Moore übernahm hier als jemand, der sich in Interviews gern über sich selbst lustig machte, um anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen, eine verbreitete Kritik gegen Ende seiner Bondlaufbahn. Und die Sensibilität gegenüber 'Age-Gaps' zwischen männlichen und weiblichen Hauptdarstellern ist seitdem eher gewachsen. Bei genauer statistischer Auswertung zeigt sich jedoch, daß Sir Roger hier wieder einmal etwas zu hart mit sich selbst ins Gericht ging. Im Gegenteil, vor allem im Vergleich der Bondfilme untereinander, sowie mit anderen Filmen, wird deutlich, daß es eigentlich gar nicht wirklich der Altersunterschied ist, der kritisiert wird, sondern etwas ganz anderes.
Grundsätzlich muß man zu größeren Altersunterschieden in Filmen sagen, daß sie in noch nicht allzu fernen Zeiten als etwas nicht ungewöhnliches galten. Der Altersunterschied von rund 20 Jahren zwischen dem kürzlich verstorbenen Sam Neill und Laura Dern im Blockbuster JURASSIC PARK etwa ist erst etwas über 30 Jahre her - also nicht wirklich etwas aus Opas Zeiten. Sowohl Neill als auch Dern gaben in Interviews an, daß dieser Altersunterschied zu Zeiten der Dreharbeiten nicht als unpassend wahrgenommen wurde. (Kleiner Spoiler: der durchschnittliche Altersunterschied in der Moore-Ära liegt ebenfalls bei etwa 20 Jahren.)
Und nicht nur in Filmen wurden sie nicht als Problem wahrgenommen, sondern auch im alltäglichen Leben. Was auch damit zusammenhängt, daß ein Mann überhaupt erst als heiratsfähig galt, wenn er sich etwas aufgebaut hatte, oder 'gemacht war', was realistischerweise erst frühestens in seinen 30er Jahren der Fall war. Auf der anderen Seite mußte die Frau im Sinne des Überlebens der Spezies möglichst im gebärfähigen Alter sein, wofür das biologische Zeitfenster relativ zeitig einsetzt. Das waren Realitäten, die man nicht mögen muß, die aber niemand willkürlich festsetzte. Eine gleichaltrige Romanze wie etwa in TITANIC mag modern wirken, wäre allerdings im Fall beiderseitigen Überlebens im Alltag wohl recht problematisch verlaufen.
Wenn man sich Hollywoodpaare anschaut - etwa Humphrey Bogart und Lauren Bacall, Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones (jeweils 25 Jahre Altersunterschied), oder die Beziehungen von Al Pacino und Robert De Niro - dann gehen auch heute noch viele Frauen freiwillig Beziehungen mit deutlich älteren Männern ein. (Und das hat auch nichts mit einem Patriarchat zu tun, denn auch wohlhabende Frauen können sich deutlich jüngere Partner leisten, siehe Madonna oder Demi Moore.)
Schon in den Bondromanen von Ian Fleming ist Bond in den 30er bis 40ern und die Love Interests Anfang bis Mitte 20. Es ist sogar anzunehmen, daß etwa Gala Brand im Roman Moonraker erst 18 bis 20 ist (siehe die Argumentation hier). Im vorletzten Roman You Only Live Twice (Man lebt nur zweimal, 1964) ist Bond 40 Jahre alt (eigentlich sogar 47, denn Fleming frisierte Bonds Lebenslauf nachträglich, um ihn jünger zu machen) und er hat hier seine jüngste Sexualpartnerin, die 18-jährige "Masseuse" Mariko Ichiban. Das ergibt einen Altersunterschied von 22 Jahren - exakt derselbe wie der zwischen Roger Moore und Tanya Roberts in A VIEW TO A KILL (Im Angesicht des Todes, 1985). War schon der literarische Bond ein creepy lounge lizard?
Vergleicht man die Altersunterschiede zwischen Bond und den weiblichen Hauptrollen in den Filmen ergibt sich folgendes Bild:
Auffallend ist, daß die Altersunterschiede zu Beginn des Franchise' noch sehr moderat ausfallen. Bonds Freundin Sylvia Trench in den ersten beiden Filmen war sogar zwei Jahre älter als Bond. Auch Zena Marshall und Moneypenny-Darstellerin Lois Maxwell waren etwas älter als Sean Connery. In GOLDFINGER war Honor Blackman sogar 5 Jahre älter. Ausgerechnet der größte Macho-Bond war in dem Punkt sehr modern.
