Donnerstag, 6. Februar 2020

Quotenkrieger


                                                       "The truth is now what I say!
                                                 I've taken care of yesterday!"
                                                                                                                                  (Surrender, k.d. lang)
 


Bond-Marathon #19: TOMORROW NEVER DIES (1997)


Carver ChampaignFake News, die nicht nur den Kurs von Schiffen, sondern auch den von ganzen Ländern beeinflussen; Regierungen, die durch veröffentlichte Videos zu Fall gebracht werden; China als Supermacht in einem neuen kalten Krieg, der eigentlich von Handelsinteressen gesteuert wird; Handy-Apps, die Autos steuern,  ... TOMORROW NEVER DIES (Der Morgen stirbt nie, 1997) unter der Regie von Roger Spottiswoode (UNDER FIRE, AIR AMERICA) hatte den Stoff, aus dem die Zukunft ist. Von falschen oder unterschlagenen Meldungen ausgelöste Krisen und versuchte Manipulationen über Massenmedien gehören mittlerweile zum Alltag.

Dabei spiegelt die Grundidee im zweiten Brosnan-Bondfilm, bei der eine Weltkrise wegen Quoten und Lizenzen ausgelöst wird, auch die Krise in Bonds Welt Anfang der 1990er wider. Der Medienmogul Kirk Kerkorian, der das Studio MGM wie einen Poker-Einsatz benutzte, brachte durch einen erneuten Verkauf die Rechte am Bond-Franchise in Gefahr, das wie Wai Lin im Finale an das Studio gekettet war. Bond rettete nicht nur auf der Leinwand wieder einmal die Welt, sondern durch seinen Erfolg auch das Studio. Doch die Produktionsumstände forderten einige Tribute.





TOMORROW NEVER DIES kulinarisch

Smirnoff-Werbung für
Tomorrow Never Dies
Auf der Party von Elliott Carver (Jonathan Pryce) trifft James Bond auf seine frühere Freundin Paris (Teri Hatcher), die nun mit Carver verheiratet ist. Auch hier wird die Getränkewahl zur Charakterisierung genutzt. Bond ordert einen Wodka Martini und für Paris Tequila, ihr früherer Lieblingsdrink, doch sie trinkt mittlerweile lieber ein Glas von Carvers Champagner.

Als Bond später nach der Sabotage der Party in seinem Hotelzimmer darauf wartet, wen Carver zu ihm schicken wird, vertreibt er sich die Zeit mit einer Flasche Smirnoff Red No. 21. Zu sehen ist ein spezielles Set aus Wodkagläsern und einer Kaviarschale.




Im Vorfeld: Auf welche Elemente freue ich mich? Auf welche nicht? 

Beim ersten Kinobesuch 1997 empfand ich TOMORROW NEVER DIES als deutliche Verbesserung gegenüber GOLDENEYE. Pierce Brosnan wirkte viel entspannter, die Action war knalliger und spektakulärer und vor allem die Musik war vergleichsweise phantastisch. Auch heute noch sehe ich den Film etwas positiver als der Großteil der Fans und Kritiker. Ich mag die Vortitelsequenz, den Score von David Arnold, die Motorradjagd und manchmal sogar den kühlen Techno-Look des Films.

Aber natürlich gibt es sehr viel zu kritisieren. Vom nicht ausgeschöpften Thema des Films, teilweise uninspiriert wirkenden schauspielerischen Leistungen, unbondig wirkenden Settings bis hin zur Endlos-Ballerei im Finale.


Bewertungen:

Einführungssequenz / Vortitelsequenz14/15

"Was macht dieser Verrückte da?" - "Seinen Job!" Die Idee eines Marktes für Terroristen stammt noch aus einem Entwurf für Der Hauch des Todes, weil über Derartiges in Afghanistan tatsächlich in verschiedenen Magazinen seinerzeit berichtet wurde.

Der Schlagabtausch zwischen M und dem Militär-Quadratschädel Admiral Roebuck ist nicht nur witzig, sondern auch ein kleiner Insidergag. Judi Dench und Geoffrey Palmer spielten in der BBC-Serie As Time Goes Bye ein Paar, das sich viele Jahre nach ihrer Affäre wiedertrifft - was der Situation zwischen Bond und Paris im Film entspricht.

Die Actionszenen sind grandios, viel besser wird es im restlichen Film nicht mehr.

Titelanimation14/15
Daniel Kleinman returns. Eine faszinierend detailreiche und filigrane Arbeit mit vielen tollen Einfällen.



