Freitag, 9. Oktober 2020

Kino in der Krise

Mit der Entscheidung, Keine Zeit zu sterben auf April 2021 zu verschieben, hat sich der Hoffnungsträger der Kinos für dieses Jahr verabschiedet und entsprechende Schockwellen in der Branche ausgelöst. In der Folge beschloss die zweitgrößte US-Kinokette Cineworld, 536 Kinos in den USA und 127 in Großbritannien vorerst wieder zu schließen (siehe hier). Die britische Kette Odeon, zu der auch UCI gehört, plant, ihre Standorte nur noch am Wochenende zu öffnen. Weitere Blockbuster wie DUNE oder TOP GUN MAVERICK wurden nun ebenfalls auf nächstes Jahr verschoben, THE BATMAN sogar auf 2022!

Während James Bond im Kino regelmäßig die Welt rettet, hätte er in der Realität nun - vielleicht nicht 'das Kino' - aber wenigstens ein paar tausend Existenzen retten können. Und ein Zeichen für das Medium setzen, das ihn groß gemacht hat. Stattdessen wartet der Super-Agent ohnmächtig auf seinen in die unbestimmte Zukunft verschobenen Einsatz. Angesichts dieser Spirale aus Vorsicht und Angst fragt man sich: Wie hat die Filmindustrie eigentlich frühere und schwerere Pandemien überstanden? Ein Blick zurück.


Verheerende Zustände in Berliner und Münchener Krankenhäusern! Notbetten auf den Fluren und in Badezimmern. Es herrscht Bestattungsnotstand, Särge müssen in Gewäschshäusern zwischengelagert werden. Medikamentenlager sind leer; rund 30 % der Schwestern selbst infiziert. 

Dieser Zustand herrschte nicht 2020, sondern im Winter 1969/70 im Zuge der sogenannten Hongkong-Grippe. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, dass das Land diese Krise so gut überstanden hat, dass man sich kaum mehr daran erinnert. Dementsprechend findet man auch wenig Details zu dieser Pandemie, beispielsweise zu der Frage, inwieweit sie die Einspielergebnisse von Kinofilmen beeinflusst hat. Tatsächlich enttäuschten einige im Winter 1969 gestartete Filme an der Kinokasse, wie etwa das Mucical HELLO, DOLLY!, der Hitchcock-Thriller TOPAZ und der Bondfilm ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE (Im Geheimdienst Ihrer Majestät). Allerdings gibt es dafür auch gute alternative Gründe, denn es war insgesamt eine schwierige Zeit für Hollywood. Andere Filme wie M*A*S*H oder in Deutschland EASY RIDER waren in diesem Winter große Erfolge.

Die Hongkong-Grippe hatte bei einer durchaus vergleichbaren Schwere wenig Auswirkungen auf die Filmindustrie. Ähnliches kann man für die Asiatische Grippe 1957/58 sagen, an der ebenfalls weltweit zwischen einer und zwei Millionen Menschen starben. (Covid-19 forderte bisher etwas über eine Million Opfer.) In diesem Winter starteten Klassiker wie Die Brücke am Kwai, Zeugin der Anklage, Jailhouse Rock oder Wege zum Ruhm.

Gründung der langjährig an Bond
beteiligten United Artists 1919
Die sogenannte Spanische Grippe von 1918/19 beeinträchtigte Kinobetrieb und Filmproduktion wesentlich stärker, aber deren Letalität war auch um ganze Größenordnungen höher als die von Covid-19. Doch selbst da waren die Gegenmaßnahmen weniger drastisch. Viele Kinos wurden geschlossen, allerdings auch nicht dauerhaft. In Los Angeles etwa nur für sieben Wochen. Viele kleinere Produktionsfirmen verschwanden aufgrund der ausbleibenden Nachfrage und machten die großen Studios noch größer. Obwohl auch damals schon ein Ende des noch jungen Mediums beschworen wurde, ging Hollywood letztlich sogar gestärkt aus der Krise hervor. In Deutschland wurde im Pandemie-Winter 1919 mit Das Cabinet des Dr. Caligari einer der einflussreichsten Klassiker der Filmgeschichte gedreht, eine zeitlose Warnung vor Autoritätshörigkeit und Manipulierbarkeit des Menschen.


Während also Jahre mit ähnlichen und schwereren Pandemien zahlreiche Filmklassiker hervorgebracht haben, wird 2020 wohl als ein Jahr der ritualisierten Angst und Vorsicht in die Geschichte eingehen. Heraus ragt einzig und allein ein Name: Christopher Nolan. Der einzige Mann mit Mut und Visionen in einer Zeit des Zögerns und Zurückziehens. Auch wenn TENET nicht der erhoffte Erfolg auf Augenhöhe mit THE DARK KNIGHT oder INCEPTION ist, ist er doch das einsame Highlight des Jahres. Und so verständlich die erneute Verschiebung von NO TIME TO DIE aus finanzieller Sicht ist, so verheerend ist sie als Signal. James Bond hat hier die historische Chance, auch jenseits der Leinwand heroisch zu handeln und als Hoffnungsträger zu gelten, vertan.

Angesichts der massiven Schließungen und Verschiebungen ist es nicht unwahrscheinlich, dass Kinos dasselbe Schicksal erleiden werden wie Videotheken und größtenteils aussterben. Insofern könnte sich die Entscheidung gegen einen Kinostart in diesem Jahr auch als Bumerang erweisen, denn zum einen wird es höchstwahrscheinlich wesentlich weniger Leinwände im April 2020 (oder wohl realistischer im November) geben. Zum anderen ist es nicht selbstverständlich, dass eine Filmreihe wie James Bond auf längere Sicht ohne die große Leinwand funktionieren wird. Leider trifft diese Mutlosigkeit der Studios auf ein steigendes Desinteresse des Publikums am Kinoerlebnis, das auch schon vor den Beschränkungen da war. Das gemeinsame Lachen, Staunen oder Gruseln, das kollektive Träumen und Durchleben einer Heldenreise, das Generationen von Menschen gerade in dunklen Zeiten Kraft und Trost gegeben hat, wird schulterzuckend zugunsten der heimischen Couch aufgegeben. (Hierzu möchte ich auch auf eine sehr gute Analyse von Filmkritik verlinken.)

In Anlehnung an ein oft bemühtes indianisches Zitat könnte man sagen: Erst wenn die letzte Kinokarte verkauft, die letzte Leinwand dunkel geworden und der letzte Kinosaal in ein Kaufhaus umgebaut wurde, wird man merken, dass Kultur keine Frage der Bildschirmgröße ist. Vielleicht hilft ein Blick zurück, wie Menschen wesentlich bedrohlichere Gefahren überwunden haben, mit Mut und Tatkraft. Hätte man während der Spanischen Grippe geglaubt, dass es eine 'Rückkehr zur Normalität' nur mit einem Impfstoff geben kann, wären wir heute wohl wieder in der Bronzezeit, denn ähnlich wie bei AIDS oder SARS-Cov-1 gibt es bis heute keinen. Irgendwann sollte die Wertschätzung für das, was man zukünftigen Generationen hinterlässt, größer sein als die Angst. Für Wirtschaft und Kultur kann man das nur inständig hoffen.


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