Dienstag, 14. April 2020

All-In


                                      "Arm yourself because no-one else here will save you.
                                                 The odds will betray you!"
                                                                                                               (You Know My Name, Chris Cornell)


Bond-Marathon #22: CASINO ROYALE (2006)



Vesper Martini, Casino RoyaleNach dem 11. September 2001 fand sich James Bond in einer veränderten Welt wieder. Konnte während des Kalten Krieges ein Dritter Weltkrieg stets abgewendet und der ideologische Gegner letztendlich sogar in die Knie gezwungen werden, existierten nun offenbar größenwahnsinnige Schurken, die mit ihrer monströsen Agenda einfach durchkommen. Dementsprechend verlagerte sich der Schwerpunkt im Agentenfilm weg vom Kampf gegen Superschurken hin zu einem realistischeren inneren Kampf. Wegweisend war in dieser Beziehung THE BOURNE IDENTITY (2002) von Doug Liman, der zusammen mit seinen beiden direkten Fortsetzungen deutliche Spuren in der Bondreihe hinterließ. Von einem physisch sehr präsenten Hauptdarsteller, dessen Tätigkeit seine Geliebte traumatisiert, und die er schließlich sogar verliert, über den Stakkato-Schnitt und ambivalent dargestellte Geheimdienste bis hin zu einer finalen Konfrontation auf einem abgelegenen Anwesen.

Und so erfand sich James Bond vier Jahre nach dem seltsam aus der Zeit gefallenen finalen Brosnan-Bond DIE ANOTHER DAY buchstäblich neu. Der erste Bondroman von Ian Fleming aus dem Jahre 1954 - dessen Rechte erst 1999 im Austausch gegen Spiderman an MGM gingen - bildete die Vorlage für einen Reboot, der das Franchise selbst für Zielgruppen interessant machte, die bis dato einen großen Bogen um den Spion gemacht hatten. Mit CASINO ROYALE entstand ein instant classic - ein modernes Gegenstück zu Im Geheimdienst Ihrer Majestät, und Daniel Craig, den die Boulevardpresse mit Spott überzogen hatte, wurde zum gefeiertsten Bonddarsteller seit Sean Connery. Doch der Preis dafür waren einige Prinzipien des Gründers des Franchise, Albert R. Broccoli.





CASINO ROYALE kulinarisch

‚Einen Moment. Drei Maß Gordon's, ein Maß Wodka und ein halbes Maß Kina Lillet. Gut schütteln, bis es eiskalt ist und dann ein langes dünnes Stück Zitronenschale dazu. Mitbekommen?‘ Mit diesen Worten bestellt James Bond im Roman Casino Royale den berühmt gewordenen Wodka Martini, den er selbst erfunden hat und später nach seiner tragischen Liebe 'The Vesper' benennt. Im Film bestellt Bond den Drink offenbar aus einer spontanen Eingebung heraus am Pokertisch - was aus dramaturgischer Sicht clever ist, denn so beeindruckt und verunsichert Bond seine Mitspieler gleichermaßen.

Vodka Martini 'The Vesper', Gordon's Gin, Smirnoff, LilletÜber die richtigen Zutaten wurde seither viel diskutiert. Gordon's Gin hat seine Rezeptur seit den '50ern geändert, weshalb manche Experten eher Tanqueray empfehlen. Kina Lillet existiert in der damaligen Form nicht mehr. Um dem Geschmack des historischen Vesper Martini nahe zu kommen, empfiehlt sich zumindest Angostura Bitter als Zitat oder sogar etwas Chininpulver. In Bezug auf den Wodka bevorzugt Bond polnischen oder russischen. Am ehesten erhältlich war zu Flemings Zeiten Stolichnaya. Im Roman Moonraker erwähnt er noch die Marke Wolfschmidt, deren Eigentümer nach der Oktoberrevolution in die USA flohen und Wodka dort populär machten, die heute aber im Schatten anderen Namen steht. 

Bemerkenswert ist, dass man jedesmal, wenn man sich den Romanen von Ian Fleming mehr annäherte, auch andere Sinnesfreuden wieder eine größere Rolle spielen. Bond und Vesper lernen sich während eines gemeinsamen Mahls im Zug nach Montenegro kennen - eine sehr schöne Szene! Gegen Ende wird die Dinnerszene aus dem Roman übernommen, mit Champagner, Kaviar und Toast. 



Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 

CASINO ROYALE macht als Film wenig falsch und bietet immer wieder herausragende Schauwerte. Dementsprechend gibt es viel, auf das man sich freuen kann, und eher wenig, was das Vergnügen trübt.


Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz14/15

Danube House in Prag
Das Danube House in Prag aus der Vortitelsequenz
Eher schlicht, aber wirkungsvoll. Die Sequenz zeigt die zwei Tötungen, durch die Bond seine Doppelnull-Lizenz erhält: Der korrupte Chef der tschechischen Sektion des MI6 in Prag, Dryden, und dessen Kontaktmann Fisher in Pakistan. Ursprünglich wurden auch Szenen in einem Cricket-Stadion gedreht, die im pakistanischen Lahore spielen sollten, fielen aber der Schere zum Oper.

Clever ist, beide Tötungen nicht nacheinander zu zeigen, sondern parallel zu montieren. Und eine absolut geniale Idee ist natürlich, dass Bonds erste Tötung gleichzeitig den Hintergrund zur ikonischen Gunbarrel-Szene darstellt, wobei das Rot des Blutes dann die erste Farbe im Film ist. Die ersten Gunbarrels zu Connery-Zeiten waren ebenfalls noch in schwarz-weiß.

Titelanimation14/15
Eine der besten Arbeiten von Daniel Kleinman. Die Animationen im Rotoskopie-Stil ist dabei vom Cover der Erstausgabe des Romans inspiriert.




Allow me to intruduce myself...

Einführungsszene von Bond: 14/15
Bond taucht im Büro von Dryden in Prag auf. Eine insgesamt gelungene Szene.

Einführungsszene des Haupt-Bondgirls15/15
Bond und Vesper speisen im Zug nach Montenegro. Setting und Dialog sind sehr schön.

Einführungsszene des Gegenspielers12/15
Le Chiffre ist erstmals beim Treffen mit Obanno in Uganda zu sehen.

Einführungsszene des Haupt-Henchman10/15
Le Chiffres rechte Hand Kratt wird ebenfalls in Uganda eingeführt. 


Besetzung und Schauspiel

Darstellung von James Bond13/15

Daniel Craig hat insofern einen großen Vorteil, dass er im Gegensatz zu allen seinen Vorgängern nicht von der ersten Szene an den klassischen James Bond verkörpern muss, den man aus Büchern und Filmen kennt, sondern einen Agenten am Beginn seiner Karriere, der genau genommen auch nicht der im Roman beschriebenen Figur entspricht. Während frühere Darsteller von der ersten Szene an einem etablierten Bild entsprechen mussten, profitiert Craig sogar davon, diese Erwartungen zu unterlaufen, und hat den gesamten Film über Zeit, den Zuschauer an seine Erscheinung als Bond zu gewöhnen.

Insofern ist der Vergleich mit anderen Bond-Debüts etwas unfair. Daniel Craigs Schauspiel an sich ist sehr gut und beeindruckend. Bezogen auf den Charakter James Bond, den man aus den früheren Filmen und auch den Büchern kennt, kann ich allerdings keine volle Punktzahl geben.

Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint?
Schwer zu sagen, weil das hier durchaus beabsichtigt ist. Gerade während der Verfolgung von Mollaka (Sébastien Foucan) wirkt Bond auf mich etwas zu kalt, fast schon psychopathisch.

Darstellung des Gegenspielers: 14/15

Der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen verkörpert Ian Flemings ersten Bondgegenspieler, den namemlosen Le Chiffre, nach Peter Lorre und Orson Welles mit einer beeindruckenden Präsenz und Verschlagenheit.

Henchmen: 13/15
Schwer zu beurteilen, da hier kein Helfer über den gesamten Film hinweg heraussticht. Im Umfeld von Le Chiffre gibt es Kratt, verkörpert vom deutschen Schauspieler Clemens Schick, der am ehesten dem klassischen Handlanger entspricht. Kratt hat allerdings keine besonderen Interaktionen mit Bond. Nach seinem Ableben treten Adolph Gettler (Richard Sammel, INGLORIOUS BASTERDS) und Mr. White (Jesper Christensen) als Handlanger der noch namenlosen Organisation im Hintergrund in Erscheinung. Beide wirken aber trotz ihrer eher kurzen Auftritte sehr charismatisch.