Allow me to intruduce myself...

Einführungsszene von Bond: 14/15
Der erste Auftritt von Bond in dem Film zeigt gut, dass man auch einen etablierten Darsteller effektvoll einführen kann. Man sieht zuerst nur Bonds Perspektive der Kamera und vernimmt nur indirekt seine Reaktionen als 'White Knight' durch den stellvertretenden Stabschef Robinson (Colin Salmon). Er ist somit sehr präsent, obwohl man ihn weder sieht noch hört. Seine erste Szene hat er dann, als er  einem der Terroristen Feuer gibt und ihn dann mit den Worten "Rauchen ist ungesund" k.o. schlägt. Das kann man als ironische Anspielung auf den ikonischen Erstauftritt von Sean Connery in DR. NO sehen, der sich dort eine Zigarette anzündet.

Ursprünglich plante man, Bond zuerst beim Erklettern des Schauplatzes über einen Eisfall zu zeigen. So ist es aber effektvoller.

Einführungsszene des Haupt-Bondgirls8/15
Wai Lin (Michelle Yeoh) taucht neben Bond auf der Party von Carver auf und stiehlt Bond die Show.

Einführungsszene des Gegenspielers13/15
Elliott Carver ist zuerst im Profil vor seinen Bildschirmen zu sehen. Seine Tätigkeit und seine Macht werden gut visualisiert.

Einführungsszene des Haupt-Henchman7/15
Stamper (Götz Otto) betritt die Brücke des Stealth-Bootes und leitet den Angriff auf das Kriegsschiff.


Besetzung und Schauspiel

Darstellung von James Bond13/15

Pierce Brosnan wirkt in seinem zweiten Auftritt als Superagent schon deutlich sicherer als in seinem Debüt, und sieht darüber hinaus auch phantastisch aus. Leider gibt ihm das Drehbuch keine herausragenden Szenen.

Gibt es Szenen, in denen Bond weniger sympathisch erscheint?
Im Kontext der Handlung wirkt es charakterlich etwas fragwürdig, wenn Bond unmittelbar nach dem Tod seiner Ex-Freundin als vergnügter "Boy with Toy" erscheint, während der Verfolgungsjagd im Parkhaus. Eins von vielen Dingen, die wohl den chaotischen Dreharbeiten geschuldet sind.

Darstellung des Gegenspielers: 8/15

Autogramme von Jonathan Pryce
und Götz Otto
Mit Jonathan Pryce (BRAZIL) hat man hier eigentlich einen erfahrenen Charakterdarsteller. Aber die Rolle kommt nicht über ein paar plakative Dialogzeilen und Grausamkeiten hinaus, und Pryce schafft es auch nicht ganz, dem Medienmogul eine gewisse Hintergründigkeit und Dreidimensionalität zu verleihen. Schade, denn Carver hatte eigentlich das Potential, ein typischer Megalomane in der Tradition von Stromberg oder Drax in moderner Auslegung zu werden. Immerhin wirkt er glaubwürdig bösartig und durchtrieben.

Neu ist hier, dass der Gegenspieler verheiratet ist und in der Öffentlichkeit steht. Ein interessanter Dreh.

Henchmen: 7/15
Ähnlich wie bei Carver hätte der Charakter mehr Drehbuch-Entwicklung benötigt. Stamper wirkt ein bisschen wie das männliche Pendant zu Xenia Onatopp. Da diese aber als Frau gerade der Clou war, fehlt bei Stamper etwas die Innovation. Auch hier sehr schade, da Darsteller Götz Otto durchaus beeindruckende Ausstrahlung hat.

In der zweiten Reihe agiert Henry Gupta, dargestellt vom Illusionisten Ricky Jay. Der Magier im Bud-Spencer-Look hielt jahrelang den Weltrekord im Kartenwerfen und konnte Spielkarten als Waffen benutzen. Aber entsprechende Szenen fielen dann leider der Schere zum Opfer. Amüsant auch der Auftritt des Charakterkopfes Vincent Schiavelli (GHOST).

Bondgirl: 7/15
Michelle Yeoh erhielt die Rolle vorwiegend wegen ihrer Martial-Arts-Fähigkeiten im Hongkonger Wuxia-Genre. Diese kommen im Film auch beeindruckend zur Geltung. In der Darstellung und der Chemie mit Pierce Brosnan fehlt mir aber das gewisse Etwas.

