Donnerstag, 13. August 2020

Hitchcocks Anti-Bond

Alfred Hitchcock's The Short Night, Sean Connery, Liv Ullmann
Eigener Plakatentwurf
In den späten 1960er und den 1970er Jahren hatte Meisterregisseur Alfred Hitchcock ein ähnliches Problem, wie es James Bond später oft hatte. Er hatte sein eigenes Genre kreiert und es darin zur absoluten Meisterschaft gebracht. Doch diese Meisterschaft wollte das Publikum in späteren Werken trotz aller Bemühungen nicht mehr erkennen.

Mit PSYCHO (1960) hatte Hitchcock - fast als Independentfilmer - seinen wahrscheinlich einflussreichsten und legendärsten Film geschaffen. Das große Publikum erreichte er danach dann nur noch einmal - mit THE BIRDS (Die Vögel, 1963). MARNIE mit Bondstar Sean Connery kam sowohl bei Kritikern als auch Zuschauer nicht so gut an, ebenso wie seine beiden Cold-War-Agententhriller TORN CERTAIN (Der zerrissene Vorhang, 1966) und TOPAZ (1969). Gerade aus der Perspektive der Bondfilme lohnt sich jedoch ein Blick auf letztere, da er er sie zum Teil als Gegenentwürfe zu 007 konzipierte. Sein letztes Filmprojekt sollte dieses 'Anti-Bond'-Element noch einmal verstärken: THE SHORT NIGHT, für das er noch einmal mit Sean Connery zusammenarbeiten wollte.





Das Filmprojekt beruhte auf dem gleichnamigen Roman von Ronald Kirkbride. Der Kanadier hatte sich auf romantische Thriller vor historischer Kulisse spezialisiert. Zu seinen bekanntesten Romanen gehört A Girl Named Tamiko, der 1962 verfilmt wurde. The Short Night wurde immerhin mit einem Zitat von Alistair MacLean auf dem Cover beworben: "Kirkbride is to be rated above Ian Fleming."

Hotel Nimb, Kopenhagen, in Torn Certain (Der zerrissene Vorhang)
Hotel Nimb im Tivoli, hier unterhalten sich Paul Newman und Julie Andrews in
TORN CERTAIN; der Ort war auch für THE LIVING DAYLIGHTS im Gespräch
Das Buch spielt in Finnland, auf einer Insel  nahe Helsinki. Bereits im August 1968 reiste Alfred Hitchcock mit seiner Frau Alma nach Helsinki und der südfinnischen Stadt Savonlinna, um sich potentielle Drehorte anzusehen.

Es wäre damit nach TORN CERTAIN und TOPAZ der dritte Agententhriller gewesen, den Hitchcock in Skandinavien ansiedelt. TORN CERTAIN (Der zerrissene Vorhang, 1966) beginnt auf einer Fähre in Richtung Dänemark. Weitere Szenen spielen dann im Hotel Angleterre in Kopenhagen, im berühmten Hafenviertel Nyhavn und im Vergnügungspark Tivoli. Allerdings wurden nur einige Establishing Shots in Kopenhagen aufgenommen, und die Hotel-Lobby, das Restaurant des Hotels Nimb im Tivoli oder eine Häuserfront in Nyhavn im Hollywood-Studio gebaut. Auch für TOPAZ drehte man einige Anfangsszenen in der dänischen Hauptstadt - unter anderem auf dem Rathausplatz - diesmal sogar mit den Schauspielern vor Ort.

Die skandinavischen Länder eigneten sich durch ihre Nähe zur Sowjetunion besonders gut als Hintergrund für Spionagethriller. Auch für THE LIVING DAYLIGHTS (Der Hauch des Todes, 1987) plante man ursprünglich, für die Geschichte um das Überlaufen eines zwielichtigen KGB-Generals Kopenhagen und den Vergnügungspark Tivoli als Schauplatz zu nutzen.

