kenne ich dieses feierlich-kribbelige Samstag-Abend-Gefühl nur zu gut, und verbinde das vor allem mit den Bondfilmen (die Komödien mit Bud Spencer und Terence Hill oder Louis De Funés zählen vielleicht noch dazu). Man kam tatsächlich immer frisch aus der Badewanne, es gab Salzstangen oder idealerweise Chipsletten, und mein Vater bemerkte bei jeder zweiten Szene, wie wenig das Gezeigte in der Realität funktionieren würde.

Obwohl ich mit dem bereits erwähnten "Man lebt nur zweimal" sowie "Goldfinger" und "Diamantenfieber" auch Conneryfilme sah, konnte ich mit Roger Moore doch wesentlich mehr anfangen. "Der Spion, der mich liebte" und "Moonraker" waren einfach die Bondfilme schlechthin, und in "Octopussy" jagte Bond auch mal durch Karl-Marx-Stadt. Zudem hatte Moore diese wahnsinnig coolen Digitaluhren. In einer Zeit, in der man von Uhren mit Taschenrechner träumte, stellte das jede Rolex in den Schatten. Auch der tauchende Lotus machte auf mich wesentlich mehr Eindruck als der schnöde Aston Martin.

Im Kino lief Bond als Klassenfeind natürlich leider nicht, dafür gab es die Olsenbande, Ray-Harryhausen-Klassiker wie "Sindbads gefährliche Abenteuer" oder Winnetou-Filme. Nach 1989 eröffnete sich dann die große glitzernde Filmwelt außerhalb der DDR-Grenzen, und Videotheken schossen wie Pilze aus dem Boden. Mein Lieblings-Franchise war BACK TO THE FUTURE, zumal man sich als Zwölfjähriger zum ersten Mal in West-Berlin ein bisschen fühlte wie Marty McFly im Hill Valley des Jahres 2015. Dann kam "Star Trek - Das nächste Jahrhundert". Bond hatte 1989 nicht viel zu bieten; sogar GHOSTBUSTERS II erregte eher mein Interesse als LICENCE TO KILL.

Die Kassette des Anstoßes
Die Initialzündung kam schließlich 1993. In Kaufhäusern konnte man CDs anhören, und als Filmfan fiel mir irgendwann die Doppel-CD The Best of James Bond - 30th Anniversary Collection in die Hände. Beim Anhören entfaltete sich plötzlich das Bonduniversum in seiner ganzen Faszination vor meinem geistigen Auge. Mir kamen Szenen in den Sinn wie der finale Fort-Knox-Kampf in GOLDFINGER, die Krematoriumsszene aus DIAMONDS ARE FOREVER, der Titel mit den brennenden Totenköpfen aus LIVE AND LET DIE oder Beißer und Stromberg in THE SPY WHO LOVED ME. Da ich noch relativ weit vom ersten eigenen CD-Player entfernt war, kaufte ich mir die Kompilation zunächst als Kassette. Von da an gab es kein Zurück mehr, und es begann eine Zeit des Sammelns und des regelmäßigen Kopfschüttelns seitens der Verwandschaft.

selbst gebastelte VHS-Cover anno 1993
Ich begann, die Bondfilme im TV aufzunehmen oder als VHS-Kassetten zusammen zu kaufen, und entdeckte auch bald den Buch-Bond. In den lokalen Bibliotheken gab es einige Fleming-Ausgaben, neben den recht reißerisch aufgemachten Romanen von John Gardner. Der erste Fleming war Moonraker (zu deutsch "Mondblitz"), der bis heute mein Lieblingsbondroman ist. Mit den VHS-Kassetten, vor allem mit THE LIVING DAYLIGHTS, der mich nachhaltig beeindruckte, verbrachte ich so manchen Nachmittag nach der Schule. Aus heutiger Sicht hatte diese Zeit die größte Magie - mit dem Entdecken eines dreißigjährigen Franchises und noch nicht gesehen Perlen wie ON HER MAJESTYS SECRET SERVICE und den Romanen, sowie der immensen Vorfreude auf einen neuen Film, der alles bisher dagewesene in den Schatten zu stellen versprach.