Zu Beginn erscheinen die beiden Terroristen Mollaka Danso und Carlos Nikolic, beide auf ihre eigene Weise beeindruckend. Auch der Mittelsmann Alex Dimitrios (Simon Abkarian) und Auftraggeber und Chef der ugandischen Terror-Organisation Lords Resistance Army Steven Obanno (Isaach de Bankolé) sind sehr gut besetzt und werden Bond sehr gefährlich.

Bondgirl: 15/15
Pässe von Bond und Vesper Lynd
Ausweise von Bond und Vesper (Spionagemuseum Berlin)
Das beste Bondgirl überhaupt bisher? Von der schauspielerischen Leistung her für mich auf jeden Fall. Die Französin Eva Green beeindruckt enorm als anfänglich unnahbar kühle, getriebene Femme Fatale Vesper Lynd. Würde ich einen Oscar für die beste weibliche Hauptrolle im Franchise vergeben, würde sie ihn bekommen. Allein ihre Sterbeszene geht ins Mark, gerade auch wenn man an die schwierigen Dreharbeiten denkt. Dazu kommt eine funktionierende, glaubwürdige Chemie mit Daniel Craig, die dem Film weit über viele andere Bondfilme hinaus hebt.

Die zweite weibliche Rolle spielt Caterina Murino als Solange Dimitrios, eine der erotischsten und sinnlichsten Frauen der Ära Craig. Der Name ist im Übrigen eine doppelte Anspielung auf Flemings Werk. Solange ist der Name einer MI-6-Agentin in der Kurzgeschichte 007 in New York, während Dimitrios an Eric Amblers klassischen Spionageroman Die Maske des Dimitrios erinnert, den Bond auf dem Flug nach Istanbul in Liebesgrüße aus Moskau liest.

Helfer: 15/15
Schauspiel-Veteran Giancarlo Giannini (LILI MARLEEN, MIMIC) verkörpert Bonds Kontaktmann René Mathis. Ursprünglich ein Agent des französischen Deuxième Bureau, taucht Mathis noch einmal am Ende des Romans Liebesgrüße aus Moskau auf. Da das Casino im Gegensatz zum Buch nicht in Frankreich, sondern in Montenegro angesiedelt ist, kann Mathis auch von einem Italiener verkörpert werden. Giannini ist als Mathis einer der vielschichtigsten und sympathischsten Helfer von Bond.

Auch Jeffrey Wright ist als Felix Leiter eine interessante und gute Besetzung, die zwar von der Romanfigur abweicht, aber eine glaubwürdige Chemie mit Daniel Craig entwickelt. 



MI-6

Briefing-Szene: 13/15
Kloster Strahov in Prag, Drehort für Casino Royale
Die Bibliothek im Kloster Strahov in Prag
Das klassische Briefing findet recht spät statt, in Nassau, nachdem Solange ermordet wurde. Auch die Unterredung mit M in ihrer Wohnung, in die Bond einbricht, ist gut geschrieben.

Interessanterweise ist das Verhältnis zwischen Bond und M hier eine Umkehrung der Situation in GOLDENEYE. Dort war M neu in ihrer Position im Agentenbusiness, und Bond der erprobte Kalte Krieger. Hier ist Bond noch neu und unerfahren, und M dagegen ein erfahrener Profi, der den Kalten Krieg vermisst.

Moneypenny-Szene
Ist hier nicht vorhanden, daher keine Bewertung. Allerdings hat M einen Assistenten oder Sekretär names Villier, dargestellt von Tobias Menzies. Inwieweit es Überlegungen gab, ein männliches Pendant zu Moneypenny zu schaffen, ist mir nicht bekannt.

Q-Szene
Ist in der klassischen Form ebenfalls nicht vorhanden, daher wäre eine Bewertung unfair. Zusammen mit M taucht nur ein Mitarbeiter auf, wahrscheinlich aus der Abteilung Q, der Bond einen Ortungs-Chip implantiert. Hier ist in einem Cameo Special-Effects-Supervisor Peter Notley zu sehen, der seit GOLDENEYE für die Spezialeffekt-Abteilung arbeitet. Sozusagen ein realer Q-Mitarbeiter. Notley arbeitete auch an den Effekten von BATMAN BEGINS und INCEPTION mit. 