Das Londoner Wormwood-Gefängnis,
hier beginnt die Geschichte
Die Geschichte von The Short Night beginnt mit dem Ausbruch des MI6-Agenten und Verräters Gavin Brand aus einem britischen Gefängnis. Der verurteilte Doppelagent will sich nach Finnland durchkämpfen, wo seine Frau und seine beiden Söhne auf ihn warten. Zusammen mit ihnen will er dann nach Moskau fliehen.

Die CIA heuert den Zivilisten Joseph Bailey an, um Brand zu eliminieren, bevor er entkommen kann. Da Baileys Bruder von Brand ermordet wurde, nimmt er diesen schmutzigen Auftrag schließlich an. Er macht Brands Familie auf einer finnischen Privatinsel aus, wo sie von zwei weiblichen KGB-Agenten beobachtet werden. Während Bailey zusammen mit Brands Frau Carla auf die Ankunft von Brand wartet, verlieben sich die beiden ineinander.

Schließlich taucht Gavin Brand auf. Als er Bailey und Carla erwischt, versucht er sie in einer Sauna zu ermorden. Sie können entkommen und verfolgen Brand, der die beiden Söhne entführt hat und mit ihnen versucht, im Zug über die Grenze nach Leningrad zu entkommen.

Der Schurke Gavin Brand basierte auf dem früheren MI6-Agenten George Blake, der tatsächlich aus einem britischen Gefängnis entkam und sich in die Sowjetunion absetzte. Die frühere Geschichte von Blake, der nach einer Gefangenschaft in Nordkorea zum Doppelagenten für den KGB wurde, inspirierte auch die ursprüngliche Story von DIE ANOTHER DAY (mehr zum ursprünglichen politischen Hintergrund des Films hier).

Hitchcock faszinierte vor allem der Aspekt, dass sich ein Mann in eine Frau verliebt, während er auf ihren Ehemann wartet, um ihn zu töten. Diese Grundkonstellation verglich er mit NOTORIOUS (Berüchtigt, 1946), in dem ein Mann die Frau, die er liebt, dazu drängt, mit einem anderen Mann zusammenzukommen. Eine weitere Motivation, die er auch schon bei TORN CERTAIN und TOPAZ verfolgte, war, einen Gegenentwurf zu den Bondfilmen zu kreieren. Hitchcock wollte zeigen, dass die Welt der Spionage alles andere als glamourös ist, und einen Menschen töten zu müssen alles andere als cool. In TORN CERTAIN gibt es eine sehr ausführliche Szene, in der Paul Newman und eine Agentin einen Mann umbringen müssen, was sie nach vergeblichen Mühen erst schaffen, nachdem sie seinen Kopf in einen Gasofen halten. (Wobei man sagen muss, dass auch die Bondfilme schon als eskapistischer Gegenentwurf zu realistischeren Agententhrillern konzipiert wurden, und Hitchcock selbst mit THE 39 STEPS (Die 39 Stufen) und NORTH BY NORTHWEST (Der unsichtbare Dritte) ein Vorreiter dieses eher ironischen und leichteren Agentenfilms war.)

Alfred Hitchcock in Helsinki
Hitchcock auf Locationsuche in
Helsinki 1968
Auch in TOPAZ gibt es eine denkwürdige Sterbeszene mit Karin Dor, die bereits im Bondfilm Man lebt nur zweimal einen Filmtod für die Ewigkeit starb. Hier besetzte Hitchcock einen Agenten mit dem Schauspieler Frederick Stafford, der in den OSS-117-Filmen einen bondähnlichen Charakter verkörpert hatte. TOPAZ ist der vielleicht komplexeste Film Hitchcocks, mit einem Ensemble von Darstellern und mehreren, parallel verlaufenden, tragischen Liebesgeschichten - was auch hier schon einen Gegenentwurf zu Bond darstellt.

