Vor 45 Jahren wurde für den literarischen Bond eine neue Ära eingeläutet
1981 markierte einen Neubeginn für James Bond 007 in dem Medium, in dem er geboren wurde: Den Romanen. Bis dahin gab es die originalen Bücher und Kurzgeschichtensammlungen von Ian Fleming, einen recht gelungenen Nachfolgeroman von Kingsley Amis und, noch relativ frisch dazugekommen, zwei Novelisierungen von Bondfilmen aus der Feder von Christopher Wood.Als Fleming-Nachfolger ausgewählt wurde der britische Thriller-Autor John Edmund Gardner, der einen ähnlichen Ansatz verfolgte wie die Bondfilme bis dato: Bond wird einfach in die jeweilige Gegenwart versetzt und seine früheren Abenteuer in rückwirkender Kontinuität angepasst. Und so konfrontierte John Gardner seinen James Bond mit typischen 80er-Jahre-Themen wie Cyberterrorismus oder Anti-Atomkraftbewegung, während er klassische Fleming-Elemente beibehielt oder variierte. Obwohl sich Gardner einiger Kritik ausgesetzt sah, boten die Romane für jugendliche Bondfans eine dankbare Ergänzung zu den Filmen - so auch für mich.
Meine erste Begegnung mit den Büchern von John Gardner waren die Jubiläums-Editionen aus dem Scherz Verlag von 1992 mit ihren weißen Covern und Motiven von Plakaten der Filme, die ich in der lokalen Bibliothek entdeckte. Gardners erster Roman, Licence Renewed von 1981, erschien auf deutsch erstmalig 1983 unter dem erstaunlich gelungenem deutschen Titel Countdown für die Ewigkeit. Ein Titel, den ich sogar besser finde als viele der neueren offiziellen Filmtitel. Auf dem Cover der Ausgabe unter dem Label 'Scherz Action-Klassiker' prangte ein Motiv aus dem Poster für OCTOPUSSY des im letzten Jahr verstorbenen Renato Casaro. Hatte natürlich absolut nichts mit der Handlung des Buches zu tun, lockte potentielle Leser aber mit der Popularität der Filme.
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| Cover der Neu-Übersetzung bei Cross Cult |
Kritisiert wurde allgemein oft, daß Gardners Bücher nicht den glamorösen Stil Ian Flemings haben. Die Wahl seines Dienstwagens für Bond etwa war ein Saab 900 Turbo. Verglichen mit den extravaganten britischen Luxus-Sportwagen, die Bond sonst so fuhr, wirkte dieser schwedische Mittelklassewagen doch eher funktional und profan. Aber es passte zu Gardners Ansatz, Bond weniger als luxus-affinen Playboy-Spion und mehr als taktisch und pragmatisch denkenden Spezialagenten zu präsentieren. Mit Blick auf den 7er BMW etwa, den Bond später in TOMORROW NEVER DIES fuhr, wirkt der Saab dann auch nicht mehr so untypisch.
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| Saab 900 Turbo |
Auch Gardners Ansatz, Ian Flemings Bond, der Mitte der 1960er in den Schlaf gelegt wurde, einfach in den 1980ern aufzuwecken, brachte ihm Kritik ein. Flemings Bond wurde um 1920 herum geboren, damit wäre er bei Gardner in seinen 60ern. Ein rüstiger Rentner vielleicht, aber definitiv ein Rentner. Gegen Ende von Gardners Reihe wäre er sogar jenseits der 70. Allerdings verstand Gardner seinen Bond zwar schon als identisch mit dem von Ian Fleming, aber in seiner Chronologie liegen Bonds früheren Abenteuer eben nicht 20 Jahre zurück, sondern fanden unmittelbar davor statt - verschieben sich also einfach zehn bis fünfzehn Jahre in Richtung Gegenwart. Retroaktive Kontinuität (RetCon) heißt das Schlagwort, das auch die Filme bis 2002 regelmäßig nutzten. Und da auch der Filmbond Anfang der 1980er ein gereifter Mann Mitte 50 war, passte das auch ganz gut.
Bei aller Kritik muß man auch anerkennen, daß John Gardner immer wieder Handlungselemente vorwegnahm, die man später in den "offiziellen" Filmen sah. Hier etwa eine Sequenz auf der Pferderennbahn in Ascot, bei der Bond dem Bösewicht zum ersten Mal begegnet, was im 1985er A VIEW TO A KILL sehr ähnlich stattfindet. Der Schlußkampf mit einem Handlanger in einem Cargoflugzeug läßt an THE LIVING DAYLIGHTS (1987) denken. Auch daß sich Bond dem Schurken als freischaffender "Problembeseitiger" anbietet, gab es dann später auch in LICENCE TO KILL. Und schließlich erinnert die Kombination des Schauplatzes Schottland samt Castle mit dem Plan, eine Kernschmelze herbeizuführen, an den 1999er THE WORLD IS NOT ENOUGH. Ob diese Vorwegnahmen Absicht oder Zufall sind, ist unter Fans immer wieder Gegenstand von Spekulationen. Aber so oder so zeigen sie, daß Gardner auch sehr gute und filmtaugliche Ideen hatte.
Ebenfalls unter Fans diskutiert wird gern, ob John Gardners Romane hätten verfilmt werden sollen. Meine eindeutige Antwort: Jein! Manche seiner Bücher sind sehr filmisch und clever, allen voran sein dritter Streich Icebreaker von 1983. Insgesamt finde ich sie von der Qualität aber sehr durchwachsen, und mittlerweile sind sie auch schon so veraltet, daß eine Anpassung an die Gegenwart gleich aufwändig wäre wie komplett neue Geschichten. Wer auf der Suche nach Bondabenteuern jenseits der Filme ist und ein 80er-Jahre-Setting mag, für den sind die Bücher immer noch empfehlenswert.



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