Artikel der Zeitschrift Kinohit 1993, in dem ich erwähnt werde :)
Obwohl Brosnan offiziell noch nicht im Rennen war, hatte er bereits 20 % der Stimmen
Und dann kam er schließlich - GOLDENEYE! Ich kann mich noch sehr gut an den ersten Teaser-Trailer erinnern, den man - heute unvorstellbar - völlig unvorbereitet im Kino sah, und der mich förmlich weggeblasen hat. Seitdem hat nie wieder ein Trailer eine derartige Begeisterung und eine so ungeheure Vorfreude auf einen Film ausgelöst. Ich halte den Teaser heute noch für den besten des gesamten Franchise - die Musik, Brosnan und vor allem die bis dato völlig neuartig stroboskop-artig ineinander geschnittenen Szenen...

Den Film als solchen sah ich dann im Dezember 1995 - trotz Erkältung mit Husten und Heiserkeit. Bei so viel Vorfreude war das Filmerlebnis an sich natürlich ein bisschen ernüchternd. Erst die Panzerjagd brach das Eis und löste allgemein herzhaftes Lachen und die bondtypische Begeisterung im Kinosaal aus.


Zwei Jahre später ging die Vorfreude wieder los, und ich fuhr spontan 50 km ins nächstgelegene Kino, um den Teaser zu sehen. TOMORROW NEVER DIES empfand ich schließlich als Verbesserung gegenüber GOLDENEYE. Pierce Brosnan wirkte lockerer, die Musik von David Arnold war endlich bondwürdig, und die Actionszenen konnten mit TRUE LIES und Co. mithalten. Zum Filmstart 1997 war Pierce Brosnan dann auch im eingangs erwähnten Wetten, daß ..? zu Gast und küsste als Saalwette 27 Chefsekretärinnen. Von den über 50 % Marktanteil der Show träumt man heute sicher.

Bei THE WORLD IS NOT ENOUGH machte ich zum ersten und letzten Mal den Fehler, den Roman zum Film noch vor dem Filmstart zu lesen, was zu einem eindeutigen Überraschungs-Defizit im Kino führte. Trotzdem mochte ich auch diesen Film sehr. Den Song von Garbage und vor allem David Arnolds Untermalung der eröffnenden Themse-Bootsjagd hörte ich im Auto sehr gern, was nicht immer zu einem StVO-gemäßen Fahren animierte.

Zeitungsausschnitte und Kinokarten aus den Neunzigern,
sowie eine Eintrittskarte der Bond-Ausstellung 1998 in Hildesheim

DIE ANOTHER DAY war schließlich der erste Bondfilm, dessen Entstehung ich online mitverfolgte, vor allem im deutschen Bondforum. Die Zeiten, in denen man den ersten Trailer zufällig im Kino sah, Titel und Bösewicht zufällig in der Zeitung las und den Song zum ersten Mal zufällig im Radio hörte, waren damit vorbei. Nach den üblichen Gerüchten - "Beyond the Ice" als Titel, Robbie Williams als Bondnachfolger, Mel C als Song-Interpretin, Bonds Sohn als Bösewicht sowie dem obligatorisch und bedrohlich alle zwei Jahre auftauchende Konkurrenzbond "Warhead 2000 A.D." - formierte sich langsam die Story des großen Jubiläumsbonds. Erste Fotos des vollbärtigen Brosnan lösten wilde Spekulationen aus, ebenso Gerüchte um Folter und ein unsichtbares Auto.