Weitere Auftritte von Peter Notley waren sicher nicht geplant, aber ich muss gestehen, dass ich eine Neubesetzung von Q mit diesem Typus unscheinbarer Beamter mit Bäuchlein und Schnauzer genial gefunden hätte, da völlig entgegen aller Erwartung.



Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 12/15

Das eigentliche auslösende Ereignis, das zu Bonds Mission in Montenegro führt - der missglückte Anschlag auf ein neues Flugzeug, der Le Chiffre finanziell ruiniert - erscheint relativ spät im Film. Bis dahin wird etabliert, welche Rolle Le Chiffre innerhalb der namenlosen Organisation einnimmt. Während in vielen anderen Bondfilmen das auslösende Ereignis etwas mehr oder weniger katastrophales ist, ist es hier gerade das Verhindern einer Katastrophe.

Palazzo Pisani Moretto in Venedig, Location für das Finale
Innenhof des Palazzo Pisani Moretto. Hier kämpfte Bond in
MOONRAKER schon gegen Chang
Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht? 13/15
Obwohl der Film in mehrere Abschnitte gegliedert ist, die jeweils eigene Etappenziele haben - und teilweise sogar eigene Antagonisten - wirkt der Film insgesamt recht spannend, vor allem durch das Spiel von Daniel Craig und Eva Green.

Finale allgemein: 15/15
Das letzte Gefecht in einem untergehendem Palazzo in Venedig gegen Adolph Gettler (Richard Sammel) und seine Männer ist innerhalb der Serie mal etwas völlig eigenes, und sowohl technisch wie dramaturgisch brillant. 

Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet? 13/15


Showdown

Endkampf Bond - Henchman: 14/15
Der klassische Henchman ist hier am ehesten Kratt, der aber zusammen mit Le Chiffre von Mr. White erledigt wird, und das auch noch off-screen. Ein Kampf findet am ehesten mit Gettler statt, der im Vergleich mit Le Chiffre eher ein alternativer Gegenspieler ist, denn ein Handlanger des Schurken. Da er innerhalb der Handlung trotzdem eine untergeordnete Rolle spielt, bewerte ich es mal trotzdem hier.

Endkampf Bond - Schurke: 13/15
Villa Gaeto am Comer See, Drehort der finalen Szene von Casino Royale
Villa Gaeto am Comer See, das Heim von Mr. White
Findet in dem Sinne auch nicht statt, da Le Chiffre von Mr. White eliminiert wird. Als psychologisches Duell könnte man dagegen die Folterszene sehen. Bond behält hier die Oberhand, indem er sich trotz extremer Schmerzen unter Kontrolle hat und seinen Tod bewusst in Kauf nimmt. Auch wenn Mr. White nicht zufällig im genau richtigen Moment erschienen wäre und ihn gerettet hätte, wäre Bond der Gewinner des Duells gewesen.

Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 15/15
Die vielleicht beste Endszene eines Bondfilms überhaupt. 

Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 14/15
James Bond geht hier teilweise sehr clever vor und besorgt sich geschickt selbst Informationen, anstatt sie von Mittelsmännern zu erhalten. Das beste Beispiel dafür ist die Ablenkung der Security im Ocean's Club in Nassau, wo er auf die Spur von Dimitrios kommt.



Allgemein


Bond-Feeling: 13/15
Dadurch, dass hier ein Bond im Werden gezeigt wird, der dadurch logischerweise noch nicht von Anfang an der klassische Agent ist, leidet für mich auch ein bisschen das klassische Bond-Feeling. Aber natürlich gibt es einige der besten Szenen des Franchise, wie die Szene im Zug oder das gesamte Pokerspiel.