Helfer: 6/15
In den Filmen mit weiblichen Agenten treten andere Alliierte naturgemäß in den Hintergrund. Joe Don Baker hat noch einmal einen Kurzauftritt als Jack Wade in "Okinawa", der aber keine größeren Akzente setzt.

Überzeugender ist Colin Salmon als MI-6-Mitarbeiter Charles Robinson in der Vortitelsequenz. Er tauchte zwar auch in den beiden nachfolgenden Brosnan-Bonds auf, aber ich hätte ihn gern mehr in Action an der Seite von Bond gesehen.


MI-6

Briefing-Szene: 14/15
Das gesamte Briefing wird hier aus den statischen Büroräumen herausgenommen und in eine durch London rasenden und von Polizeimotorrädern begleiteten Limousine verlegt. Eine der besten Ideen des Films, denn die Sequenz erhält dadurch sowohl Dramatik als auch Abwechslung und sogar etwas Humor. Bond sitzt etwas ungünstig zwischen Bond, Robinson und Moneypenny. 

Ursprünglich war die Sequenz etwas länger und ging detaillierter auf Carvers Vorgeschichte ein. Zudem gab es wieder zünftig hochprozentige Getränke, was durch die schaukelnde Fahrt nicht ohne Komik war. Aber das wurde leider ebenfalls herausgeschnitten.

Moneypenny-Szene: 11/15
Samantha Bond gefällt mir hier wesentlich besser als in GOLDENEYE, nicht nur optisch. Ihre Dialoge und Auftritte wirken auf eine unverkrampfte Art schelmisch. 

Q-Szene: 10/15
An der Alster in Hamburg
Desmond Llewellyn ist wieder als BMW-Präsentator zu sehen, und noch dazu als Avis-Angestellter. Das ist an sich schon witzig, vor allem beim Dialog über die Versicherung, hat aber durch die Product-Placement-Komponente auch einen Beigeschmack. Immerhin verlässt man auch hier die obligatorische Laborszenerie für mehr dynamische Szenen.

Bei dieser Sequenz wurde ebenfalls eine sehr schöne Szene herausgeschnitten, bei der Q fälschlicherweise die falsche Kiste öffnet, in der ein echter Jaguar lauert.



Dramaturgische Struktur

Ist das auslösende Ereignis stark und interessant genug? 12/15

Die Szene kommt unmittelbar nach dem Titel und führt gleichzeitig Carver und Stamper ein. Die Idee mit der Unterwasserfräse ist gut, der Untergang des Schiffes hat Dramatik. Gedreht wurde er ironischerweise in demselben Studio in Mexiko, in dem auch der Untergang der TITANIC entstand - der dem Bondfilm dann enorme Konkurrenz an der Kinokasse machte.

Hält der Film durchgehend eine gewisse Grundspannung aufrecht? 9/15

Finale allgemein: 4/15
Gegen Ende geht dem Film die Puste aus, und der Kampf im Stealth-Boot bietet keine größeren Attraktionen mehr. Frühere Bondfilme punkteten in diesem Abschnitt dann wenigstens durch die Kulissen oder durch Massenkämpfe, die hier aber auch nichts herausreißen.

Gibt es eine Steigerung des Sensationswertes bis hin zum Finale, das alles andere überschattet? 2/15
Einer der Bondfilme, die in diesem Punkt sozusagen auf dem Kopf stehen. So spektakulär und pompös die Eröffnung ist, so öde ist dagegen das Ende.



Endkampf Bond - Henchman: 6/15

Stamper hat die nötige Kraft und Bedrohlichkeit, um Bond am Ende noch einmal das Leben schwer zu machen. Aber irgendwie zündet es nicht so richtig.

Endkampf Bond - Schurke: 9/15
Carver hat immerhin eine effektvolle Sterbeszene durch den Seadrill.

Wirkt die Auflösung nach dem Finale befriedigend? 6/15
Auch in dem Punkt gibt es keine Highlights mehr. Das übliche "Bond und Begleitung werden gesucht, bleiben aber lieber in Deckung". Nur die Musik von David Arnold ist hier noch einmal gelungen, und auch der Gag zwischen M und Moneypenny. Die von M diktierte Meldung, Carver habe Selbstmord begangen, spielt auf den Tod des Medienmoguls Robert Maxwell an, der auf seiner Yacht vor Tenneriffa mutmaßlich durch Suizid starb.