Die Premiere erlebte ich erstmals auf dem Potsdamer Platz in Berlin mit, mit torartig aufgebauten Laser-Robotern made in Germany. Der Film an sich war dann allerdings ein eher seltsames Erlebnis. Allerdings gefiel er mir beim zweiten Mal schon etwas besser. Insgesamt wurde DIE ANOTHER DAY 2002 auch von vielen Kritikern wesentlich positiver wahrgenommen als später.

Wieder verschwand Bond in einem filmlosen schwarzen Loch, nur um abermals wie ein Phönix aus der Asche zu entsteigen. Diesmal mit einem wahr gewordenen Fantraum: Einer dem Original würdigen Verfilmung des ersten Bondromans Casino Royale! Doch wenn die Brosnan-Ära eins gelehrt hatte, dann die Erwartungen nicht zu hoch zu schrauben. Aber CASINO ROYALE erwies sich als Triumph, der auch mich restlos überzeugte. Mit QUANTUM OF SOLACE folgte ein Film, für den ich bis heute eine Art Hassliebe empfinde, und schließlich SKYFALL, dessen Entstehung und Premiere ich mit diesem Blog begleiten durfte.

Das waren die ersten zwanzig Jahre. Stay tuned to 2033! ;-)

Montag, 15. April 2013

'Solo' für James

Der Titel des neuen James-Bond-Romans, der in Großbritannien am 29. September erscheinen wird, wurde heute bekannt gebenen: SOLO. Die Handlung spielt 1969. Bond, der hier 45 Jahre alt ist und als Veteran gilt, wird auf eine gewöhnliche Mission in Afrika geschickt, die auf schreckliche Weise schief läuft. Weite Teile des Romans spielen laut Boyd in Afrika. Bond geht nach dem Vorfall auf eine Mission in eigener Sache und ohne offizielle Autorisierung, die ihn in die USA führt.

Neben Mr. Solo, der in GOLDFINGER in einer Schrottpresse endet, hat das Wort noch einen anderen indirekten Bondbezug, nämlich den von Ian Fleming mit kreierten Serienagenten Napoleon Solo. Hier ein Interview mit William Boyd.

Samstag, 13. April 2013

Bond wird 60!

Heute vor 60 Jahren, am 13. April 1953, erschien Ian Flemings erster Roman Casino Royale bei Verleger Jonathan Cape in Großbritannien. Die Idee dafür hatte Fleming jedoch bereits fast zehn Jahre zuvor. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, während dem Fleming als Assistent des Marine-Geheimdienstchefs John Godfrey tätig war, unterhielt er sich mit einem Freund über Pläne für die Nachkriegszeit. Fleming erklärte, er wolle die ultimative Spionagegeschichte schreiben - 'I am going to write the spy story to end all spy stories'. Warum dauerte es so lange, bis er sein Vorhaben in die Tat umsetzte?



Vielleicht war erst mit der beginnenden Aufrüstung der beiden Supermächte des Kalten Krieges und der Koreakrise der ideale Hintergrund für diese Spionagegeschichte da. Vielleicht hatte Fleming aber auch Selbstzweifel. Sein älterer Bruder Peter war bereits als Reiseschriftsteller weltbekannt und von Kritikern gelobt, zudem hatte Fleming selbst hohe Ansprüche und verehrte Thomas Mann und William Somerset Maugham. Die Melancholie und innere Anspannung vor seiner bevorstehenden Hochzeit gab schließlich jedoch den Anlass, und Fleming schrieb seine ultimative Spionagegeschichte innerhalb von nur zwei Monaten in seinem Winterhaus Goldeneye auf Jamaika. Obwohl Fleming damit eine der erfolgreichsten Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts schuf, war der Erfolg anfangs eher überschaubar. Die intellektuellen Kreise um seine Frau, Lady Rothermere, rümpften eher die Nase über das Buch, weshalb sie auch eine Widmung ablehnte. Das änderte sich auch nicht, als sich der große Erfolg einstellte, sogar Präsident Kennedy einen Bondroman als Lieblingsbuch angab und die Romane verfilmt wurden.