Fleming-Feeling: 13/15
Buchausgaben zum Roman
CASINO ROYALE profitiert natürlich enorm davon, seit 26 Jahren erstmals wieder auf einen Originalroman von Ian Fleming zurückgreifen zu können. Das Drehbuch von Neal Purvis und Robert Wade unter Mitwirkung von Paul Haggis adaptiert den Roman aus der Anfangszeit des Kalten Krieges überzeugend und einfallsreich in die Post-9/11-Gegenwart. Dabei gibt man sich sichtlich Mühe, auch Details umzusetzen. In einer Szene, die der Schere zum Opfer fiel, erkundigt sich Bond beispielsweise beim Rezeptionisten in Venedig nach Adolph Gettler, dessen Anwesenheit Vesper beunruhigt, und erfährt, dass er aufgrund eines Uhrmacher-Kongresses in der Stadt weilt. Was direkt aus dem Buch übernommen ist.

Hierin zeigt sich eine erstaunliche Liebe zum Detail und ein Respekt vor den literarischen Ursprüngen. So mittelmäßig und bedenklich die Romane von Fleming oft hingestellt werden - wann immer man sich wieder verstärkt an ihnen orientierte, kehrte eine erstaunliche Frische in die Filmreihe ein.

Etwas getrübt wird das nur durch den Umstand, dass ich in Daniel Craigs Bond nicht den von Fleming erdachten Charakter erkennen kann. Der Buch-Bond wäre beispielsweise niemals in die Wohnung von M eingebrochen. Craigs Bond ist letztlich eine vollständige Neu-Interpretation, die mit den Büchern wenig zu tun hat. Eine Origin-Story ist bei Fleming in dieser Form nicht zu finden. Vermutlich hat man sich dafür eher an der Lebensgeschichte von Sean Connery orientiert, der vom rauhbeinigen ehemaligen Trucker und Bodybuilder aus einfachen Verhältnissen durch den Feinschliff von Regisseur Terence Young zum eleganten Weltmann wurde.

Dialoge/Humor: 15/15
Die Dialoge sind insgesamt von hohem Niveau. Vor allem verglichen mit dem Vorgängerfilm eine Offenbarung.

Logik/Schlüssigkeit der Story: 12/15
Insgesamt ist der Plot vergleichsweise geerdet. Le Chiffre hat keine überkonstruierten Macht-Ambitionen, sondern muss einfach nur innerhalb kurzer Zeit verzocktes Geld wiederbeschaffen, um am Leben zu bleiben. Das ist mal erfrischend menschlich. 

Etwas kompliziert ist die Geschichte um Vespers Verrat und die Verstrickungen der einzelnen Akteure innerhalb der großen, noch namenlosen Organisation. Ich empfand beispielsweise den Tod von Obanno mitten in der Story immer etwas kontraproduktiv, denn er wurde ja am Anfang extra als bedrohlicher Auftrag- und Geldgeber etabliert, um Le Chiffres Notsituation zu erklären. 



Handwerk

Produktions-Design: 12/15
Jürgen Tarrach und Ludger Pistor bei der Premiere
von SKYFALL 2012 in Berlin
Zentrale Kulisse des Films ist das titelgebende Casino Royale, das Peter Lamont recht ansprechend aus der Romanwelt der 1950er in die Gegenwart holt. Ein Highlight ist ebenfalls M's Wohnung, die sehr modern, aber trotzdem stilvoll und passend wirkt. Überzeugend auch der Nachbau des venezianischen Palazzo.

Alle weiteren Interieurs passen gut zur Atmosphäre des Films, stechen aber nicht sonderlich heraus. Viele Aufnahmen entstanden auch in realen Räumlichkeiten in Prag.

Spezialeffekte: 13/15
F/X-technisch ist hier vor allem der Untergang des venezianischen Hauses zu nennen, der aus Studioszenen, Modellen und in die reale Szenerie von Venedig eingesetzte Trickaufnahmen kombiniert ist.

Action/Stunts: 13/15
Die Verfolgung zu Beginn zwischen Bond und Mollaka ist äußerst beeindruckend. Vor allem die Kletterei an einem Baukran. Ebenso die Action auf dem Flughafen. Während des Mittelteils sticht nur der Kampf mit Obanno hervor. Sehr schön dann auch der Kampf in dem sinkenden Haus.

Insgesamt gibt es sehr spektakuläre Stunts und Action, trotzdem muss ich hierzu gestehen, dass mir dabei oft das gewisse bondtypische Etwas fehlt.