Mit Roger Moore steigen die age gaps dann recht deutlich an. Der deutlichste Abstand ist der zwischen Roger Moore und Carole Bouquet in FOR YOUR EYES ONLY (In tödlicher Mission, 1981) mit ziemlich genau 30 Jahren. Eigentlich hätte Moore also schon nach diesem Film die Rolle aufgeben müssen, wenn er die Altersunterschiede wirklich disgusting fand. 30 Jahre sind allerdings auch noch nicht der Altersunterschied zwischen einem Mann und seiner Enkelin. Auch Roger Moores Aussage, daß die Bonddamen immer jünger wurden, stimmt so nicht ganz. Tatsächlich waren nach Jane Seymour alle Darstellerinnen älter als sie. Maud Adams und Tanya Roberts waren in den letzten beiden Bondfilmen auch älter als frühere Hauptdarstellerinnen.
Aber auch nach Roger Moore blieben größere Altersunterschiede erhalten, mit durchschnittlich 13 bis 14 Jahren. Auch Connery erreichte in NEVER SAY NEVER AGAIN (Sag niemals nie, 1983) dann ein ähnliches Level wie Moore, mit der 23 Jahre jüngeren Kim Basinger. Zur Wahrheit gehört also auch: Hätte Sean Connery die Rolle geliebt und sie weitergespielt - was er theoretisch bis in die 1990er hinein hätte tun können - dann wären auch bei ihm die Altersunterschiede im selben Maße gestiegen wie bei Roger Moore. Vielleicht sogar noch mehr. Und das, ohne groß kritisiert zu werden.
Bringt man die Altersunterschiede in eine Reihenfolge, sieht das so aus:
Beim Durchschnittsalter aller Sexualpartner in einem Film ergibt sich ein nur leicht anderes Bild:
Für Keine Zeit zu sterben ist hier keine Differenz, da Bond hier keine Sexualpartnerinnen hat. Craig war tatsächlich "halb Mönch, halb Killer", ersteres vor allem gegen Ende.
Die größten age gaps zu einer Sexualpartnerin fallen auch hier in die Ära Moore, mit Carole Bouquet und Mary Stävin (Kimberley Jones in Im Angesicht des Todes) mit jeweils 30 Jahren, dicht gefolgt von Fiona Fullerton (Pola Ivanova in Im Angesicht des Todes) mit 29 Jahren. Ich muß gestehen, daß die Szene mit Stävin in Im Angesicht des Todes am ehesten wirklich etwas creepy auf mich wirkt, wenn man bedenkt, daß die Arme hier tagelang in einem kleinen U-Boot mit Bond eingesperrt ist.
Wenn man allerdings annimmt, daß auch Bianca in OCTOPUSSY eine Sexualpartnerin war, was immerhin dezent angedeutet wird ("Wir sehen uns in Miami"), dann kommt man auf einen age gap von 39 Jahren, denn Darstellerin Tina Hudson soll während der Dreharbeiten tatsächlich erst 17 Jahre alt gewesen sein, weshalb sie auch Fahrstunden für ihre Szenen am Steuer eines Autos nehmen mußte. Auch das ist zugegebenermaßen etwas creepy. (Wobei man das aber den Produzenten anlasten sollte, und nicht dem Darsteller.) Und alterstechnisch auch tatsächlich schon in der Granddaughter-Zone. Allerdings kann man stark davon ausgehen, daß sowohl bei Bouquet als Archäologin als auch bei Stävin, Fullerton und Hudson als erfahrene Agentinnen im Außendienst das Alter des gespielten Charakters höher ist.
Der größte gap bei Sean Connery ist Kim Basinger mit 23 Jahren, Angela Scoular bei George Lazenby mit 6 Jahren, Talisa Soto bei Timothy Dalton mit 21 Jahren (man findet allerdings kein Geburtsdatum für Belle Avery aus THE LIVING DAYLIGHTS). Bei Pierce Brosnan ist es Rosamunde Pike mit ganzen 26 Jahren, und bei Daniel Craig Tonia Sotiropoulou mit 19 Jahren. Sexualpartnerinnen, die rund 20 Jahre jünger waren, oder auch mehr, waren also auch für fast alle anderen Bonddarsteller selbstverständlich. Und keiner Kritik wert.