Nach dem riesigen Erfolg des Films GOLDFINGER, den Fleming nicht mehr miterlebte, überschattete der Filmbond schnell den literarischen. Das hat eine gewisse Ironie: Seine Schöpfung hat Fleming nicht nur gesundheitlich ruiniert, indem er ihr nacheiferte, sondern schließlich auch bei weitem überragt. Vor allem in Deutschland fristen die Originalromane eher ein Schattendasein, was sicher der armseligen Vermarktung der Bücher über Jahre hinweg geschuldet ist. Während das fünfzigjährige Jubiläum des Filmbonds im letzten Jahr zahlreiche Artikel und Buchneuerscheinungen hervorbrachte, findet das sechzigjährige Bestehen des Originals in deutschsprachigen Zeitungen oder Buchhandlungen überhaupt nicht statt, und das, obwohl optisch sehr ansprechende und originalgetreu übertragene Neuausgaben vorliegen.


Wie ging es mit dem Buchbond weiter? Nach Flemings letztem Roman The Man With The Golden Gun beauftragte Glidrose Productions den südafrikanischen Autoren Geoffrey Jenkins mit dem Roman Per Fine Ounce, der fertiggestellt, jedoch nie veröffentlicht wurde. 1968 veröffentlichte Kingsley Amis dann unter dem Pseudonym Robert Markham den James-Bond-Roman Colonel Sun. Dann wurde es für fast ein Jahrzehnt ruhig um ihn, bis Drehbuchautor Christopher Wood daran ging, aus seiner Vorlage für THE SPY WHO LOVED ME einen Roman zum Film zu schreiben. Wood beschrieb darin allerdings nicht den ironischen dunkelblonden Roger-Moore-Bond, sondern den flemingschen, mit Narbe im Gesicht und kommaförmiger Haarsträhne in der Stirn. Der literarische Urbond in der überlebensgroßen Welt der Endsiebziger-Filme war eine reizvolle Kombination, auch wenn Bond hier bereits fast 60 sein müsste. (Dementsprechend schreibt Wood auch: "Wenn er nicht lächelte, sah er alt und grausam aus, die Augen waren hart wie Stein.") Wood lieferte auch noch eine Novelisierung des Nachfolgers MOONRAKER ab, die im Gegensatz zum Film auch etwas härter und weniger cartoonhaft wirkt.
 
Nach den Wood-Büchern kam man auch bei Ian Fleming Publications auf die Idee, den literarischen Bond in die Gegenwart zu holen und beauftragte den Amerikaner John Gardner, der bereits eine eigene Serie um den Spion Boysie Oakes etabliert und Romane um den Sherlock-Holmes-Gegenspieler Moriarty verfasst hatte. Alterstechnisch wurde das dann allerdings langsam unglaubwürdig, und auch einige andere Neuerungen Gardners sind eher fragwürdig. Gardner verfasste 13 Bondromane inklusive Novelisierungen der Filme LICENCE TO KILL und GOLDENEYE (mit ebenfalls eher fragwürdiger Glaubwürdigkeit; in Licence To Kill wird Leiter beispielsweise zum zweiten Mal von einem Hai verstümmelt). Von 1996 bis 2002 versuchte sich der US-Autor Raymond Benson an Bond, mit acht Romanen und drei Kurzgeschichten. Neben einer eigenen Reihe um Bond als Teenager von Charlie Higgson erschien 2008 mit Devil May Care ein weiterer Roman mit dem Flemigschen Urbond von Sebastian Faulks, der Ende der 1960er Jahre angesiedelt ist.

Im Oktober dieses Jahres folgt schließlich ein neuer Roman, der Flemings Bond Ende der Sechziger Jahre weiterführt, geschrieben vom schottischen Schriftsteller und Drehbuchautoren William Boyd. Der Titel des Romans wird am kommenden Montag bekanntgegeben. (siehe The Book Bond) Auch in den Büchern hat sich Bond als unsterblich erwiesen...