Die Hauptrolle von THE SHORT NIGHT wollte Hitchcock mit Sean Connery besetzen. Für die Rolle der Carla Brand (ein Name, der Bondfans an Gala Brand erinnert) favorisierte er die Schwedin Liv Ullmann, die Muse des von ihm bewunderten Ingmar Bergman. Auch Catherine Deneuve stand auf der Liste. Für den Gegenspieler Gavin Brand wurde Walther Matthau in Betracht gezogen, der bereits in einer Folge von Alfred Hitchcock presents aufgetreten war.

Seit Ende der 1960er Jahre litt Alfred Hitchcock zunehmend an Schmerzen durch eine Arthritis, die er mit Alkohol zu betäuben versuchte. Auch die Gesundheit seiner Frau Alma ließ nach, was ihn depressiv machte. Bereits die Dreharbeiten zu FRENZY (1971), während der Alma zwei Schlaganfälle hatte, litten darunter. Auch bei TOPAZ und FAMILY PLOT (1976) wurde ein großer Teil der Dreharbeiten vom Team übernommen. Das Studio stoppte daher die Vorbereitung von THE SHORT NIGHT 1979, und Hitchcock verstarb nur kurz darauf im April 1980.

Bahnhof Helsinki, eine potentiell
perfekte Hitchcock-Location
Wie realistisch wäre dieses Filmprojekt im Endeffekt aber auch bei einer noch guten Gesundheit von Hitchcock gewesen? Alfred Hitchcock interessierte sich bereits Ende der 1960er für den Roman The Short Night, noch vor TOPAZ, und besuchte entsprechende Locations in Finnland. Aber es kamen dann immer wieder andere Projekte dazwischen. Frühere Beteiligte sagen aber auch, dass sich das Projekt als sehr problematisch erwies, und er deshalb dann doch immer nach alternativen Stoffen suchte. Ernest Lehman, der bereits NORTH BY NORTHWEST geschrieben hatte, versuchte sich an dem Stoff. Danach übernahm Norman Lloyd, und schließlich lieferte David Freeman einen Entwurf ab, der in seinem Buch The Last Days of Alfred Hitchcock enthalten ist.

Sean Connery spielte 1979 mit METEOR und CUBA in eher durchschnittlichen Filmen und suchte nach guten Rollenangeboten. Grundsätzlich wäre er für eine erneute Zusammenarbeit mit Hitchcock sicher offen gewesen, zumal er bereits für MARNIE unbedingt mit ihm arbeiten wollte und die Dreharbeiten in positiver Erinnerung hatte. Mit dem Konzept eines ambitionierten Gegenentwurfs zu Bond hätte man bei ihm wohl auch offene Türen eingerannt. Allerdings ist der Charakter Joe Bailey im Drehbuch ein US-Amerikaner. Und auch für den Konflikt eines Mannes, der sich in eine Frau verliebt und damit hadert, deren Ehemann zu töten, erscheint Connery vielleicht nicht unbedingt als Idealbesetzung. Andererseits wäre der finale Kampf zwischen Bailey und Brand im Zug von Helsinki nach Leningrad mit Connery auch eine interessante Variation von Liebesgrüße aus Moskau gewesen.

Grundsätzlich wäre es Hitchcock sehr zu wünschen gewesen, noch einmal in dem von ihm geprägten Genre des Agententhrillers und Dramas zu brillieren, wobei es aufgrund seines Gesundheitszustandes in den 1970ern wohl so oder so eher unwahrscheinlich war. Von all den Filmen, die er plante, aber nicht realisieren konnte, ist es einer der interessantesten.


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Weiterführende Links:

- Script Review: Hitch's "Short Night"
- The Short Night - Alfred Hitchcock Wiki
- The Short Night, wikipedia
- Working with Alfred Hitchcock on his last film in 1982
- A short Knighthood - Alfred Hitchcocks Final Years
- Sex in a Submarine

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