Mittwoch, 2. September 2026

Wo Bond auf Ashenden trifft


Thrilling Spy City Genf

Das schweizerische Genf ist neben Berlin oder Wien einer der weltweiten Spionage-Hotspots, mit einer über hundertjährigen ungebrochenen Geschichte.

1911 siedelte Joseph Conrad hier seinen politischen Roman Mit den Augen des Westens an. Im Ersten Weltkrieg wurde der britische Autor William Somerset Maugham vom MI6 als Agent nach Genf beordert und setzte seine Erfahrungen später in der Geschichtensammlung Ashenden, oder Der britische Geheimagent um. 1920 wurde Genf zum Sitz des Völkerbundes, was für Nachrichtendienste aller Welt zusätzlich anzog. Im Hotel Intercontinental nahe der UNO trafen sich in den 80ern Reagan und Gorbatschow. Nach dem Mauerfall siedelte John Le Carré seinen Night Manager hier an, und im neuen Jahrtausend Stella Rimington, ehemalige MI5-Chefin und Vorbild für M. in GOLDENEYE, ihren Roman The Geneva Trap. Edward Snowden war in Genf stationiert und verglich die Entwicklung von Spionagesoftware hier später mit Frankensteins Monster, das 1818 ebenfalls mit Blick auf den Lac Léman entstanden war.

Umso mehr verwundert es, dass Genf bisher nie ein Schauplatz eines James-Bond-Filmes wurde. Aber James Bond war trotzdem hier. Sein Schöpfer Ian Fleming, der in Genf Psychologie studiert hatte, ließ Bond 1959 im Roman Goldfinger hier vorbeischauen. 


Aber obwohl Fleming in Genf ein paar Semester studiert hatte, zählte es nicht gerade zu seinen Lieblingsmetropolen. Über dreißig Jahre später kehrte er noch einmal hierher zurück, für seine Artikelserie Thrilling Cities, die später in Buchform erschien. Fleming, der sich auf seiner Städtetour intensiv dem Nachtleben widmete und größtenteils eher einen Bordellführer verfasste, fand die Stadt langweilig und beschrieb sie als "bieder, winzig und gottesfürchtig". Er reiste schnell wieder ab, um sich mit Noël Coward und Charlie Chaplin zu treffen. Ich denke, er würde sein Urteil bei einem heutigen Besuch revidieren. Zumindest winzig ist Genf nicht mehr.

Hotel d'Angleterre Genf
Hotel d'Angleterre Genf
Mit William Somerset Maugham, mit dem er befreundet war und gemeinsam die Premiere von DR. NO besuchte, verband Fleming einiges. Beide hatten selbst als Spione für England gearbeitet - Somerset Maugham im Ersten, Fleming im Zweiten Weltkrieg - und verarbeiteten ihre Erfahrungen später in Büchern, wobei ihre Helden unschwer als ihr Alter Ego wiederzuerkennen sind. Bei Somerset Maugham heißt der MI6-Chef "R.", bei Fleming "M.". In der Realität wurde er über Jahrzehnte hinweg "C." genannt, und selbst dieser Buchstabe wurde mit Androhung von Strafe geheim gehalten - was aus heutiger Sicht, wo der MI6 als Touristenattraktion samt eigener Website an der Themse residiert - schon etwas lächerlich und paranoid wirkt. Und sowohl Somerset Maugham als auch Fleming lebten zeitweise in Genf, und wenn auch nicht zeitlich, dann doch geographisch sehr nah beieinander.

William Somerset Maugham war höchstwahrscheinlich im Grand Hôtel d'Angleterre stationiert, wobei einige Historiker auch vom Beau-Rivage ausgehen - das Hotel übrigens, in dem 1987 der deutsche Politiker Uwe Barschel von Geheimdienstlern ermordet wurde. Von hier aus leitete er eine Gruppe von Agenten an und nahm selbst an Operationen teil, deren Zweck und Erfolg ihm aber selten mitgeteilt wurde. Im Gegensatz zu den Bondromanen, wo das "stumpfe Werkzeug der Regierung" 007 regelmäßig komplett über Sinn und Zweck seiner Aufträge aufgeklärt wird, entsprach die 'Need to Know'-Praxis wohl eher der Realität des Agentenbusiness.




Nur ein paar Meter weiter checkte über 40 Jahre später James Bond ein, im Hôtel des Bergues. Auch dieses Hotel existiert heute noch, unter dem jetzigen Namen Four Seasons Hotel des Bergues Geneva. Im Roman verfolgt Bond Auric Goldfinger über einen Sender an dessen Rolls Royce quer durch Frankreich bis nach Genf. Goldfinger hat seinen Firmensitz im Örtchen Coppet, das etwas entfernt von Genf am Nordufer des Sees liegt. (Mehr zu Coppet hier.) Im Film spielt das Ganze rund 250 Kilometer weiter östlich am Furkapass und in Stans. Die Entscheidung der Filmemacher für eine Gegend, die mehr dem populären Bild der Schweiz von hohen Bergen entspricht, führte dazu, daß GOLDFINGER der bis heute einzige "Landratten"-Bondfilm ist, von einer kurzen Wasserszene ganz am Anfang abgesehen.