Bildgestaltung: 14/15
Wie schon in seinem Bonddebüt GOLDENEYE schaffen Martin Campbell und sein favorisierter Kameramann Phil Meheux - mit dem er zwischenzeitlich auch an seinen Zorro-Filmen gearbeitet hatte - attraktive und spektakuläre Aufnahmen.

Beim Schnitt kam zum ersten Mal Stuart Baird (LETHAL WEAPON, LADYHAWKE) zum Einsatz, der für SKYFALL noch einmal zurückkehrte.


Locations

Drehorte: 14/15

Vor der Villa del Balbianello am Comer See
Mit Tschechien fand man hier einen Schauplatz, der in seinen verschiedenen Facetten erfrischend neu wirkt. Eine kongeniale, moderne Entsprechung zu Royale-les-Eaux, Flemings fiktiven Kurort an der Côte d’Azur mit einem verblassten viktorianischen Charme, fand man in Karlsbad (Karlovy Vary), dessen Geschichte mit einer Blüte um die Jahrhundertwende und der Vermarktung von Heilwasser tatsächlich etwas an Flemings Roman-Schauplatz erinnert. (Nur das Meer fehlt mir für das perfekte Fleming-Gefühl.) 

Prag ist sehr facettenreich im Film, ähnlich wie Wien in Der Hauch des Todes. Das Danube House am Anfang bietet kalte, anonyme Architektur. Später im Film doubelt es Miami (Flughafen und Körperwelten-Ausstellung), London (Parlamentsgebäude) oder Venedig (Hotellobby). (Siehe dazu auch Filmstadt Prag.) Dadurch wirkt der Handlungsort Miami aber auch ein bisschen beliebig. Ähnliches gilt auch für die "afrikanischen" Handlungsorte Madagaskar und Uganda.

Die Bahamas bieten klassische Bondatmosphäre. Oppulent auch die Villen del Balbianello und Gaeto am Comer See und natürlich Venedig

Lokalkolorit: 14/15
Vor allem in Karlsbad/Loket und Venedig sehr schön vorhanden.

Kombination: 14/15
Die Kombination der Bahamas mit den italienischen Drehorten Comer See und Venedig vermittelt ein Gefühl von sommerlicher Frische, wie man sie von früheren Bondfilmen wie Der Spion, der mich liebte oder Feuerball kennt, und das ich in den neueren Filmen oft vermisse.


Musik

Titelsong: 14/15

Der viel zu früh verstorbene Chris Cornell interpretiert mit You Know My Name einen kraftvollen Song, der abseits der bassey-esken Balladen innovative Wege beschreitet, und damit sehr gut zur Stimmung des Films passt.

Allgemein: 15/15
Für mich der beste Bond-Soundtrack von David Arnold. Die Einarbeitung des Titelliedes als Leitmotiv ist hier nicht nur hervorragend gelungen, sondern erfüllt darüber hinaus eine wichtige Funktion als Prä-Bond-Thema.

Arnolds Musik bietet wunderschöne, schwelgerische Stücke wie das Thema für Solange oder City of Lovers. Auf der anderen Seite ist die Untermalung der Action adrenalin-haltig und vorwärts-treibend; für das Pokerspiel hat er dagegen eine eher unterschwellig und subtil wirkende Musik geschrieben, die mich teilweise an Angelo Badalamentis Arbeiten für David Lynchs Filme erinnert. 

Arnold beweist hier nach dem überbordend phantastischen DIE ANOTHER DAY eine große Bandbreite und Professionalität. Er webt gekonnt kulturell-spezifisch folkloristische Elemente ein, wie etwa in African Rundown, was in einer Zeit, in der viele Szenen weit weg von den entsprechenden Drehbuch-Schauplätzen realisiert werden, eine wichtige dramaturgische Funktion erfüllt.

Death of Vesper ist schließlich einer meiner absoluten Lieblingstracks der Bondfilme allgemein, und auch die furiose Endszene erhält eine kongeniale Instrumentierung. Bei wenigen der Komponisten, die außer John Barry zum Einsatz kamen, könnte ich mir einen Soundtrack vorstellen, der den Film ähnlich gekonnt unterstützt. 



Fazit - Gewonnen oder verloren?


