Samstag, 23. Mai 2026

Lokomotiven

Wer kennt es nicht: Man wartet nachts mit dem Auto an einem Bahnübergang und der Güterzug, der vorüber rattert, scheint zwanzig Kilometer lang zu sein. Letztens, als ich so einem Zug begegnet bin, kam mir der Gedanke, daß eine sehr lange laufende Filmreihe wie James Bond 007 mit so einem Güterzug vergleichbar ist. Es gibt eine Lok am Anfang des Zuges, bei langen auch eine am Ende, und bei überlangen Zügen gibt es auch Loks in der Mitte. Auch in der Bondreihe gibt es immer wieder mal Filme, die nicht nur passiv mitfahren, sondern selbst eine Lokomotive darstellen, den gesamten Zug in Bewegung halten und eigene Waggons ziehen. 

Was sind die Lokomotiven im Bondzug?


Gezogen wird der Zug von mehreren Loks. Die ersten drei Bondfilme würde ich ohne weiteres als Lokomotiven bezeichnen. DR. NO als erster Film natürlich ohne Frage, auch FROM RUSSIA WITH LOVE als Mutter aller Bondthriller und natürlich GOLDFINGER, der noch einmal zahlreiche bondtypische Elemente einführte. Bei THUNDERBALL bin ich mir schon nicht mehr so sicher. Und ich meine die Lokomotiven-Metapher hier noch nicht einmal so sehr in Bezug auf die Einspielergebnisse. Obwohl der vierte Bondfilm die Kassen klingeln ließ wie sehr wenige Filme danach, war er in Bezug auf die Formel wesentlich weniger wegweisend und innovativ als seine Vorgänger. Die Neuerungen sind wie beim fünften Film, YOU ONLY LIVE TWICE, eher thematischer Natur, hier Unterwasser, dort Weltraum. 

Beim Lazenby-Solo ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE kann man sich ebenfalls streiten. Man kann ihn vielleicht als defekte Lok sehen, deren Antrieb versagte, und die durch das reine Gewicht den Zug eher bremste.

Connerys Rückkehr DIAMONDS ARE FOREVER kann man als kleinere Lok sehen, die die nächsten zwei Wagen anschob. In Bezug auf die Formel schuf er nichts Neues, neu war nur die komplette Selbstironisierung, die dann Roger Moore den Weg ebnete. 

Die nächsten beiden, auch wieder vom GOLDFINGER-Regisseur Guy Hamilton inszenierten Franchise-Beiträge - LIVE & LET DIE und THE MAN WITH THE GOLDEN GUN - sind dagegen wieder eher Waggons, die die von DIAMONDS etablierten Ironisierung konsequent fortführten. Und mit GOLDEN GUN wäre der Zug wahrscheinlich auch ausgerollt, wäre ihm nicht die meiner Meinung nach die zweitstärkste Lok des gesamten Zuges nachgefolgt.

Ich würde soweit gehen zu behaupten, daß THE SPY WHO LOVED ME als Zugmaschine für alle nachfolgenden Filme bis LICENCE TO KILL fungierte. Zumindest für alle weiteren Roger-Moore-Abenteuer. Er erfand die Formel zwar nicht gerade neu, aber besitzt eine enorme, überdurchschnittliche handwerkliche Grandezza. Der Film etablierte neue Figuren wie den britischen Verteidigungsminister und den KGB-Chef Gogol, ebenso wie neue kreative Elemente, wie beispielsweise einen bahnbrechenden Stunt und ein großes Action-Feuerwerk in der Vortitelsequenz. Selbst die Gunbarrelszene wurde für die restlichen Moore-Filme übernommen. MOONRAKER machte zwar noch mehr Kasse, übernahm das Muster von SPY aber fast remake-artig. Der production value von SPY wurde in den 80ern allerdings nicht mehr erreicht - was auch am eingefrorenen Budget seitens MGM lag.

So sehr ich das Debüt von Timothy Dalton - THE LIVING DAYLIGHTS - liebe, hatte er doch bei weitem nicht die Triebkraft, die er als Darsteller-Debüt und beabsichtigte Rückkehr zu den Anfängen der Reihe haben sollte. Dem Nachfolger konnte er keine kinetische Energie mitgeben, zumal dieser - um das Bild noch weiter zu strapazieren - eine drastische Richtungsänderung erzwingen wollte. Damit kam der Zug dem Stillstand wohl näher als je zuvor.

GOLDENEYE ist dann einer der Bondfilme, denen man trotz aller Kritik von Seiten vieler älterer Fans eine enorme Zugkraft zugestehen muß, denn er brachte den Bondtross fast aus dem Stand wieder in volle Fahrt, und gewann wieder zahlreiche neue Passagiere. Die drei nachfolgenden Filme folgten dann - zumindest meiner bescheidenen Meinung nach - der von GOLDENEYE vorgegeben Spur zu reibungs- und kraftlos. Ich denke, man merkt die kreativen "Anführerqualitäten" der entsprechenden Bondfilme daran, daß sie kreative Elemente und Muster etablieren, die nachfolgende Filme übernehmen. Im Fall von GOLDENEYE ist es beispielsweise das Muster, wie die Teaser-Trailer aufgebaut sind. Drei aufeinanderfolgende Sätze, grafisch aufbereitet, genauso fingen auch die Teaser-Trailer von TOMORROW NEVER DIES und THE WORLD IS NOT ENOUGH an - hatten aber bei weitem nicht die Überzeugungskraft des genialen GOLDENEYE-Trailers. 

Die Ära Daniel Craigs folgt dem Muster der Vorgänger-Ära. Eine enorm starke Lokomotive am Anfang, jeweils mit Martin Campbell am Steuer, die die Nachfolger im Schlepptau hat. War der "Billion-Dollar-Bond" SKYFALL auch eine Lok? Sicherlich, wenn auch mit geringerer Leistung, denn immerhin hat er mit den rebooteten Moneypenny- und Q-Versionen zwei neue Figuren eingeführt und auch dem Nachfolger Schub gegeben. Aber dann folgte ganz am Ende des EON-Zuges noch eine Lokomotive - allerdings eine, die mit voller Kraft in die entgegengesetzte Richtung zog.

Die nächsten zwei Jahre werden wohl zeigen, ob Amazon in der Lage ist, ein ausreichend starkes Triebfahrzeug zu konstruieren, das nicht nur einen eigenen Zug in Gang setzen kann, sondern auch den bremsenden Ballast von EON aus dem Weg räumt. Oder ob der Zug erstmal abgefahren ist. 

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