Hotel des Bergues Genf

Die Genfer Episode markiert im Roman die "Ruhe vor dem Sturm" kurz vor Ende des zweiten Akts. Bond hat gerade Tilly Soames kennengelernt, die sich später als Schwester der vergoldeten Jill Masterton entpuppt. Er besucht den Genfer Ableger von "Universal Exports" am Quai Wilson, checkt im Hotel ein und fährt dann über die Pont du Mont Blanc, um ihm Bavaria zu essen. Das Bavaria, eine elsässische Brasserie, war zu Zeiten des Völkerbundes Treffpunkt der Mächtigen. Heute existiert an dieser Stelle das Restaurant F.P. Journe. Bond trinkt hier Enzian und Löwenbräu, welches er später auch in On Her Majesty's Secret Service zusammen mit Marc Ange Draco in München intensiv konsumiert. Als Dinner wählt er Greyerzer, einen Schweizer Hartkäse, Pumpernickel und Kaffee, abgerundet mit einer Karaffe Fendant (im Roman falsch als Fondant geschrieben), ein trockener Weißwein, den es ausschließlich im Kanton Wallis gibt. 

Geneva, Pont du Mont Blanc
Die Pont du Mont Blanc vom Riesenrad aus gesehen

Während des Dinners reflektiert er über Goldfinger, dessen Schmuggelunternehmen und Verbindungen zu SMERSH, und über Tilly. Lustig ist die Bemerkung im Buch, daß der Enzian für den weit verbreiteten Schweizer Alkoholismus verantwortlich sei. Lustig vor allem von einem Hardcore-Alkoholiker wie Fleming, der seinen Helden nach mehreren Bier und Schnäpsen sowie einer Karaffe Weißwein ohne jegliche Skrupel in seinen Aston Martin DB III steigen und zurück nach Coppet fahren läßt. 

Restaurant F.P. Journe, Genf

Stutzig machte mich auch, daß Bond vom Restaurant aus direkt auf den See blicken kann. Das heutige Restaurant F.P. Journe liegt an der Rue du Rhône, auf der anderen Seite des Gebäudes am Quai du Général-Guisan ist ein Geschäft untergebracht. Vermutlich war das Bavaria früher über das gesamte Gebäude erstreckt. Aber selbst dann liegt der Jardin Anglais zwischen Gebäude und See. Eine obere Etage scheint das Restaurant nicht gehabt zu haben. War der Abschnitt in den 50ern also wesentlich weniger bewachsen oder nahm Fleming sich hier einfach eine literarische Freiheit? 

Die Brasserie Bavaria in früheren Zeiten


Zwei Kapitel aus Ashenden wurden von Alfred Hitchcock
unter dem Titel "Secret Agent" verfilmt
Bei allen Gemeinsamkeiten zwischen William Somerset Maugham und Ian Fleming könnte die literarische Verwertung ihrer Agententätigkeit unterschiedlicher kaum ausfallen. Somerset Maugham schildert die Agententätigkeit sehr realitätsnah und profan. Sein Spion ist kein Held, sondern nur ein kleines Rädchen in einer Maschinerie, und es ist fraglich, ob selbst die Maschinerie als Ganzes wirklich effektiv ist. Bei ihm wird schon mal aus Versehen ein Zivilist ermordet, der mit einem feindlichen Agenten verwechselt wird - etwas, das bei Bond unvorstellbar ist. Obwohl sein Blick auf das Spionagegeschäft eher ernüchtert ist, beschreibt er die Menschen mit dem Charme und der Liebe des Schriftstellers, und übernimmt nicht das Feinddenken der Kriegszeit. Die kleinen zwischenmenschlichen Dramen interessieren ihn wesentlich mehr als vermeintlich clever ausgedachte Spionageplots.

Ganz anders Fleming. Wo Somerset Maugham Geheimdienste und ihr Wirken eher aus einer intellektuell-distanzierten und menschlichen Perspektive betrachtet, überhöht und glorifiziert sie Fleming mit fast völligem Verzicht auf Ironie, und verleiht ihrer Tätigkeit einen Hauch von Glamour und Abenteuer, den sie in der Realität nie hatte. Und für Fleming waren die Kriege eigentlich auch nie wirklich zu Ende, er setzt sie in seinen Büchern nur mit anderen Mitteln fort. Und doch bewunderte Fleming Somerset Maugham. Mit der Kurzgeschichte Quantum of Solace (deutsche Erstübersetzung: Ein Minimum an Trost) schuf er eine kleine Hommage an ihn, die er 1959 im selben Jahr wie den Roman Goldfinger veröffentlichte. Der Aufbau der Geschichte stark an das Kapitel His Excellency in Ashenden.

Die Schauplätze des geschichtsträchtigen Spionage-Hotspots Genf sind größtenteils alle noch erhalten und zugänglich. Und anders als im rising shithole Berlin etwa spielt es als solcher immer noch eine große Rolle. Da sich die Drehbuchautoren von Bondfilmen immer etwas in den Romanen nach noch verwertbaren Aspekten umsahen, stehen die Chancen vielleicht nicht schlecht, Genf noch einmal in einem Bondfilm zu sehen.

Hier noch historische Aufnahmen von Genf aus den 1950ern mit einigen Goldfinger-Schauplätzen:



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