Freitag, 22. Mai 2020

You Know My (Code-)Name

Ausweise in einer Ausstellung bei 'Bond in Motion' in London 
Von bestimmten Filmseiten wird immer wieder mal die Theorie ins Spiel gebracht, dass der Name 'James Bond' ähnlich wie die Dienstnummer 007 nur ein Code sei, der verschiedenen Agenten verliehen wurde. Damit könnte man vermeintlich eine Kontinuität in die über 50 Jahre alte Filmreihe bringen. Gegenargumente werden kunstvoll in erweiterte Theorien eingearbeitet, nach denen die Bond-Agenten selbst gar nicht wissen, dass sie nur ein Bond von vielen sind.

Obwohl auch die Produktionsfirma EON dieses Konzept nicht zu verfolgen scheint, geben die neueren Filme aber kurioserweise immer wieder Signale in diese Richtung - ob gewollt oder ungewollt. Vor allem die Ära Craig ist in gewisser Weise ein Zeitalter der großen Austauschbarkeit.




SKYFALL hat für viele Fans eigentlich ein für alle mal bewiesen, dass jeder Bonddarsteller der eine und einzig wahre James Bond ist, obwohl das für Kontinuitätsfanatiker sicher ein steter Dorn im Fleisch ist: Bond (Daniel Craig) fährt mit M zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist, und wo das Grab seiner Eltern ist: Andrew und Monique Bond.

Aber auch das kann man in eine Meta-Theorie mit einbeziehen, wie auf dieser Seite zu lesen ist. Jeder neue Agent wird einfach in der Skyfall Lodge gehirngewaschen, damit er nicht nur glaubt, James Bond zu sein, sondern auch, seine Kindheit dort verbracht zu haben. Und Raoul Silva alias Tiago Rodriguez ist eigentlich auch James Bond, und deshalb will er den Ort auch niederbrennen.

Das klingt so verrückt, dass es schon wieder etwas faszinierendes hat. Man könnte daraus einen Thriller à la THE GAME machen, in dem vielleicht sogar das Anwesen und der Grabstein letztlich nur Fake sind. Aber die Frage stellt sich, warum Silva nicht (Craig-)Bond damit konfrontiert. Immerhin wäre das die ultimative Verunsicherung. Und wer war der echte Bond? Der von Connery oder - wie in CASINO ROYALE von 1967 - der literarische Bond? Vor allem: Warum dieser Aufwand, seit über 50 Jahren immer wieder Agenten zu "James Bond" machen, wenn der Name und das Image mittlerweile eh längst bekannt und damit verbrannt ist? Jede langjährig existierende Schurkenorganisation würde den Bluff platzen lassen.

Auch innerhalb der Filme spricht einiges dagegen. Immerhin heißt Bond in CASINO ROYALE (2006) auch schon Bond, bevor er zu 007 wurde. Und George Lazenby spielte auf "den Anderen" an - hat bei ihm die Hirnwäsche nicht funktioniert? Haben die Amerikaner dann ein ebenso lange laufendes "Felix-Leiter-Programm"?

Lee Tamahori, der Regisseur von DIE ANOTHER DAY, vertrat auch diese Codename-Theorie und spielte mit dem Gedanken, frühere Bonddarsteller als Gag kurz auftreten zu lassen. Eon Productions verwarf diese Idee, so dass man davon ausgehen kann, dass sie diese Theorie offiziell ablehnen. Dann muss man sich allerdings auch fragen, warum man sie dann nicht wirklich konsequent ablehnt.

In CASINO ROYALE werden beispielsweise Bonds Anfänge als Doppelnull-Agent gezeigt, trotzdem hat er mit Judi Dench dieselbe M wie Vorgänger Pierce Brosnan. Es gibt ein paar sehr versteckte Hinweise darauf, dass sie nicht dieselbe Person spielt, trotzdem ist das Wasser auf die Mühlen der Codename-Theoretiker. Auch bei allen anderen Figuren rund um James Bond hat man sich so weit von den literarischen Ursprüngen entfernt, dass sich der Gedanke an Codenames fast aufdrängt. Q ist kein Major mehr, der älter als Bond ist, könnte also ohne weiteres nur noch Träger der Bezeichnung Q sein, die vorher Desmond Llewellyn hatte. Moneypenny heißt nicht mehr Jane, sondern Eve, und könnte damit die Tochter oder eine Verwandte von Lois Maxwells Figur sein. In QUANTUM OF SOLACE kommt am Ende heraus, dass auch René Mathis eigentlich nur „René Mathis“ ist. Alles nur Codes und Schall und Rauch.

Und nicht zuletzt hat der Blofeld in SPECTRE nichts mehr mit dem Charakter aus den Büchern und den ersten Filmen gemein, der polnisch-griechische Wurzeln hatte, keine österreichischen. Er heißt eigentlich noch nicht einmal so, sondern gibt sich selbst einfach die Bezeichnung "Ernst Stavro Blofeld", wie einen Codenamen. Vielleicht gab es in seiner mütterlichen Abstammungslinie in den 60ern ja den echten Ernst Stavro Blofeld. Im Film-Universum von Daniel Craig gibt es letztlich keine unaustauschbaren Originale mehr, nur noch Namen, die so willkürlich wie Etiketten vergeben werden. Kann man es da wirklich verübeln, dass auch James Bond selbst nur noch so gesehen wird?


Keine Kommentare:

Kommentar posten