Ist Bonds ermittlerische Vorgehensweise glaubwürdig und zielführend? 10/15
Bond hat wie immer den richtigen Riecher, dass Tomorrow hinter allem steckt. Bei Carver setzt er in gewohnter Weise auf Provokation, sowohl verbal als auch durch Sabotage seiner Feier, die Carver zu einer Reaktion zwingt. Dann bringt er den Navigationscomputer in seinen Besitz, durch den das Wrack geortet werden kann. Solide Arbeit ohne besondere Raffinessen.



Allgemein


Bond-Feeling: 8/15
Entsteht hauptsächlich durch Brosnans souveränes Spiel und die stimmungsvolle Musik von David Arnold. Kulissen, Ausstattung und Drehorte tragen leider nicht viel bei. 

Fleming-Feeling: 7/15
Bonds Fahrt zur Arbeit mit dem Aston Martin durch London hat durchaus Roman-Atmosphäre. Auch sein Auftritt in Navy-Uniform. Seine Kleidung verrät die Vorliebe zu marineblau, die er in den Büchern hatte. Auch das Warten im Hotelzimmer bei einem Glas Wodka hat was.

Nicht zuletzt ist das Thema Journalismus eng mit Fleming verbunden, der selbst in der Branche arbeitete und zudem eine Affäre mit der Frau eines Zeitungsmagnaten hatte. (Mehr dazu hier.)

Dialoge/Humor: 10/15
Nicht ganz so bemüht wie im Vorgänger, und teilweise ganz witzig: "Don't ask." - Don't tell!"

Logik/Schlüssigkeit der Story: 11/15
Prinzipiell ist Carvers Vorgehen plausibel. Immer wieder kommt es zu Krisen durch militärische Schiffe und Flugzeuge, die Territorialgrenzen überschreiten, vor allem im Südchinesischen Meer. Eine Manipulation von GPS-Daten erscheint hierfür naheliegend. Die volle Funktionsbereitschaft des GPS-Satellitennetzwerkes war erst 1995 erreicht worden. 

Nicht ganz so schlüssig ist Carvers Motivation. Er will zwar "nur" einen Krieg zwischen Großbritannien und China auslösen, aber der könnte sich sehr leicht zu einem Weltkrieg, und damit zu einem Atomkrieg, ausweiten. Diese Gefahr letztlich nur für Sendelizenzen, Einschaltquoten und Verkaufszahlen einzugehen wirkt etwas unverhältnismäßig. Aber letztlich ist Blofeld in YOU ONLY LIVE TWICE auch nicht viel schlauer.


Handwerk

Produktions-Design: 4/15
Hier kam einmalig Allan Cameron (HIGHLANDER, STARSHIP TROOPERS) zum Einsatz, da Peter Lamont an James Camerons TITANIC bastelte. Seine Arbeit überzeugt mich leider überhaupt nicht. Keine seiner Kulissen schafft eine spezielle Bond-Atmosphäre. Alles wirkt kalt, steril und völlig profan. (Hätte hier Eric Serra auch noch die Musik geschrieben, hätte man wohl als Dauer-Untertitel 'Dies ist ein Bondfilm' einblenden müssen.) In fast jeder Innenaufnahme wurde vorher die Nebenmaschine angeworfen, um so wenigstens ein bisschen Tiefe und Lichtstimmung reinzubekommen. (Ich stelle mir da die Dreharbeiten vor: "Irgendwas fehlt hier." - "Ja, aber wir haben keine Zeit!" - "Okay, einnebeln! So viel wie möglich.")

Spezialeffekte: 12/15
BMW 740iL im Spionagemuseum "Top Secret" Oberhausen
BMW 740iL im Spionagemuseum "Top Secret" Oberhausen
Die Flugaufnahmen der Cruise Missile und die der Kampfjets sehen gut aus, ebenso alle Modellaufnahmen. Auch der Sprung vom Carver-Tower in Saigon ist gut getrickst. Die Satellitenszenen sehen außerdem besser aus als im Vorgängerfilm.

Action/Stunts: 13/15
Teilweise sehr gut, wie in der Vortitelsequenz und bei der Motorradjagd. Auch den Sprung am Banner vom Hochhaus finde ich nach wie vor eine phantastische Idee. Auch das Bond und Wai Lin mit Handschellen aneinander gekettet sind, was an THE 39 STEPS erinnert.

Ganz ansehnlich auch der kurze Fight im Fahrradshop. Die Autojagd, der Kampf in der Druckerei und vor allem das Finale leiden dagegen durch das einfallslose Setting.