Sixty years of James Bond's Casino Royale - in pictures

The birth of James Bond


Donnerstag, 11. April 2013

Bond-Fantreffen 2013

Im Zuge der Ausstellung „James Bond – 50 Jahre goldene Legenden“ findet am 29. Juni 2013 in Pforzheim ein Bond-Fantreffen statt, an dem Bondfans aus verschiedenen Foren und Internetgruppen teilnehmen werden. Treffpunkt ist 13 Uhr an den Schmuckwelten in Pforzheim mit anschließendem Besuch der Ausstellung. Eingeladen sind alle, die Freude am Bonduniversum haben.

Nach dem Besuch der Ausstellung gibt es einen älteren James-Bond-Film in einem Kino in Stuttgart zu sehen. Nähere Informationen dazu im größten, deutschsprachigen James-Bond-Forum.

Sonntag, 7. April 2013

Everything or Nothing:

The Untold Story of 007

Im Oktober 2012 erschien unter dem Titel EVERYTHING OR NOTHING: THE UNTOLD STORY OF 007 eine Dokumentation über die fast 60jährige Geschichte des britischen Spions, die seit Ende Januar auch als DVD erhältlich ist. Die DVD bietet die bisher umfangreichste Behandlung des Themas und reicht von Bonds literarischen Ursprüngen bis in die Gegenwart zu SKYFALL.





Regisseur Stevan Riley verknüpft auf gelungene Weise Musik und Szenen aus Bondfilmen mit den teils dramatischen Geschehnissen hinter den Kulissen der Kinoreihe, wodurch die 98 Minuten sehr kurzweilig und flüssig wirken. Damit erzählt die Dokumentation neben der Entstehung eines popkulturellen Mythos, der seinen Schöpfern nicht nur Erfolg und Glück gebracht hat, auch die persönlichen Hochs und Tiefs der Macher und Schauspieler. Angefangen bei Fleming, der zutiefst enttäuscht über die TV-Verfilmung von Casino Royale war und zunehmend unter körperlicher und geistiger Erschöpfung litt, über die Geschichte der Freundschaft und den Familien hinter den Produzenten Albert 'Cubby' Broccoli und Harry Saltzman bis hin zu den Darstellern und den rechtlichen Gefechten um das Franchise. Allein die Geschichte hinter George Lazenby, der falsch beraten war und den Bondjob aufgab, oder Pierce Brosnan, der erst die Bondzusage hatte, dann wieder im letzten Moment wieder an Dalton abgeben musste und schließlich den 'final call' erhielt, geben der Geschichte eine filmische Dramatik und Spannung.

Dabei geht der von EON autorisierte Film mit der eigenen Geschichte erstaunlich selbstreflexiv um und thematisiert auch Schattenseiten. Beispielsweise der jahrelange Rechtsstreit mit Kevin McClory oder die kreative Sackgasse Anfang des neuen Jahrtausends. (Pierce Brosnan bekommt selbst fast einen Lachanfall, als er über das unsichtbare Auto und die Surfszene in DIE ANOTHER DAY spricht, was ihn sympathisch macht.) Der Titel bezieht sich auf die bis dato offiziell dementierte Abkürzung hinter der Produktionsfirma EON und diente bereits 2003 für ein Bondspiel mit Brosnan.

Neben den Darstellern, Regisseuren und Drehbuchautoren sowie deren Nachfahren kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter Flemings Stiefcousin Christopher Lee oder Bill Clinton. Für Fans und Filminteressierte ist die DVD auf jeden Fall sehr empfehlenswert! Leider ist sie nur englischsprachiger Export ohne Untertitel erhältlich - eine deutsche Bearbeitung oder TV-Ausstrahlung ist bisher nicht in Sicht.

