Donnerstag, 10. April 2025

Der Charakter des M als Spiegel der Produzenten

Die Handlung von SKYFALL (2012) kann man im Lichte der Übernahme des Franchise durch Amazon wie ein Foreshadowing sehen. Die Chefin von 007 hat seinen Tod in Kauf genommen und den MI-6 (das Franchise) in eine Krise gestürzt. 007 wird für tot gehalten und verschwindet für einige Zeit von der Bildfläche, während M aufgrund ihrer Fehler ihre Macht abgeben muss. Am Ende ist Bond wieder da und kann unter einem anderen Chef in ein neues Abenteuer und Zeitalter starten. 

Das ist auch insofern passend, dass Judi Dench als weiblicher Boss von Bond 1995 mit GOLDENEYE startete, dem Film, mit dem auch Barbara Broccoli das Ruder von ihrem Vater Albert übernahm. Lässt sich diese Parallele vielleicht auch auf die gesamte Filmreihe ausweiten?

Mehr als naheliegend ist da wohl, im Ur-M Bernard Lee eine Parallele zu Albert R. Broccoli zu sehen, der über Jahrzehnte hinweg die Missionen von Bond bestimmte, bis Anfang der 1970er in einer Partnerschaft mit Harry Saltzman. 1979 wurde Broccolis Stiefsohn Michael G. Wilson zum ausführenden Produzenten, insofern passt es, dass im 1981er Bondfilm FOR YOUR EYES ONLY Stabs-Chef Tanner erstmals die Aufgaben von M ausführt. Broccolis Tochter Barbara stieg 1983 mit OCTOPUSSY in das Franchise ein, dem Film, in dem zum ersten Mal mit Robert Brown ein neuer M zu sehen war. 

Edward Fox & Kevin McClory
Etwas ironisch erscheint in dem Zusammenhang, dass im Konkurrenzfilm NEVER SAY NEVER AGAIN (1983) von Produzent Kevin McClory - der das Franchise jahrelang juristisch angriff - ein M zu sehen ist, der auch Bond gegenüber fast schon feindselig eingestellt ist. 

Mit GOLDENEYE übernahm erstmals eine Frau die Führung des Franchise, und äquivalent dazu sieht man auch eine Frau an der Spitze des MI-6. Zumindest in den Brosnan-Bondfilmen wurde der echte Name von M nie erwähnt. Aber der Name 'Barbara Mawdsley' tauchte in einem frühen Drehbuch von GOLDENEYE auf, und wurde von Raymond Benson in seinen Novelisierungen verwendet. Ein weiterer sehr deutlicher Hinweis darauf, dass eine Parallele zwischen Bonds realem und seinem fiktivem Boss durchaus beabsichtigt sein könnte.

Interessant ist an den Bondfilmen seit 1995, dass M eine zunehmend ambivalente Rolle spielt. War M in der Reihe bis 1989 eine väterliche Autoritätsperson für Bond und ein unhinterfragbar guter Charakter, werden nun Schattenseiten und Fehler des Bosses analysiert. In THE WORLD IS NOT ENOUGH, und SKYFALL ist sie für die Entstehung der Feinde direkt mit verantwortlich. Und während M Bond in SKYFALL nur fast umbringen ließ, ist der neue M - dargestellt von Ralph Fiennes - durch einen von ihm in Entwicklung gegeben Designervirus dann tatsächlich für den Tod von Bond verantwortlich. Wer solche Chefs hat, braucht eigentlich gar keine Gegner mehr. Man kann daher nur hoffen, dass die Parallelen zwischen M und den Produzenten mit SKYFALL enden.


1 Kommentar:

  1. Was ich interessant finde: mit Judy Dench kam nicht nur die erste, weibliche "M" - bei ihrer Darstellung sah man erstmals eine Mischung aus Härte und so etwas wie einen fast mütterlichen Touch. War sie im ersten Brosnan-Bond noch ganz die kühle Chefin, die ihrem Agenten in "Golden Eye" praktisch gleich zu Beginn als frauenfeindlichen Dinosaurier und (offensichtlich schon verzichtbares) Relikt des kalten Krieges bezeichnet, wird das Verhältnis zwischen den beiden von Film zu Film irgendwie viel freundlicher.

    Dass diese "M" für Bond evtl. so ewas wie ein familiärer Ersatz sein könnte, deutet sich meiner Ansicht auch etwas im letzten Brosnan-Bond "Stirb an einem anderen Tag" an. In der Daniel Craig-Ära kann man dann gar nicht mehr übersehen, dass die Macher Bond und "M" in ein engeres Band zwängen wollten. Richtig deutlich wird dieser Umstand natürlich in "Skyfall", dem letzten Auftritt von Judy Dench. "M" stirbt in den Armen des Geheimagenten, un der weint/trauert wie ein Sohn, der seine Mutter verloren hat. Das ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, weil James Bond ansonsten eher sparsam mit seinen Emotionen umgeht. Für ihn muß "M" also schon sehr viel mehr gewesen sein, als eine fordernde, beinharte Vorgesetzte.

    Wenn ich ehrlich bin, dann gefiel mir diese Entwicklung irgendwie nicht wirklich - mit Ralph Fiennes als Nachfolger für Dench hat man das alles dann ja auch wieder zurückgefahren. Und ich bin der Meinung, dass diese Umkehr der Figur "M" gut getan hat - ebenso würde ich einen kommenden Bond eher emotionell sehen wollen.

    Es gibt nach meiner bescheidenen Ansicht auch nur einen Bond, in dem diese Mischung aus Härte und Emotionen richtig gut gelungen ist - und das ist "Im Geheimdienst ihrer Majestät". Aber dazu mehr, wenn ich zum entsprechenden Artikel über George Lazenby komme.

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