Durchschnittlich für alle Darsteller sieht der statistische Vergleich so aus:
Der durchschnittliche Altersunterschied zwischen Bond und den weiblichen Hauptrollen im gesamten Franchise ist 11,7 Jahre, der für alle Sexualpartnerinnen 11,9 Jahre. Macht insgesamt also 11,8 Jahre. Dieser Durchschnittswert ist in der Grafik durch einen Strich markiert. Sean Connery blieb knapp unter dem Durchschnitt, George Lazenby weit darunter, während sowohl Roger Moore als auch Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig darüber liegen. Mit dem vermuteten Ansatz von amazon, einen deutlich jüngeren Schauspieler für die Rolle zu casten, stehen die Chancen gut, daß dieser wieder unter dem Durchschnitt ist.
Richtig interessant wird es aber, wenn man nicht nur die Bondfilme und -Darsteller untereinander vergleicht, sondern auch andere Filme heranzieht. Denn dann relativieren sich sogar die recht deutlichen age gaps der Ära Roger Moores. Für die folgende Grafik habe ich einige Beispiele herausgesucht, sowohl jüngere als auch ältere Filme, und möglichst auch die, bei denen der Altersunterschied nicht als etwas ungewöhnliches thematisiert wird:
Eine sehr aufschlußreiche Internetseite zu diesem Thema ist Hollywood Age Gap. Die Altersunterschiede der Moore-Ära fallen hier kaum als besonders außergewöhnlich auf. Die etwas seltsame Ironie der Filmgeschichte ist sogar, daß Sean Connery selbst die fragwürdigsten Kapriolen Roger Moores später noch weit übertraf, und das sogar dreimal! Einmal mit ENTRAPMENT (Verlockende Falle, 1999), wo Catherine Zeta-Jones stattliche 39 Jahre jünger ist, dann mit FIRST KNIGHT 1995, wo Julia Ormond 35 Jahre jünger ist (wobei man hier entschuldigend den historischen Kontext sehen kann), und schließlich auch INDIANA JONES AND THE LAST CRUSADE (Indiana Jones und der letzte Kreuzzug, 1989), in dem Sex zwischen dem fast 60-jährigen Connery und der 23-jährigen Alison Doody angedeutet wird.
Letzteres hat noch eine zusätzliche Ironie dadurch, daß Alison Doody auch als Neunzehnjährige in A VIEW TO A KILL mitspielte, hier aber immerhin keine Sexszene mit Roger Moore hat. Sicherlich ist die Szene in INDIANA JONES als Gag angelegt, der gerade durch den Altersunterschied unerwartet und witzig wirkt, aber man kann sich trotzdem fragen, wieso angedeuteter Sex zwischen einem 59-Jährigen und einer 23-Jährigen einmal mit einem Lacher quittiert wird, wenn es sich um Sean Connery handelt, bei einem 58-Jährigen und einer 28-Jährigen aber als creepy und unpassend empfunden wird (obwohl er genauso augenzwinkernd präsentiert wird), wenn es Roger Moore ist?
Oder warum stört niemanden Sex zwischen einem fast 50-jährigen Pierce Brosnan und einer 23-jährigen Rosamund Pike, während derselbe Altersunterschied bei Roger Moore als grenzwertig empfunden wird? Ein ähnliches Paradoxon gibt es bei James Stewart und Cary Grant. Die Altersunterschiede in REAR WINDOW (Das Fenster zum Hof, 1954) von 21 Jahren und in VERTIGO (1958) von 25 Jahren werden mittlerweile oft kritisiert und als störend für die Romanze empfunden. Cary Grant hatte in seinen Filmen Altersunterschiede von 20 Jahren (NORTH BY NORTHWEST), 25 Jahren (CHARADE und TO CATCH A THIEF) und sogar 30 Jahren (HOUSEBOAT) - also dieselbe Zahl wie FOR YOUR EYES ONLY - und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine Kritik daran gelesen zu haben. Cary Grant gilt in NORTH BY NORTHWEST (Der unsichtbare Dritte, 1959) sogar als Prototyp von Bond in einem Alter von 55, während Roger Moore im selben Alter, das er zwischen FOR YOUR EYES ONLY und OCTOPUSSY hatte, von vielen als zu alt für die Rolle empfunden wurde.
Bei Roger Moore wird in dem Zusammenhang oft erwähnt, daß er zu alt aussah. Es geht also gar nicht um den reinen Altersunterschied, sondern um das Aussehen, und damit um den Menschen. Ein Altersunterschied ist also nur dann problematisch, oder sogar creepy und patriarchalisch, wenn der Mann nicht als sexy empfunden wird. Der vermeintliche Anti-Patriarchalismus ist letztlich also auch nur eine Form von Body-Shaming.






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