  • Darsteller: Daniel Craig, Pierce Brosnan, Roger Moore, Timothy Dalton, Judi Dench
  • Regie: Stevan Riley
  • Format: PAL
  • Sprache: Englisch
  • Untertitel: Keine
  • Synchronfassungen: Keine
  • Untertitel für Gehörlose: Keine
  • Laufzeit: 93 Minuten

Samstag, 6. April 2013

Bondausstellung in Pforzheim

Vom morgigen Sonntag bis zum 7. September ist in den Schmuckwelten in Pforzheim die Sonderausstellung "James Bond - 50 Jahre goldene Legenden" zu sehen. Ausgestellt sind über 100 Originalrequisiten, Produktionsartikel, Drehbücher und einige sehr wertvolle persönliche Dinge der Schauspieler aus der Sammlung von Chris Distin.

(Artikel zur Ausstellung)

Dienstag, 2. April 2013

Die Dramaturgie der Bondfilme: Der Auslöser

Jede Geschichte beginnt mit einem Ereignis, das die Welt des Protagonisten aus dem Gleichgewicht bringt und eine Frage aufwirft, die im Finale des Films beantwortet wird. Bei JAWS ist es beispielsweise der grausame Tod einer jungen Frau durch einen weißen Hai, der einen kleinen Badeort in Panik versetzt und die Frage aufwirft, ob dieser Hai zur Strecke gebracht werden kann. Dieser Auslöser, oder big hook, soll den Zuschauer dazu bringen, sozusagen anzubeißen und bis zum Ende dran zu bleiben. Bei den Bondfilmen kann man im Prinzip drei Arten von auslösendem Ereignis unterscheiden.


In vielen Filmen setzt sich das auslösende Ereignis aus zwei Teilen zusammen: einem set-up und einem pay-off. In JAWS ist das set-up der Tod der Schwimmerin, das pay-off das Auffinden der Leiche und das Benachrichtigen von Sheriff Brody (Roy Scheider). Bei Bondfilmen ist das pay-off die obligatorische M-Briefing-Szene - ähnlich wie bei Krimis: Ein Verbrechen geschieht und Bond wird mit der Ermittlung der Hintergründe beauftragt. Und ebenfalls wie bei Krimis ist es weniger die private Welt des Protagonisten, die erschüttert wird, als vielmehr das Umfeld, oder hier die ganze Welt aus mehr oder weniger britischer Perspektive.

Bei den meisten Blockbustern wird der big hook möglichst spektakulär präsentiert. Bei JURASSIC PARK beispielsweise: Was wäre, wenn wir Dinosaurier klonen könnten, oder BRUCE ALMIGHTY: Was wäre, wenn ein Durchschnittstyp plötzlich allmächtig wäre. Beim Großteil der Bondfilme dagegen ist der Auslöser an sich verhältnismäßig unspektakulär. Einige beginnen tatsächlich eher wie Krimis: Sehr oft wird ein Agent getötet, manchmal wird geschmuggelt - Gold, Diamanten oder Kunstschätze - oder der Secret Service bekommt auch nur eine bestimmte Nachricht, wie etwa in FROM RUSSIA WITH LOVE oder THE MAN WITH THE GOLDEN GUN. Von diesem verhältnismäßig unspektakulären Aufhänger ausgehend wächst die Bedeutung dann immer mehr ins Extreme und Weltbedrohende. Vielleicht ist die klassische Vortitelsequenz auch daraus entstanden, das Unspektakuläre des eigentlichen Auslösers in einem spektakulären Actionfeuerwerk zu verpacken. In vielen Bondfilmen ist auch zwischen set-up und pay-off eine Actionszene geschaltet.

(Diese kleinen "Schneebälle", die sich gegen Ende zu Lawinen entwickeln, hat Fleming in den Romanen oft sehr geschickt genutzt. In Moonraker etwa gibt es nur einen winzigen Anfangsverdacht gegen Drax, dass er beim Kartenspielen betrügt.)