Bildgestaltung: 12/15
An sich gelungen und auf der Höhe der Zeit, wenn auch das gewisse Etwas fehlt. Lobend hervorheben muss man den Schnitt, der vor allem die Actionszenen sehr flüssig und kurzweilig aussehen lässt.


Locations

Drehorte: 5/15

Unter diesem Aspekt der am wenigsten beeindruckende Bondfilm. Wieder entstanden zahlreiche Aufnahmen in London und Umgebung, quasi bei Broccolis um die Ecke. Darunter sogar zwei der Haupt-Actionszenen, die in einer Druckerei und einem Parkhaus realisiert wurden. Es dürfte schwierig sein, noch weniger glamouröse und einzigartige Locations zu finden. 

Mit Hamburg gibt man sich auch wenig Mühe. Die Stadt sieht nicht viel anders aus als in einem Tatort. Wie schön wäre eine Autoverfolgung mit dem ferngesteuerten Wagen in der Innenstadt oder nahe der Speicherstadt gewesen. Oder Carvers Büro mit Blick auf den Hafen. Oder Szenen auf der Reeperbahn, die Ian Fleming faszinierte, als er für seine Artikelserie Thrilling Cities Hamburg besuchte. Und, und, und. Stattdessen triste 08/15-Orte in und um London. 

Selbst die Unterwasserszenen im "Südchinesischen Meer" sehen völlig steril nach Wassertank aus. Da machte selbst Sag niemals nie mehr her.

Ein Highlight hätte Vietnam werden können, speziell Ho-Chi-Minh-Stadt, das jedoch kurzristig die Dreherlaubnis entzog, so dass man auf Thailand ausweichen musste. Hier kann man der Produktion keine Schuld geben. Die Szenen in Bangkok und der Halong-Bucht, wo auch THE MAN WITH THE GOLDEN GUN gedreht wurde, zählen zu den Highlights des Films.

Lokalkolorit: 8/15
Zumindest in den wenigen Hamburger Außenaufnahmen und in Bangkok einigermaßen vorhanden.

Kombination: 11/15
Hamburg als klassische Pressestadt ist gut ausgewählt, ebenso Thailand als asiatisches Location nahe China.



Musik

Titelsong: 10/15

Bei TOMORROW NEVER DIES gab es erstmals das Phänomen, dass es offenbar zahlreiche eingereichte Songs gab, bei denen dann eher nach Popularität ausgewählt wurde, denn nach reiner Qualität. Darunter war auch eine Komposition von David Arnold selbst, die er in den Score als Leitmotiv einarbeitete, und die im Abspann zu hören ist. 

Dem Lied von Sheryl Crow muss man zugute halten, dass es nicht die gefühlt zweihundertste Goldfinger-Variante ist, sondern sich stilistisch eher an die Siebziger anlehnt. Das passt zu den Anleihen des Films an THE SPY WHO LOVED ME. Der Text des Liedes nimmt die Perspektive des "Opferlamms" Paris Carver ein, während das auch stimmlich überzeugendere Surrender ähnlich wie Goldeneye die viel interessantere Perspektive des Gegenspielers repräsentiert. Insofern eher ein Rückschritt. Obwohl der Song nicht zu den Klassikern zählt, höre ich ihn doch ganz gern und finde ihn nicht soo schlecht. 

Allgemein: 14/15
David Arnold live in London 2014
David Arnold live in London 2014
Das Bond-Debüt von David Arnold ist ein musikalisches Ausrufezeichen. Der britische Komponist, der mit seiner Musik zu den Roland-Emmerich-Blockbustern STARGATE und INDEPENDENCE DAY einen Namen machte, wurde von John Barry persönlich als Nachfolger empfohlen.

Ich habe sowohl die Berufung von Arnold als den Soundtrack selbst seinerzeit gefeiert. Arnolds Score schmetterte mit orchestraler Wucht all das in den Kinosaal, was ich an der Musik zu GoldenEye schmerzlich vermisst hatte. Er stellt sowohl witzige als auch dramatische Akzente souverän und wirkungsvoll heraus, etwa wenn Carver "killed" in "murdered" korrigiert.

Dass er das James-Bond-Theme aus heutiger Sicht vielleicht etwas zu häufig und plakativ verwendet, ist in der zeitgenössischen Einordnung nicht nur verständlich, sondern war damals wohl auch so angefordert und notwendig.