Mit CASINO ROYALE haben sich Barbara Broccoli und Michael G. Wilson ihr Franchise-Erbe endgültig zu eigen gemacht. Hatte man vor allem bei Broccoli bis dato etwas den Eindruck, dass sie vermutete Fan-Vorlieben bedienen wollte, die sie selbst nicht wirklich teilte, wirkt es seit der Verpflichtung von Daniel Craig nun so, dass sie für die Filme nun selbst eine echte Leidenschaft hat. Dadurch wirken die Filme insgesamt authentischer.

Doch das hatte einen Preis. Die Filmreihe von Albert R. Broccoli und - bis 1974 - Harry Saltzman hatte gewisse Regeln. Eine Bond-Origin-Geschichte hatte Broccoli 1986 als Idee für den 15. Bondfilm nach dem Ausstieg von Roger Moore kategorisch abgelehnt. Bond musste nach seinen Prinzipien nicht nur über eine gewisse Körpergröße und Optik verfügen, sondern auch ein erfahrener und abgeklärter Profi ohne große Vorgeschichte sein.

Aber das waren eben die Regeln einer anderen Generation, die man als Erben vielleicht bewusst brechen muss, um aus den Einzelteilen etwas Eigenständiges zusammen zu setzen. Und so schufen Broccoli und Wilson mit CASINO ROYALE ihren eigenen DR. NO, den Startpunkt ihres eigenen, losgelösten Bonduniversums.

Als Film an sich ist CASINO ROYALE ein sehr beeindruckendes Werk, handwerklich in fast jeder Hinsicht souverän. Als Bondfilm jedoch - das musste ich bei dieser Sichtung verstärkt feststellen - erreicht er bei mir nicht die Höchstnote, vor allem im Vergleich mit den Klassikern der Reihe. In gewisser Weise kann ich die Einstellung von Albert R. Broccoli sehr gut nachvollziehen. Die Faszination der klassischen Reihe bis 1987 liegt zu einem guten Teil tatsächlich darin, dass Bond einfach ein absoluter Profi ohne größeren menschlichen Ballast ist. Und eigentlich ist er das auch in den Romanen von Anfang an. Der Romanbond trug nie Anzüge mit Verachtung und musste nicht an das Tragen eines Smokings gewöhnt werden. So beeindruckend und in sich stimmig Daniel Craigs Interpretation von Bond auch ist, ich tue mich bis heute ein bisschen schwer damit, ihn als den James Bond 007 zu sehen.

Etwas problematisch am Film ist auch die ausgeprägte Drei-Akt-Struktur, bei der jeder Akt eine eigene Thematik und sogar einen eigenen Antagonisten hat, der am Ende jeder Episode besiegt ist und stirbt. Bei den meisten Bondfilmen gibt es eine übergreifende Frage, die meistens lautet "Was führt der Gegenspieler im Schilde?" bzw. "Kann Bond das stoppen?". Bei CASINO ROYALE geht es im ersten Teil um das Verhindern eines Terroranschlags, und im Hauptteil dann darum, Le Chiffre beim Poker zu schlagen. Danach baut der Film noch einmal einen komplett neuen Spannungsbogen auf, wieder mit einem komplett neuen Gegenspieler.

Aber trotzdem gelingt es CASINO ROYALE auf beeindruckende Weise, ein stimmiges und faszinierendes Gesamt-Filmerlebnis zu schaffen. Der Film schafft es, gleichzeitig eine totgeglaubte Filmreihe erfolgreich neu zu beleben, einen nicht nur neuen, sondern auch völlig untypischen Darsteller zu etablieren und einen über fünfzig Jahre alten Roman adäquat in eine völlig veränderte Gegenwart zu holen. Und das ist schon eine enorme Leistung. Die vielleicht wichtigste Leistung des Films ist aber, dass er den Kreis der Zuschauer und Fans des Franchise auf erstaunliche Weise erweitert hat. Man liest immer wieder Aussagen wie "Ich habe mir früher nie etwas aus Bondfilmen gemacht, erst seit den Craigfilmen mag ich Bond", vor allem auch von weiblichen Zuschauern. Das hat vielleicht kein anderer Bondfilm in dieser Form geschafft.



Gefühlt: 13,5/15
Errechnet: 13,57/15

Also zwischen 85 und 90 % und zwischen 1- und 1: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen in besonderem Maße.





James Bond will return in


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