Da das auslösende Ereignis enorm wichtig für die Geschichte ist, sollte es auch unbedingt auf der Leinwand zu sehen sein. THE MAN WITH THE GOLDEN GUN ist der einzige Bondfilm, bei dem das set-up - hier das Abschicken der Kugel mit der Gravur 007 - nicht im Film zu sehen ist. (Selbst in DIAMONDS ARE FOREVER wird der eigentliche Schmuggel in Flashbacks gezeigt.)

Bei einigen der eher unspektakulären hooks wird auch nicht ganz klar, welchen Spannungsbogen sie eigentlich aufbauen. Bei FOR YOUR EYES ONLY etwa lautet die entscheidende Frage ganz klar: Kann Bond verhindern, dass das ATAC in die Hände der Sowjets gerät? In A VIEW TO A KILL dagegen entdeckt Bond einen Chip, der vor einem elektromagnetischen Puls schützt, in Sibirien. Die sich daraus ergebenden Fragen - wie kommt der Chip dorthin, und warum brauchen die Russen ihn - werden relativ früh oder überhaupt nicht geklärt. (Wahrscheinlich haben sie da gerade an den GoldenEye-Satelliten gebaut :-) Letztendlich sind die Bondfilme aber auch das Franchise, in dem dramaturgische Defizite wohl am ehesten verziehen werden...

Neben dem unpersönlichen und unspektakulären Aufhänger gibt es auch den zwar immer noch unpersönlichen, aber dafür spektakulären. Paradebeispiele dafür sind THUNDERBALL oder TOMORROW NEVER DIES. Hier wird gleich zu Beginn klar, dass der Weltfrieden oder Millionen Menschenleben auf dem Spiel stehen. Viele auslösende Ereignisse sind an sich schon spektakulär und bedrohlich, haben aber trotzdem noch nicht die Tragweite der letztendlichen Bedrohung, wie etwa die Entführung von U-Booten oder Tiger-Helikoptern.

Die dritte Kategorie schließlich - der persönliche Auslöser - taucht erstmalig mit LICENCE TO KILL auf. Hier wird ein Ungleichgewicht in Form von Ungerechtigkeit in Bonds rein privater Welt erzeugt - ein Anschlag auf einen Freund und dessen Frau während seines Urlaubs. (Wobei man sich streiten könnte, ob das Projektil als Warnung in THE MAN WITH THE GOLDEN GUN nicht bereits als persönlich gelten könnte. Immerhin wird Bond von seinem offiziellen Auftrag abgezogen und begibt sich im "Urlaub" auf die Suche nach Scaramanga.)

In THE WORLD IS NOT ENOUGH, DIE ANOTHER DAY, QUANTUM OF SOLACE und SKYFALL erzeugt das auslösende Ereignis eine Mischung aus privatem und beruflichen Ungleichgewicht - Attentate auf den MI6 aus Rache oder Jagd der Hintermänner von privatem Verrat oder Verlust. Ein sehr interessanter und für das Franchise neuartiger Nebeneffekt der teilweise privaten Missionen ist, dass die antagonistischen Kräfte nicht nur vom jeweiligen Gegenspieler ausgehen, sondern auch aus den eigenen Reihen erwachsen. Die CIA wird beispielsweise zum Gegner, M behindert seine Aktionen, und Bond stirbt beinahe durch "friendly fire" in SKYFALL.

Auch der Zeitpunkt des Handlungsauslösers hat sich im Lauf der Geschichte zum Teil nach hinten verschoben. Während in DR. NO beispielsweise der Mord an Strangways unmittelbar zu Beginn zu sehen ist, geschieht das pay-off - das Auffinden von Della und Leiter -  in LICENCE TO KILL relativ spät. (In mehrerer Hinsicht stellt LICENCE den größten Umbruch im Franchise dar; umso schwerer wiegt die Tatsache, dass das Marketing des Films mit diesem Pfund nicht wirklich zu wuchern wusste...)