Die Einarbeitung von Arnolds ursprünglich geplantem Titelsong Surrender in die Musik finde ich äußerst gelungen; ein kraftvolles, heroisch-cinematisches Thema. Auch der Action-Track Backseat Driver in Zusammenarbeit mit den Propellerheads sagt mir zu. Und nicht ist zuletzt das melancholische Thema für Paris schön, und gibt den entsprechenden Szenen die Emotionalität, die das Drehbuch nicht ganz hergab. Vor allem gegen Ende bietet der Film dann aber leider nicht mehr viel Inspiration, so dass der Score hier in routinierte Action-Untermalung übergeht.



Fazit - Gewonnen oder verloren?


TOMORROW NEVER DIES war seit dem ersten Kinobesuch für mich immer ein guilty pleasure, aufgrund der gelungenen Musik und vor allem der ausladenden Actionszenen. Ich mochte ihn mehr als die Allgemeinheit der Fans. Aber diesmal hat sich vor allem ab der Hälfte eine große Ernüchterung breitgemacht. Den Einstieg finde ich nach wie vor grandios. Auch den Titel, die Einführung von Carver, die Briefingszene. Aber dann fällt es sehr stark ab. Hamburg hat optisch kaum Höhepunkte, im Prinzip könnte das alles auch aus irgendeinem Actionfilm stammen. Wenn man LICENCE TO KILL seine oft recht un-glamouröse Atmosphäre vorwirft, dann gilt das hier mindestens ebenso.

Schauplätze wie Druckereien und Parkhäuser sind für einen Bondfilm einfach unwürdig. 'Cubby' Broccoli hätte die große Autojagd eines Bondfilms niemals irgendwo in London in einem Shoppingcenter drehen lassen. Dadurch und durch ein unangenehm wirkendes Product-Placement verpufft leider die an sich geniale Idee eines ferngesteuerten Gadget-Autos.

Bangkok hat als Ho-Chi-Minh-Stadt ein paar gute Momente. Vor allem Bonds und Wai Lins Kapriolen am Hochhaus, die von alten Piratenfilmen mit Errol Flynn inspiriert sind, und die Motorradjagd. Sobald die Handlung dann aber auf Carvers Stealth-Schiff angekommen ist, verliert sich der Film in recht trister Routine. Man hat im Finale irgendwie das Gefühl, dass niemand hier wirklich Spaß und Leidenschaft für seine Arbeit hat. Niemand verfolgt wirklich eine künstlerische Vision. Alles wirkt, als drehe man einen Bondfilm, weil es eben mal wieder an der Zeit ist, weil man die Miete bezahlen muss und es den Erwartungen von Publikum und Studio entspricht. Es gibt vielleicht nichts deprimiererendes an einem Bondfilm als dieses Gefühl. Dass vor dem Abspann dann eine Widmung an Albert R. Broccoli erscheint, der so viel Leidenschaft, Energie und Liebe in die Bondfilme steckte, der seinen kompletten Filmtross regelmäßig in die exotischsten Orte der Erde verschiffte, hat keinen guten Beigeschmack. Auch wenn vieles sicher sehr ungünstigen Produktionsbedingungen anzulasten ist.

Enttäuschend ist letztlich auch, wie wenig innovativ man die an sich geniale Grundidee nutzt. Gebärden sich doch vor allem Boulevard-Reporter oft selbst wie Spione und zerstören sogar Leben, wie gerade 1997 durch den Tod von Prinzessin Diana auf sehr tragische Weise klar wurde. Die einzigen beiden Szenen, in denen das etwas ausgespielt wird, sind am Anfang, als Carver die Schlagzeile für die Überlebenden eintippt, die dann erst getötet werden, und als Bond Paris findet, und dabei eine Nachrichtensendung läuft, die auch seinen Tod meldet. Ansonsten wird es nur sehr oft und sehr plakativ durch Carver behauptet. Letztlich wirkt es nur wie ein willkommener Grund, einfach so tun zu können, als gäbe es den Kalten Krieg noch.

Auf der Haben-Seite bleiben ein saucooler Pierce Brosnan, die gelungene Rückkehr des Bondthemas, tolle Vor-Titel- und Titelsequenz und einige bemerkenswerte Stunts.



Gefühlt: 9/15
Errechnet: 9,42/15

Also  65  % und eine 3+: Die Leistungen entsprechen den Anforderungen im Allgemeinen.





James Bond will return in


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